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Der Schweiz gehen die Insektenexperten aus – Arten bleiben unentdeckt

Mehr als die Hälfte aller Insektenarten dürfte noch unentdeckt sein.

Mehr als die Hälfte aller Insektenarten dürfte noch unentdeckt sein.

Die Basler Insektenforscherin Seraina Klopfstein hat 470 neue Arten von Schlupfwespen entdeckt. Warum waren die bis heute unbekannt?

Ein kürzlich erschienener Artikel in der Zeitschrift «Alpine Entomology» hat für Aufsehen gesorgt. Die am Naturhistorischen Museum Basel arbeitende Insektenforscherin Seraina Klopfstein publizierte mit zwei Co-Autoren eine Liste von parasitischen Insekten aus der Familie der Darwinwespen, bis vor kurzem als Echte Schlupfwespen benannt. In Klopfsteins Arbeit sind 470 Arten aufgeführt, die neu für die Schweiz sind. Wie ist so etwas möglich?

Sehr viele Arten sind unbekannt

Tatsächlich sind sehr viele Insektenarten unbekannt. Beschrieben sind weltweit rund eine Million Arten, dieser mit Abstand artenreichsten Tiergruppe. Das ist aber wohl nicht einmal die Hälfte der tatsächlich existierenden Insektenarten. Auch für die Schweiz gilt, dass weit mehr als die im Jahre 2019 bekannten 29421 Insektenarten existieren. Forscher vom Naturhistorischen Museum Bern schätzen, dass es hierzulande rund 60'000 Insektenarten gibt. Sie gehen davon aus, dass es deutlich mehr Zweiflügler, also Mücken und Fliegen, sowie Hautflügler – Wespen, Bienen, Ameisen – gibt.

Parasiten, die von anderen Insekten und Spinnen leben

Zu den Hautflüglern gehören die von Klopfstein neu entdeckten Darwinwespen. Sie sind Teil einer Gruppe von Wespen, die von der Wissenschaft als Parasitica bezeichnet werden. Dem Namen entsprechend leben die meisten als Parasiten von anderen Insekten oder von Spinnen. In diese Gruppe gehören neben den Darwinwespen, Brack-, Erz-, Zehr-, Hunger-, Gall- und Plattbauchwespen wie die oben beschriebene Samuraiwespe. Ebenfalls zu diesen Parasiten gehört sowohl die grösste einheimische Wespe, die Riesenschlupfwespe mit einer Länge bis 70 Millimeter, als auch das weltweit kleinste Insekt mit einer Körperlänge von rund 0,1 Millimeter.

Besonders bei den Erz-, Zehr- und Plattbauchwespen finden sich sehr viele winzig kleine Arten, von denen wahrscheinlich der grösste Teil noch gar nicht bekannt ist. Dies ist nicht nur aus Sicht der Biodiversitätsforschung bedauerlich, sondern auch aus praktischer Sicht. Denn viele dieser Parasiten leben von land- und forstwirtschaftlichen Schädlingen. So tragen sie zum einen zur natürlichen Regulierung bei. Zum anderen eignen sich viele zur biologischen Schädlingsbekämpfung – wie man das mit der Samuraiwespe plant. Dieses Potenzial wird heute noch wenig genutzt.

470 Arten über Nacht

Dank der Entdeckung von Klopfstein ist die Schweiz praktisch über Nacht nun um 470 Tierarten reicher. Die Baslerin ist eine der wenigen Spezialistinnen, die sich bei dieser Wespengruppe auskennt. Um eine Liste aller in der Schweiz gesammelten Schlupfwespen zu erstellen, hat sie mit Kollegen Museen und Privatsammlungen durchforstet und die dort vorhandenen Exemplare bestimmt. Und dort die neuen Arten gefunden, womit die Liste der in der Schweiz nachgewiesenen Schlupfwespen nun neu 1878 Arten aufweist. Dies ist nach Klopfstein aber erst der Anfang, erwartet werden rund 3000 Arten von Darwinwespen.

Das Ergebnis dieser Untersuchung ist beeindruckend, aber nicht überraschend. Das Problem liegt tiefer. Es fehlt in der Schweiz und weltweit an Taxonomen, das heisst an Spezialisten für die Bestimmung und Einordnung von Arten. Das Fach bringt keine Nobelpreisträger hervor und wurde von den meisten Hochschulen aus dem Lehrplan gestrichen.

Ausgerechnet im Zeitalter des Insektensterbens

So geht im Zeitalter von Insektensterben und Biodiversitätsverlust die Kenntnis der Arten und ihrer Ansprüche an die Umwelt verloren. Zwar gibt es viele Laien-Insektenkundler, die sich mit dieser Materie beschäftigen. Doch sie befassen sich vorwiegend mit grösseren, leichter zu bestimmenden Arten. Zum Bestimmen von Kleininsekten ist ein aufwendiges Instrumentarium nötig. Das reicht vom Raster-Elektronenmikroskop bis zu molekularbiologische Methoden.

Diese Kenntnisse können zwar teilweise im Rahmen eines naturwissenschaftlichen Studiums erworben werden. Dabei fehlt es aber weitgehend an Fachkräften zur Vermittlung der Kenntnisse. Diese werden heute in erster Linie von naturhistorischen Museen vermittelt. Wenn sich diese so wie Seraina Klopfstein mit den Miniaturausgaben von Wespen und Mücken beschäftigen, wird die Zahl der Insektenarten bald wieder sprunghaft zunehmen.

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