«Wearables» bezeichnet «tragbare Technologie». Heute schon weit verbreitet sind Smartphones, «schlaue» Armbanduhren (Smartwatches) und Fitnesstracker, die etwa Puls, Schritte, Höhenmeter und den Kalorienverbrauch messen. Das zeigt z. B. die aktuelle Studie «Quantified Self», herausgegeben von TA-SWISS, Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung, die zwischen Dezember 2016 und Januar 2017 von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) durchgeführt wurde: Von 1489 Befragten nutzen 1012 Personen Wearables, um sich selbst zu vermessen – angeführt vom Smartphone mit diversen Apps (62%), gefolgt von Activity-Trackern (26%) und Smartwatches (17%). Viele versprechen sich Hinweise zu ihrem Gesundheitszustand, wenn sie mittels mobiler Technik permanent Vitaldaten messen.

Chronische Krankheiten

Der Hype um Wearables spiegelt sich derzeit vor allem noch im Bereich Lifestyle und Fitness. Doch auch in der Medizin werden die Einsatzmöglichkeiten der kleinen, mobilen Systeme als nahezu unerschöpflich eingeschätzt: Von der Prävention über die Diagnose bis zur Behandlung und Rehabilitation könnten Wearables neue Versorgungspfade eröffnen. Denn hat der Arzt bislang nur Zugriff auf ausgewählte Daten und Momentaufnahmen von Vitalparametern, könnte er durch Wearables einen allumfassenden Einblick in die Lebenswelt seiner Patienten bekommen und auf dieser Basis optimale individuelle Therapien erarbeiten.

Vor allem zum Management chronischer Erkrankungen erhofft man sich von Wearables viel. Ein Beispiel hierfür ist Diabetes: Neben den etablierten Insulinpumpen reicht die Palette an Wearables für Diabetiker schon heute von intelligenten Sensor-Pflastern bis hin zu smarten Kontaktlinsen, die den Blutzucker messen und automatisch Medikamente in der individuell benötigten Menge abgeben. Darüber hinaus gibt es intelligente Einlegesohlen, die Druck- und Temperaturverteilungen am Fuss überwachen, um die Entstehung eines diabetischen Fusssyndroms frühzeitig zu erkennen und zu verhindern. All dies sind Beispiele, wie Patienten durch den Einsatz von Wearables effektiver und kostengünstiger versorgt werden können – bei mehr Lebensqualität.

Warnsysteme für Anfallpatienten

Wearables können den Nutzer auch dann unterstützen, wenn er selbst nicht mehr in der Lage ist zu handeln: Wird er z. B. bewusstlos, erleidet er einen Anfall oder Herzinfarkt, können die Minigeräte ein Signal an Dritte senden. Deutsche Wissenschafter entwickeln derzeit etwa einen im Ohr getragenen Sensor, der epileptische Anfälle zuverlässig identifiziert und so die Diagnose und Therapie der Erkrankung erleichtert (EPItect-Projekt): Per Alarmfunk- tion wird der Träger vor einer Attacke gewarnt, damit rechtzeitig Sicherheitsvorkehrungen bezüglich Verletzungen getroffen werden können. Zudem wird automatisch ein Helfer alarmiert.

Auch Parkinson-Patienten werden von wiederkehrenden Symptomen gequält. Für sie wurde im EU-Projekt CuPiD ein System entwickelt, das frühzeitig erkennt, wenn ein FOG (Freezing of gait) einsetzt – ein Erstarren, das von einer auf die andere Sekunde weitere Bewegungen verhindert: «Kurz vor diesem Erstarren tritt ein typisches Zittern ein, das wir per Bewegungssensoren erfassen können», erklärt Prof. Gerhard Tröster, der als ehemaliger Leiter des Electronics Laboratory (IfE) an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich in die Entwicklung eingebunden war. «Versorgt man den Patienten dann sofort mit einem Takt über das Gehör oder per Klopfen auf die Haut, kann man das Erstarren vermeiden bzw. durchbrechen.»

Krankheiten bald vorhersehbar?

Aufgrund der vielen Daten, die Wearables auf Schritt und Tritt liefern, erhoffen sich Befürworter der neuen Technologie, bereits die Entwicklung von Krankheiten aufzudecken, um präventiv gegensteuern zu können. Darunter Michael Snyder, Direktor des Zentrums für Genomik und personalisierte Medizin der Stanford University: Er beobachtete seine Vitaldaten zwei Jahre lang mit sieben herkömmlichen Wearables. Tatsächlich stellte er so fest, dass er an einer Borreliose erkrankt war, noch bevor er Symptome hatte. Daraufhin stattete er 43 Freiwillige mit Wearables aus. Sie dokumentierten ihre Herzfrequenz, Hauttemperatur und Schritte durchschnittlich fünf Monate lang. «Die gesammelten Daten liessen Rückschlüsse auf den aktuellen Gesundheitszustand der Probanden zu», berichtet Snyder. «Perioden erhöhter Herzfrequenz deckten sich mit Zeiten entzündlicher Erkrankungen. Dabei veränderte sich die Herzfrequenz in so frühen Krankheitsphasen, dass sie als Frühwarnsystem für die Erkrankungen hätte dienen können.»

ETH-Forscher Tröster hingegen ist skeptisch: «Die meisten verfügbaren Wearables liefern keine validen Daten. Daher passen die so gesammelten Informationen bislang nicht in unser Gesundheitssystem, das auf standardisierte Verfahren und Daten fokussiert ist.»

Was ist «Krankheit»?

Ein häufiges Argument pro Wearables ist, dass die Menge der erfassten Daten deren Ungenauigkeit aufwiege. «Allerdings wäre es wichtig zu wissen, in welchem Kontext die Daten erhoben wurden, um sie richtig einordnen und für die Prävention nutzen zu können», sagt die Soziologin Karolin Kappler von der FernUni Hagen, die im Projekt ABIDA die gesellschaftlichen Folgen von Big Data untersucht und der Studie «Quantified Self» als Expertin Pate stand. «Über Kontext-Daten liesse sich dann ergründen, in welchen Situa- tionen z. B. ein Epilepsie-Patient zu Attacken neigt, und man würde ihm Verhaltensänderungen vorschlagen.» Schaffe der Patient es aber nicht, solche Empfehlungen umzusetzen, bestehe die Gefahr, dass die Verantwortung für eine Erkrankung irgendwann ganz dem Betroffenen zugeschoben wird. «Daher müssen ethische Fragen vor der Entwicklung dieser Technologien geklärt werden», mahnt Kappler.

Zudem ist der Datenschutz heute noch ungenügend: Datenströme sind international und die Server stehen nicht selten im Ausland. Unsere strengen Datenschutzgesetze werden so ausgehebelt; ein Missbrauch sensibler Gesundheitsdaten kann deshalb nicht ausgeschlossen werden.