Da ist es: Das weiss-rote Zelt des Circus Knie, über dem der Pilatus, der Hausberg Luzerns, wacht. Erneut heisst es an diesem Sonntag: Zirkusgottesdienst! Die Besucher strömen schon Stunden vor Einlass herbei und werden empfangen von Klängen der alten Zirkusorgel. Wenn sich dann der rote Samtvorhang öffnet, sitzen wohl erneut über 2000 Menschen im Zirkuszelt. Erst ziehen feierlich die Alphornbläser und Fahnenträger verschiedener Markthändlersektionen ein, dann die Folklore-Formationen. Am Schluss folgen die Priester mit den Kommunionshelfern und Ministranten, die hinter dem Altar Platz nehmen.

An diesem Sonntag werden gleich drei Höhepunkte gefeiert: 100 Jahre Circus Knie, 20 Jahre Philipp-Neri-Stiftung und die Taufe von Maycol junior, dem Sohn von Géraldine Knie und ihrem Mann Maycol. Schon ihre Tochter Chanel Marie Knie wurde hier getauft.

Eine bunte Gästeschar

In der Manege finden sich neben hochkarätigen Gästen aus Medien und Politik auch jeweils jene, die von Besuchern gerne übersehen werden: Die Zeltarbeiter, die das Zelt auf- und abbauen; die Marokkaner, die die Manege sauber halten und den Gästen beim Finden ihres Platzes helfen; Beleuchter, Mitarbeiter vom angrenzenden Knie-Zoo und vom Popcorn-Stand.

Zirkuspfarrer Adrian Bolzern weiss über diese Gottesdienstbesucher: «Es sind Menschen, die eher selten eine Kirche besuchen würden, dennoch oftmals religiös sind.» Ihre Performances bieten nicht wenige ohne Netz und werden so mit dem Thema Endlichkeit konfrontiert. «Artisten und Schausteller sind in Gesprächen empfänglich für Lebens- und Sinnfragen», so der Aargauer. Zudem ist die Zirkus-welt multireligiös: Unter den Mitarbeitern finden sich Katholiken, Hindus und auch solche, die ihre ganz eigenen religiösen Rituale pflegen.

Für die Familie Knie habe das Thema Glaube und Kirche, so Adrian Bolzern, keinen besonders hervorgehobenen Stellenwert. «Das haben Aussagen von Fredy Knie jüngst in der TV-Sendung ‹Club› ja unterstrichen, wo er betonte, Religion habe für ihn im Zirkus wenig Platz.» Er sei Fredy Knie dennoch dankbar, dass er in diesem prächtigen Zelt, für das er nichts ­bezahlen müsse, jeweils den Zirkusgottesdienst abhalten könne. «Bezüglich dieses Anlasses habe ich bei Fredy Knie ein grundsätzliches Wohlwollen gespürt», sagt Bolzern.

Bei Géraldine Knie glaubt der Geistliche, dass sie ein Mensch ist, der das Thema Glaube ein Anliegen ist. Bolzern: «Sie möchte, dass ihre Kinder in der Hand Gottes geborgen und geschützt sind.» Wenn sie sich auf dem Knie-Gelände jeweils begegnen, habe sie zudem immer Zeit für einen Schwatz.

Eine lange Tradition

Die Besucher, die explizit einen Gottesdienst in einer Manege erleben möchten, kommen mittlerweile aus der ganzen Schweiz, ja sogar aus Deutschland angereist. Die meisten der Gäste machen jedoch noch immer die Stadtluzerner aus. Für nicht wenige von ihnen ist der Zirkusgottesdienst auf der Allmend, den es seit nahezu vier Jahrzehnten gibt, eine jahrzehntelange Tradition, die sie an ihre Kinder weitergeben. Nur wenige wissen: Der Knie-Gottesdienst fand früher in einem Saal im Schützenhaus gegenüber der Allmend statt und war vor allem für die Arbeiter des Zirkus gedacht. Später gesellten sich auch Stadtluzerner Gläubige zu diesem Gottesdienst, weil sich die besondere Atmosphäre herumzusprechen begann.

Der deutsche Pater Heinz-Peter Schönig, der als Begründer der Zirkus- und Schausteller-Seelsorge gilt, gestaltete bis Mitte der 1990er-Jahre den Zirkusgottesdienst auf der Allmend. Immer an seiner Seite: Matthias Mutter, der ihm wie auch seinen Nachfolgern Ernst Heller und nun Adrian Bolzern beim Gottesdienst assistierte. Dies wird er auch jetzt bei der anstehenden Taufe tun. Fünf Mal wird Chrisam-Öl aufgetragen und das Licht Christi entzündet. Vor dem Hochgebet – langjährige Besucher dieses Gottesdienstes wissen das – tritt Matthias Mutter in die Manege und singt: «Gott ist mit euch auf Achse.»

Wipfs Bierzapfsäulen

Nach dem Gottesdienst versammelt sich die Gottesdienst- und Festgemeinde meist rund um das Knie-Buffet von Peter Wipf und seinem Sohn Mike. Auch das hat Tradition. Aufgrund der markanten Persönlichkeit des Seniors und der gemütlichen Atmosphäre ist das Buffetzelt damals wie heute ein Fixpunkt des gesellschaftlichen Treibens. Wie hat dir der Gottesdienst gefallen? Und: Wie geht’s dir? Artisten, Showbiz-Gäste, Herr und Frau Jedermann – alle drängeln sich um Wipfs Bierzapfsäulen. Zum Schluss spielt seit vielen Jahren davor zum Ausklang des Tages Ernst Hellers Band Heu-obe-n-abe schmissige Stücke. Zirkuskenner wissen: Der Abschied wird zelebriert, weil der Zirkus weiterziehen muss.