Leben

Das gabs noch nie: Zwei Schweizer  sind mit Stand-up-Brettern bis ans Schwarze Meer gepaddelt

© Samuel Schumacher

Julian Kappis und Florian Schaffner sind auf der Donau bis an die bulgarische Küste gepaddelt - wilden Tieren und ungarischen Grenzwächtern zum Trotz.

Es war der Sommer, in dem sich die ganze Schweiz fragte, ob im Hallwilersee tatsächlich ein gefrässiger Kaiman haust. Doch Julian Kappis, 34, und Florian Schaffner, 32, hatten weit weg mit ganz anderen real existierenden Viechern zu kämpfen. Sie standen am Ufer der Donau im kroatischen Örtchen Erdut, in den Armen 22 Ruder-Tage, an denen sie sich mit ihren Stand-up-Paddles flussabwärts Richtung Schwarzes Meer gekämpft hatten.

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Es war heiss, sie waren verschwitzt und um ihre Köpfe summten Tausende Mücken. Julian erzählt:

Und wenn er gewusst hätte, dass die Mückenplage zwei Wochen später im rumänischen Islaz noch schlimmer wird und nicht einmal die mitgeführten 1,5 Liter Anti-Brumm mehr etwas nützten, dann hätte er sein Paddel wohl erst recht hingeschmissen. Alleine auf dem Handrücken wurde er 15-mal gestochen. Seine Arme sahen aus wie jene eines Pockenpatienten.

Doch das ist ja das Schöne am Reisen: Man weiss nie, was noch kommt – und lässt sich vom Ungewissen nicht abschrecken. Julian und Florian sowieso nicht, im Gegenteil. Die beiden Wirtschaftsinformatiker lieben das Abenteuer, seit sie nach ihrem Bachelorabschluss mit zwei 3,5-Meter-Brettern von ihrem Wohnort Mellingen an der Reuss nach Rotterdam gepaddelt sind.

Drei Jahre später lockte sie die schöne blaue Donau. Ihr Ziel: Die 2452 Kilometer vom deutschen Städtchen Vohburg an der Donau bis ans Schwarze Meer mit reiner Muskelkraft, mit nichts als ihren Boards und nur auf dem Wasser zurückzulegen.

© Grafik: Lea Siegwart

Stand-up-Paddles (oder SUP, wie sie auch heissen) erfreuen sich in der Schweiz wachsender Beliebtheit. Polynesische Fischer und hawaiianische Adlige wussten schon lange um die Effizienz des aufrechtstehenden Ruderns. Der Trend ist inzwischen längst nach Europa und auf die Schweiz übergeschwappt. Seit neuem preist Schweiz Tourismus die rund 65000 Kilometer Flüsse und Seen im Land sogar als «Eldorado für Stand-up-Paddler» an.

Kein Fisch, kein Alkohol, keine «Krankheiten an Bord»

Doch die hiesigen Seen und Flüsse wurden den beiden SUP-Fans Julian und Florian irgendwann zu öde. Die Ferne lockte, sie hatten ihren Master frisch im Sack und Lust auf Meeresluft. Also packten sie ihre sieben Sachen in wasserdichte Taschen (neben Ersatzwäsche, Proteinriegeln und Flickzeugs auch allerlei Elektronik, um jeden Tag ihren Blog auf www.suptosea.org aktuell halten zu können).

Sie wasserten in Vohburg ein (weil Mellingen leider nicht an der Donau liegt) und legten los: 46 Tage dauerte die Reise, 326 Stunden und 28 Minuten standen sie auf ihren SUP. Im Schnitt legten sie 57 Kilometer pro Tag zurück (einmal quer durch den Bodensee von West nach Ost), machten zusammen 811 288 Paddelschläge und verbrannten dabei je 79 707 Kalorien. Eine solche SUP-Tour hat noch kaum einer vor ihnen gemacht.

