Wir sind nicht allein. Nie. Auch wenn alles ruhig ist und die Wohnungstür hinter uns verschlossen. Mit der Lupe betrachtet, ist unser Zuhause ein Zoo, ein Biotop für Krabbelwesen aus dem Stamm der Gliederfüsser. Die meisten sind nur ein paar Millimeter lang und äusserst angepasste Mitbewohner: Einige, wie zum Beispiel die gemeine Küchenschabe oder das Silberfischchen, könnten draussen nicht überleben.

Obwohl der Mensch erst seit rund 20'000 Jahren Häuser baut, sind die Tierchen komplett häuslich und von uns abhängig: von unseren abgeschnittenen, herumliegenden Fingernägeln, von unseren Hautschuppen, Haaren, Essensresten oder Blut. Die meisten mögen es feucht und warm, und sie hausen in dunklen Verstecken. Und mit den Siedlungsräumen und Wohnflächen wächst auch ihr Ökosystem weltweit. Sie sind Champions und überleben regelmässig unsere Attacken mit Putzmitteln, Staubsauger und Schuhsohlen.

Hundert verschiedene Arten pro Haushalt

Andere werden versehentlich eingeschleppt mit Blumensträussen, via Fenster oder mit den Schuhen und finden den Ausweg nicht mehr. Als Forscher der North Caroline State University 2015 die Gliederfüsser in 50 freistehenden Häusern penibel einsammelten, kamen sie auf bis zu 200 Tierarten pro Haus, durchschnittlich waren es 100: Insekten, Tausendfüsser, Krebs- und Spinnentiere. Haubennetzspinnen wurden in allen Häusern gefunden. Immer im Haus waren auch Speckkäfer, Gallmücke und Ameise. Fast immer gab es an feuchten Orten Staubläuse und in Topfpflanzen Trauermücken. Und dies, obwohl die Forscher ihre Suche auf sichtbare, gut zugängliche Flächen beschränkt hatten.

Schädlich sind nur wenige. Die Schaben gehören dazu, ihr Kot macht das Essen ungeniessbar. Die Forscher fanden die Amerikanische Grossschabe in drei Vierteln aller Haushalten, die Deutsche Schabe in 6 Prozent. Flöhe nur in jedem zehnten Haus. Inwiefern das auf europäische oder Schweizer Haushalte zutrifft, wurde bisher nicht erforscht.

Nicht mehr Viecher bei den Unordentlichen

Letztes Jahr doppelten die Forscher der North Caroline State University nach und zeigten, dass es mehr Krabbelwesen in Räumen gibt, wenn Teppiche, Fenster und Türen vorhanden sind und die Räume oft genutzt werden. In höher gelegenen Stockwerken gibt es hingegen weniger Viecher. Das ist nicht unbedingt eine gute Nachricht für Hochausbewohner, denn es gibt Anzeichen, dass eine grosse Vielfalt an Mikroorganismen in einer Wohnung gesund für uns sind beziehungsweise manche Zivilisationskrankheiten damit zusammenhängen, dass wir zu selten mit den Tierchen in Kontakt kommen. Offenbar gilt dies speziell für Organismen aus der Erde.

Übrigens bergen Wohnungen von Messies nicht signifikant mehr Insekten, aber mehr Kellerspinnen. Auch Haustiere, Pflanzen und Pestizide haben laut der Studie keinen relevanten Einfluss. Es scheint, dass die Biodiversität im Innern mehr von der Umgebung draussen abhängt. Und doch: Wenn wir umziehen, nehmen wir eine grosse Vielfalt unserer ganz individuellen Mischung an kleinen Mitbewohnern mit.