Ein fiktives Gespräch

Das wird mich mein Göttikind zur neuen, molligen Barbie fragen

Rechts die neue Barbie mit Hüftgold. Ab März/April in der Schweiz erhältlich. Dass bei der Grossen und der Kurvigen mehr Plastik verbraucht wurde, hat keinen Preisanstieg zur Folge (etwa Fr. 19.90).

Rechts die neue Barbie mit Hüftgold. Ab März/April in der Schweiz erhältlich. Dass bei der Grossen und der Kurvigen mehr Plastik verbraucht wurde, hat keinen Preisanstieg zur Folge (etwa Fr. 19.90).

Barbie gibt es neben dem ultraschlanken Original nun auch mit Kurven. Unsere Autorin beschäftigt sich jetzt schon mit den Fragen, die ihr ihr 6-jähriges Gottimeitli stellen könnte. Ein fiktives Gespräch.

Gotti, warum gibt es jetzt so viele verschiedene Barbies?

Gotti: Damit du noch mehr Puppen zum Spielen hast. Nein, eigentlich gibt es einen anderen Grund. Die Firma, die die Barbies herstellt, hat ein Problem. Manche Leute werfen den Barbie-Machern vor, dass die blonden Bohnenstangen dir und deinen Freundinnen ein falsches Schönheitsideal und Frauenbild vermitteln. Man macht sie mitverantwortlich für den Magerwahn bei jungen Frauen.

Was, das soll alles die Schuld von Barbie sein?

Ja. Schon ein bisschen extrem, dass die Verantwortung auf eine Plastikpuppe abgeschoben wird. Ähnlich wie die Computerspiele, die immer herhalten müssen, wenn Buben gewalttätig sind. Deswegen hat man jetzt neue Barbies gebastelt. Durch die Kombination von den vier neuen Körperformen (die alte, eine zierliche, eine grosse und eine kurvige) mit sieben verschiedenen Hautfarben, 22 verschiedenen Augenfarben und 24 verschiedenen Frisuren kannst du viele Barbies haben. Schwarze und asiatische, lang- und kurzhaarige, grosse und kleine, mollige und schlanke ...

In allen Farben und Formen: «Barbie»-Werbeclip zeigt die neue Vielfalt der Puppen

Ich fand die Blonde mit den langen Haaren eigentlich ganz gut. Ich konnte ihr die Haare frisieren und schneiden wie ich wollte. Und sie in allen Farben anmalen.

Aber so sehen die Frauen nun mal nicht aus. Die Barbie-Macher wollten, dass «ihre Puppen mit der Zeit gehen». «Wir haben die Verantwortung, Mädchen und Eltern eine breitere Auffassung von Schönheit zu präsentieren», sagte etwa Evelyn Mazzocco von der Barbie-Hersteller-Firma Mattel. Sie wollen «die Welt sorgfältiger reflektieren, die ihr Mädchen um euch wahrnehmt».

Aber warum denn erst jetzt? Du hast doch schon mit Barbies gespielt, die auch so knochig waren.

Das ist eine gute Frage, meine Liebe, die stellen sich derzeit einige. Unrealistische Knochengerüste sind sie ja schon seit 57 Jahren. Sie stehen auch schon lange in der Kritik. Daher ist die neue Barbie-Reihe vor allem auch eine Geldmacherei. Mattel verdient viel Geld mit deinem Spielzeug, aber in den letzten Jahren haben sie weniger Umsatz gemacht. Und weil ihr Kinder ja immer die neusten Spielsachen haben wollt, kommen immer neue Barbies ins Regal. Und Mami soll ja Barbies kaufen und nicht Lego oder andere Puppen.

Die neue Barbie-Kollektion

Die neue Barbie-Kollektion

Und wenn ich eine mollige Barbie hab oder die kleine, passen denen dann auch die Kleidchen?

Stretch-Sachen gehen bestimmt. Aber schau, das ist eine weitere Taktik. Denn Mami muss noch mehr Tüll-Glitzer-Roben kaufen. Das bringt dem Unternehmen auch wieder Geld. Aber vielleicht können wir bei deinem Barbiehaus die Türrahmen etwas ausfräsen, damit die «fette» Barbie auch durchkommt.