Die Reise führte vorbei an Wien, Bratislava, Budapest und Belgrad. Die Donau trug sie durch wilde rumänische Wälder, weit hinein in märchenhafte Auenlandschaften.

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Sie durchquerten das «Eiserne Tor» (eine Flussenge in den südlichen Karpaten), zogen vorbei an endlos scheinenden Wiesen und begegneten immer wieder riesigen Stauwehren, vor denen sich der Fluss kilometerlang praktisch ohne Strömung staute.

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Sie paddelten durch Deutschland, Österreich, Ungarn, Serbien, Kroatien, Rumänien und Bulgarien, Julian meist vorne, Florian hinten. Letzterer sagt dazu:

So abenteuerlich die Idee klingt, auf Europas zweitlängstem Fluss (die Wolga ist nochmals 700 Kilometer länger) quer durch die Alte Welt weit in den Osten zu paddeln: Die beiden Aargauer haben den Trip – bis auf die Mückenattacken – praktisch schadlos gemeistert. «Wir haben nie Fisch gegessen, um unsere Mägen zu schonen, und kaum je Alkohol getrunken», sagt Florian.

Stattdessen gab’s viel Milch zum Frühstück, viel Kohlenhydrate am Abend und dazwischen immer wieder Bananen (Florian) und Red Bull (Julian). Beide sind je einmal ins Wasser gefallen und beide haben immer mal wieder die Hitze verflucht. Julian berichtet:

Wirklich gefährlich wurde die Reise nie. «Richtig mühsam» aber schon, sagt Florian.

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Bei der Ausreise aus dem Schengenraum an der ungarisch-serbischen Grenze zum Beispiel, wo sie in einem Formular für Flussreisende angeben sollten, wie viele Crewmitglieder sie auf ihrem Schiff mitführten, wie viele PS ihre Motoren hätten und ob sie von Krankheiten an Bord wüssten.

«Wir wurden von der Dame im Wartehäuschen zuerst zur Polizei, dann zum Zoll, dann zur Wasserpolizei und zur Feuerwehr geschickt. Keiner wusste so recht, wie man mit zwei Stand-up-Paddlern verfahren sollte», erzählt Julian. In Osteuropa ist der Hype um die Stehbretter ganz offensichtlich noch nicht angekommen.

Der Sicherheitscheck kam erst ganz am Schluss

Dafür waren die Begegnungen mit den staunenden Bewohnern der Uferdörfer umso herzlicher. Mit jener Kroatin etwa, die ihnen aus der Zeit im Krieg erzählte, als sie jeweils die Wäsche vorbeikommender Nato-Soldaten gewaschen habe.

«Hello, tomorrow»: Das seien die einzigen Worte gewesen, die sie auf Englisch habe sagen können. Und als dann mal ein ganzer Lieferwagen mit Dreckwäsche vorgefahren sei, da habe sie halt auch wieder nur «hello, tomorrow» sagen können und das halbe Dorf zur Hilfe gerufen. In jener Nacht habe sie sich geschworen, dass sie besser Englisch lernen wolle.

Dreckige Wäsche: Davon konnten die beiden SUP-Fanatiker ein Liedchen singen, als sie nach 46 Tagen auf die Zielgerade im bulgarischen Donaudelta am Schwarzen Meer einbogen.

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Hierhin, wo die Donau jedes Jahr 70 Millionen Kubikmeter Sediment hinbringt, hierhin, wo der breite Fluss im weiten Meer verschwindet, hierhin hatten sie es geschafft, mit reiner Muskelkraft und Ausdauer, mit zerlöcherten Handschuhen und kaputten Schuhsohlen. Florian erzählt:

Und dann, zuallerletzt, hat er die Airbagschwimmweste getestet, die er 46 Tage lang um den Bauch geschnallt hatte und nie gebrauchen musste. «Safety last», sozusagen. Die Schwimmweste funktioniert, dem nächsten SUP-Abenteuer steht nichts mehr im Wege.

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