Sind wir wirklich Chef im eigenen Haus? Aktuelle Studien zeigen, dass die Bakterien in unserem Darm oft die Richtung unseres Verhaltens vorgeben. Das hat Konsequenzen für die Therapie von Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen.

Vermutlich begann die Mikrobiologen-Karriere von Gwen Falony, als er im Alter von sechs Jahren in die Klärgrube des grosselterlichen Bauernhofs fiel. «Sie war glücklicherweise leer», erzählt er. «Doch die Familienlegende sagt, dass ich mit Ungeziefer und abstossenden Insekten spielte, als man mich fand.» Jedenfalls schien den Knaben der Fäkaliengestank in der Grube nicht sonderlich zu stören. «Und damit war ich quasi dafür bestimmt, mich später mit der Darmflora des Menschen zu beschäftigen.»

Inzwischen leitet Falony mit seinem Kollegen Jeroen Raes das «Flemish Gut Flora Project», also das Flämische Darmflora-Projekt. Gegründet 2012, finanziert vom belgischen Staat, und mit dem Ziel, mehr über die Zusammenhänge von Lebensstil, Gesundheit und Darmbesiedlung zu erfahren. Dazu hat man bereits die Stuhlproben von über 5000 Flamen gesammelt und mikrobiologisch analysiert. Man kann also durchaus behaupteten, dass Belgien ein besonderes Interesse am Bauchgefühl seiner Bewohner hat.

Zufriedene Menschen haben bestimmte Keime

Dass die Darmflora tatsächlich mit dem Gefühlsleben verzahnt ist, belegt jetzt eine aktuelle Studie, die aus dem Projekt hervorgegangen ist. Demnach korreliert die psychische Balance im Hirn stark mit der mikrobiotischen Balance im unteren Verdauungstrakt. So beherbergen dort zufriedene Menschen einen hohen Anteil von Faecalibacterium- und Coprococcuskeimen, während im Darm von Depressiven zwei Bakterienstämme stark unterrepräsentiert sind: Dialister und Coprococcus. «Und dieser Befund ist unabhängig von der Einnahme eines Antidepressivums», betont Raes.

Die Darmflora eines depressiven Menschen verändert sich also nicht erst durch das Medikament, was man ihm zu seiner Behandlung verschreibt. Wenn das nämlich zum Einsatz kommt, gewinnt zwar ein Stamm namens Butyricicoccus in dem über 30 000 Arten zählenden Bakteriengewusel die Oberhand, doch Dialister und Coprococcus bleiben weitgehend auf ihrem Ausgangsniveau.

Die Bakterien produzieren Botenstoffe fürs Gehirn

Was noch nicht heissen muss, dass die Veränderung des Darmmilieus kausal in die Depression führt. Denn prinzipiell wäre ja auch der umgekehrte Weg denkbar. Beispielsweise dergestalt, dass ein depressiver Mensch mehr Drogen konsumiert und sich fett- und zuckerlastiger ernährt als ein gesunder – und dadurch seine Darmflora aus dem Ruder bringt.

Doch die belgischen Forscher haben sich auch das Genom der Darmbakterien näher angeschaut und dabei festgestellt, dass offenbar in den Tiefen des Bauchs, weit weg vom Gehirn fleissig neuroaktive Verbindungen hergestellt werden. So können Dialister und Coprococcus in die Produktion der Hirnbotenstoffe GABA und Dopamin einsteigen, was wiederum den Antrieb und die Stimmungslage stabilisieren könnte.

Geraten nun die beiden Bakterienstämme – aus welchen Gründen auch immer – in die Defensive, würde dieser Schutz verloren gehen und die Depression hätte es zumindest leichter, sich in die Psyche zu graben.

Mäuse wurden danach schizophren

Wie stark der Einfluss der Darmflora auf die psychische Stabilität sein kann, belegt eine drastische Studie aus China. Das Forscherteam um Peng Zheng von der Chongqing Medical University analysierte das Mikrobiom von 63 Schizophrenie-Patienten und entdeckte dabei einerseits dessen ausgeprägte Artenarmut, andererseits aber auch 56 Bakterienspecies, die sich bei keinem einzigen Studienteilnehmer der gesunden Kontrollgruppe nachweisen liess. Was allein schon eine beachtliche Entdeckung ist. Aber die Forscher gingen noch einen Schritt weiter.

Sie entnahmen den Schizophrenie-Patienten eine kleine Portion ihrer Darmflora – und transplantierten sie in den Darm von Mäusen, die völlig keimfrei aufgewachsen waren und daher kein eigenes Mikrobiom besassen. Nicht nur, dass sich die Humankeime umgehend in ihrer ungewohnten Nager-Herberge festsetzten. In Verhaltenstests offenbarten die behandelten Mäuse plötzlich diverse Symptome einer Schizophrenie, wie etwa Hyperaktivität, Unruhe und Schreckhaftigkeit.

Man hatte sie also durch die Darmfloraspende quasi mit Schizophrenie geimpft. Jedenfalls teilweise. Denn in kognitiven Tests schnitten die geimpften Mäuse genauso gut ab wie ihre keimfreien Artgenossen, und das schaffen komplett schizophrene Tiere normalerweise nicht.

Heilung durch Stuhl-Transplantation?

In früheren Versuchen hatte man bereits Mäuse durch eine Darmflora-Transplantation von depressiven Patienten in Interesse- und Antriebslosigkeit versinken lassen. Was einerseits bestätigt, wie ein gestörtes Darmmilieu die Hirnfunktionen stören kann. Andererseits aber auch hoffen lässt, künftig psychische Störungen mit Hilfe eines Fäkaltransplantats von einem gesunden Menschen behandeln zu können.

Chinesische Forscher heilten bereits eine 79-jährige Frau von ihrer Schwermut, indem sie ihr die Darmflora des sechsjährigen Enkels verabreichten. Und an der Universität Basel läuft derzeit eine Studie mit 40 depressiven Patienten, die eine «Fäkal-Kapsel» schlucken, die ihren mikrobiotischen Inhalt erst im Darm abgibt. Die ersten Ergebnisse werden für den Herbst 2020 erwartet.

Prinzipiell sollte es aber auch möglich sein, eine Darm-Kur für psychische Erkrankungen ohne Fäkaltransplantation in die Wege zu leiten: nämlich über die Ernährung. Denn sie prägt entscheidend, wie das Mikrobiom im unteren Verdauungstrakt zusammengesetzt ist. Was man allerdings genau essen muss, um etwa die Stimmungslage dauerhaft aufzuhellen, lässt sich nach gegenwärtigem Wissensstand unmöglich sagen.