Kolumne

Der Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit

«Für viele ist es unvorstellbar, auch nur einen Spaziergang allein im Wald einem Abend mit Kollegen vorzuziehen.»

«Für viele ist es unvorstellbar, auch nur einen Spaziergang allein im Wald einem Abend mit Kollegen vorzuziehen.»

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Alleinsein.

Anfang 20 trennte sich mein damaliger Freund von mir und ich fing an, alleine Ferien zu machen. Zuerst aus der Not heraus, weil meine Freundinnen keine Zeit oder kein Geld hatten oder lieber mit ihren Partnern verreisten. Meine ersten Ferien allein verbrachte ich auf einer Mittelmeerinsel, und ich betrachtete sie als eine Art Mutprobe: Ich wollte mir beweisen, dass ich niemand anderen brauchte, um glücklich sein zu können. Dass am Tag meiner Ankunft Valentinstag war und ich mich in meinem Hotel inmitten junger und offensichtlich verliebter Pärchen wiederfand, machte das Ganze nicht einfacher – nie fühlte ich mich einsamer als an diesem Abend. Doch von da an ging es bergauf, und am Ende dieser ersten Ferien allein wusste ich: Es tut unglaublich wohl, einfach einmal sich selbst zuzuhören und tun und lassen zu können, wonach einem gerade ist. Keine anderen Menschen, keine Erwartungen, nichts abzumachen.

Für viele ist es unvorstellbar, ein paar Tage oder länger oder auch nur einen Spaziergang allein im Wald einem Abend mit Kollegen vorzuziehen. Oder einem Abend mit seiner/seinem Liebsten: Wer eine Beziehung führt, sollte zwar seine Freundschaften nicht vernachlässigen, wenn man nach einer Trennung nicht allein dastehen will. Verbringt man aber keine Zeit mit seinen Freundinnen und Freunden, so verbringt man sie mit seiner Partnerin/seinem Partner – gemeinsam macht schliesslich alles mehr Spass. Wirklich?

Dass dies viele bejahen würden, mag daran liegen, dass die meisten nie in den Genuss des selbst gewählten Alleinseins kommen. Zu sehr haftet Menschen, die gern allein sind, der Ruf des Seltsamen oder des Langweilers an. Hinzu kommt, dass viele Leute Alleinsein mit Einsamkeit verwechseln: Alleinsein und Einsamkeit beschreiben oberflächlich zwar die gleiche Situation, in der Realität sind sie jedoch genau das Gegenteil. Wer einsam ist, dem fehlt jemand, damit er sich gut fühlt. Wer allein ist, fühlt sich auch ohne die Gesellschaft anderer pudelwohl. Liebesbeziehungen sollen bei Menschen das Gefühl der Einsamkeit oft kompensieren, ich kenne das gut: Früher bin ich in Beziehungen gelandet, damit der Mann eine diffuse Leere in meinem Innern füllt. Und es funktionierte: Solange er da war, war alles in Ordnung. War er weg, begann das Leiden. Seit ich mich meiner eigenen Gesellschaft erfreue, ist es anders: Ich mache meinen Partner nicht dafür verantwortlich, wie es mir geht. Das senkt meine Erwartungen an ihn. Das macht die Beziehung merklich besser.

«Du kannst mir glauben, ich mache das gern, es tut mir gut!», antworte ich jeweils auf die Frage, warum in aller Welt ich schon wieder allein Ferien machen wolle. Jetzt, da ich einen Freund habe, müsste ich das ja nicht mehr. Besorgt will man von mir wissen: «Ist alles in Ordnung bei euch?» Ja, es ist alles in Ordnung. Weil ich so gern allein bin und darum nicht einsam sein muss.

Meistgesehen

Artboard 1