Weit unten im teufen Thal, unmittelbar vor dem Wald, der steil bis zur rothen Fluh empor steigt, schmiegen sich drei Höfe an den breiten Bach. Seit Jahrhunderten trotzen Nusshof und Oberhof dort, neben der alten, knorrigen Eiche, Wind und Wetter. Auch dem dritten im Bunde, dem neuen Hof, der mit einem mächtigen Horn ussen an der Wand verziert ist, wird nichts je etwas anhaben können. Der Felssturz vor einem halben Jahr hat das Dorf zwar schwer getroffen. Aufgeben aber war nie eine Option. Oder frei nach Goethe: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes und Dauerhaftes bauen.“

Es ist ein idyllischer Flecken Erde. Majestätisch hebt sich ein Geschwader Lochtauben in den blauen Himmel. Auf den saftig grünen Wisen muhen die Kühe. Am Waldesrand jenseits der langen Bruck, wo der Biber ist und die Füchse hausen, halten die Magden jeden zweiten Tag ihre Messen. Manchmal laufen sie auch hinüber ins Gotteshaus, weil es ihnen zuwider ist, wenn die Kirch leer aussieht, sitzen auf den alten Benken und erzählen sich von diesen und deren Dingen. Oft ringen sie dabei um Worte. Meist dann, wenn sie Erdogan singen hören. Der wäre nur allzu gerne ihr holder Banknachbar, führt sich aber jeweils auf wie weiland Kaiser Augst. Freunde findet er so natürlich nicht.

Er ist die eine Ausnahme, die es überall gibt. Ansonsten ist es ein Urdorf mit völlig unbescholtenen Bürgern. Nichts Verruchtes, kein „Village of Sins“, kein Dorf der Sünden. Hier ist die Welt noch völlig in Ordnung. Hier kommt kein Schaf is Heim. Hier lebt Jakob Lenz. Einst war er Gebüreneintreiber und galt als Flausenmacher, heute schreibt er Kurzgeschichten. „Komm zum See, Wendelin“ ist sein aktueller Bestseller, und wenn er aus seinem neuen, schönen Buch vorliest, merkt man, wie gut es ihm mittlerweile geht. Das war nicht immer so. Früher – man möge es ihm verzeihen – war ihm seine Gesundheit so ziemlich egal. Und es kam, wie es in solchen Fällen zwingendermassen immer kommt: Seine Organe begannen zu streiken. Seit er diesen Geschwüren losgesagt hat, ist er ein neuer Mensch. Er macht sogar wieder Sport. Allerdings ungern allein. „Denn wenn ich solo thurn, bin ich nachher müde und muss ganz vil ligen.“ Er sei halt auwch nicht mehr der Jüngste.

Neulich, auf der anderen Brugg: Köbi lehnt sich lässig ans Geländer, lässt seinen Blick mal hoch zur Burg, dann wieder runter aufs Wasser schweifen, dorthin, wo die Kinder vergnügt baden. Im Ohr „Highway to Hell“, Ikone der späten 1970er, die Wangen vom kühlen Wind leicht gerötet, wartet er auf seinen alten Freund Röbi Fricker. Der hofft seit über einer halben Stunde auf ein Staufenster. Weil die Buusspur wegen eines Rohrbruchs gesperrt wurde, bricht der Verkehr rund ums Dorf regelmässig zusammen. Als sein Kumpel endlich auftaucht, zeigt Köbi mit dem Finger vorwurfsvoll auf Röbis Uhr. Sie lachen, fallen einander in die Arme. Und sie reden und reden und reden – über die Bundesratswahlen, über ihr Heimatdorf Nuglar-St. Pantaleon, übers Leben. Zum Schluss gibt Köbi seinem Freund noch einen guten Rat mit auf den Weg. „Wie schon Winnetou-Schöpfer Karl Mai sprach, so sag ichs nun auch dir: Jeder Mensch will glücklich werden, das ist falsch. Jeder Mensch soll glücklich machen, das ist richtig.“ Röbi überlegt kurz und denkt sich mit einer gehörigen Dosis Sachverstand: Genau so muss es sein. Immer dem Herz nach.

Was uns diese gesellschaftskritische Geschichte sagen will? Nichts. Aber vielleicht finden Sie ja die 60 Orte aus der Region, die ich im Text versteckt habe. Ich weiss, die Jahreszeit passt nicht zu hundert Prozent. Aber Ostern kommt bestimmt bald.

Übrigens: Seit das aargauische Scherz mit Lupfig fusioniert hat, gibt es schweizweit nur noch vier Gemeinden mit Herz. Die anderen drei sind alle im Kanton Bern: Herzogenbuchsee, Lüscherz und Twann-Tüscherz. Aber das können Sie jetzt eigentlich auch gleich wieder vergessen.

Nächster Halt: Lommiswil SO