Das ist jetzt aber fies Gotti. Also ich finde die neue Barbie gar nicht dick.

Bravo. Das hast du richtig erkannt. Die Neue «kurvige», die als mollig und pummelig umschrieben wird, ist beileibe nicht dick. Man will uns ein bisschen an der Nase herumführen.

Denn nur weil ihre Hüften etwas üppiger und damit viel mehr so wie die der Frauen sind und ihre Beine nicht so schmal, wie die ihrer dürren Schwester, sieht sie immer noch toll aus. Und es dreht sich ja trotzdem weiterhin – egal, ob breit, gross oder zierlich – alles um das Aussehen deiner Puppe. Das ist das Prinzip der Barbie. Und da müsste man auch mit der «Political-correctness-Keule» daherkommen.

Hä? Also ich finde es schön, dass die Barbies schön sind und ich sie hübsch machen kann.

Das ist auch gut, das ist nun mal das Spiel mit der Barbie.

Und ausserdem finde ich die neuen Barbies auch alle hübsch.

Stimmt. Das ist ein weiterer Punkt, der die Aussage «alle Mädchen vertreten zu wollen» so lächerlich macht. Egal, ob klein oder dick – alle haben ein hübsches Gesicht. Schöne, grosse leuchtende Augen (zum Glück neu auch mit kräftigeren Augenbrauen), eine kleine, feine Stupsnase, grosse, schön geformte Lippen, tolles Haar ... Keine grosse Nase, kein Doppelkinn. So sieht nicht die Mehrheit der Mädchen aus. Pfff, von wegen Vielfalt.

Warum ärgerst du dich denn so?

Weil die Differenzierung ein billiger Vorwand ist und weil sie oft nichts bringt. Je mehr Auswahl, desto komplizierter wird es. Das ist es schon mit den Emoji, die plötzlich in allen Hautfarben und mit allen Familienkonstellationen verschickt werden können. Wo ist denn die Grenze? Es können niemals alle Frauentypen berücksichtigt werden. Es gibt so viele unterschiedliche, irgendjemand fühlt sich immer benachteiligt. Du trägst zum Beispiel eine Brille. Gibt es Brillen-Barbies unter den Plastik-Puppen?

Hmm ich glaube nicht. Oder zählen Sonnenbrillen auch?

Nein, das ist ja wieder nur ein Accessoire. Es ist ja richtig, dass jetzt mehr auf Authentizität gesetzt wird. Dass das Natürliche wieder gefeiert wird. Das sieht man auch in anderen Bereichen. Models etwa sollten nicht mehr «08/15-schön» sein, sondern dürfen ruhig auffällige Merkmale haben. Eine Frau soll wie ein Mann aussehen oder ihr Körper mit Tattoos bedeckt sein. Sie wollen jetzt die Barbies einfach so real wie möglich machen.

Ich verstehe das nicht. Sie ist doch nur eine Puppe. Ich spiele mit ihr. Ich zieh sie an, frisiere sie, spreche mit ihr, sie ja nicht mit mir und wenn ich keine Lust mehr habe, werfe ich sie in die Ecke. Mir egal, ob dick oder dünn.

Gute Einstellung. Hoffentlich sehen das die Erwachsenen genau so. Denn mit dieser Barbie-Generalsanierung hat Mattel vor allem die Eltern im Visier. Schliesslich sind sie es, die sich dann auf die weisse Fahne schreiben können, ihrem Töchterchen eine politisch korrekte Puppe gekauft zu haben. Das fragwürdige amerikanische Schönheitsideal tritt dann weit in den Hintergrund. Derweil müssten sie euch nur beibringen woher Selbstwert kommt. Und noch mal deutlich sagen: Kids, das sind Puppen. So sehen keine Frauen aus.

Ihr Erwachsenen sagt ja manchmal sogar: «Die sieht aus wie Barbie.»

Genau. Und das ist keineswegs positiv gemeint.

Du Gotti, und was ist eigentlich mit Ken?

Puh ...

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