Archäogenetik

Deine schönen blauen Augen..: Wie die Archäogenetik uns von Vorurteilen befreien kann

Blaue Augen sind gegenüber dunklen rezessiv. Menschliche Augen sind (dunkel)braun.

Blaue Augen sind gegenüber dunklen rezessiv. Menschliche Augen sind (dunkel)braun.

Gene lügen nicht. Sie sagen aber auch nicht so viel aus, wie manche meinen. Auch nicht über die Vergangenheit. Dort räumt sie das eine oder andere recht verbreitete Vorurteil aus. So etwas wie «Urvölker» gab es nicht – diese und andere Rassenfantasien kann man getrost auf dem historischen Müllhaufen entsorgen. Wie der Begriff «Rasse» genetisch überhaupt keinen Sinn macht.

Beginnen wir trotzdem mit einer kleinen Absonderlichkeit. Wir haben es in der Schule gelernt: Blaue Augen sind gegenüber dunklen rezessiv. Menschliche Augen sind (dunkel)braun. Anders formuliert: Helle Augen sind eine genetische Mutation. Man weiss offenbar bis heute nicht genau, wozu sie gut sein sollen. Im Gegensatz zu dunkler Haut. Doch davon später.

Johannes Krause, der beim Ur-Guru der Archäogenetik, dem Genom-Entschlüssler des Neandertalers, Svante Pääbo, doktoriert hat, und der Journalist Thomas Trappe schreiben die Geschichte der Gene, die aus den Gebeinen der Menschen stammen, welche die Archäologen ausgegraben haben. Dabei wird schnell klar: Migration und Wanderung gab es schon immer. Die Einwanderer kamen aus allen Richtungen. Und ohne die Artefakte und Techniken, die sie mitbrachten, gäbe es das moderne Europa nicht.

Vor etwa 10 000 Jahren «erfand» man im Nahen Osten den Ackerbau. Die Menschen wurden sesshaft und fristeten ihr Leben – wie das Alte Testament antönt – vor allem schwitzend. Wie es dabei zugegangen ist, ist nicht ganz klar. Denn gepflanzt – oder vor allem: geerntet – haben moderne Menschen schon vor der Sesshaftigkeit. Archäologisch ist der Werkzeugkasten, den es dafür braucht, wie Sicheln und Mühlen, früh belegt.

Aber das ist eine andere Geschichte. Wir reden ja von den blauen Augen. Vor etwa 8000 Jahren kamen Ackerbauern aus Anatolien – natürlich über die Balkanroute, die ein Einfallstor nach Europa war. Hier trafen sie – wenn auch nur ganz selten, denn die Besiedlung war dünn – auf umherstreifende Jäger und Sammler. Sie gehörten biologisch zwar zur gleichen Spezies, aber ob sie das wussten? Auf jeden Fall gab es Sex. Denn die Archäologen fanden gemeinsame Nachkommen.

Die blauen Augen? Überraschenderweise hatten die Jäger und Sammler helle Augen, aber dunkle Haut, während die Anatolier dunkle Augen und hellere Haut hatten. Krause und Trappe wissen auch nichts Genaueres, als dass die blauen Augen bei der Partnerwahl offenbar unwiderstehlich gewesen sein müssen. (Wir sind ja schon beim Sex.) Denn andere Evolutionsvorteile sind nicht zu sehen. Jäger-und-Sammler- und die Pflanzerpopulation lebten – nicht immer friedlich, aber auch nicht ausrottend – nebeneinander, die Jäger und Sammler wurden allerdings verdrängt. Die Ackerbauer waren zwar kleiner als die Jäger und auch kränklicher, hatten aber die Grossfamilie erfunden, was ihnen eine höhere Reproduktionsrate bescherte.

Die Grossfamilie oder einfach das Zusammenleben von vielen Menschen auf engstem Raum, mit ihren Haustieren, erwünschten und unerwünschten (Ratten, Läuse, Parasiten, Bakterien, Viren) brachten Epidemien. Bei der nächsten Einwanderungswelle, vor rund 4800 Jahren, fanden die Einwanderer (Nomaden aus der pontischen Steppe) Europa praktisch menschenleer vor. Offenbar hatte die erste Pestwelle gewütet. 70 (in Grossbritannien bis 90) Prozent der genetischen Struktur wurden ausgetauscht.

Unsere Vorfahren hatten generell dunkle Haut. Die hellere Haut der Ackerbauern verdankten sie ihrer Ernährung (sie brauchten Sonnenlicht, um Vitamin D bilden zu können, weil sie sich vorwiegend von Pflanzen ernährten). Aber auch dunkle Haut ist eine erworbene Eigenschaft. Unsere Vettern, die Schimpansen, haben unter ihrem Fell helle Haut. Nacktheit erlaubt Schwitzen, braucht aber Sonnenschutz. Dies ins Stammbuch der Leute, welche an die weisse Haut glauben. Offenbar sind sie von unserer Schimpansen-Verwandschaft immer noch fasziniert.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1