Schweizer Eiszeitangst

Die andere Klimakrise: Als die Schweiz eine Eiszeit fürchtete

© Bruno Knellwolf

Der Schweizer Gletscherforscher Alfred de Quervain überquerte 1912 als Erster Grönlands Eis. Ein Fundus für die heutige Forschung.

Es droht eine Klimakrise. Die Schweizer Bevölkerung ist verängstigt. Wir sprechen nicht über das Jahr 2020, sondern über 1912. Und die Menschen ängstigen sich nicht etwa vor einer Erwärmung des Erdballs. Nein, sie fürchten eine Vergletscherung, den Beginn einer Eiszeit. Denn die Schweizer Gletscher stossen bedrohlich weit in die Täler hinab.

Die Menschen der Jahrhundertwende beschäftigt nicht nur die drohende Eiszeit. Es ist die Zeit des späten Hochimperialismus der grossen Mächte, welche sich die Welt, insbesondere Afrika aufgeteilt haben. Der einzigen weissen Flecken auf der Weltkarte sind die eisigen Pole. Schon im 19.Jahrhundert hat ein Wettlauf um die Polargebiete begonnen. 1909/09 streiten sich Frederick Cook und Robert Peary, wer den Nordpol zuerst erreicht hat, und 1911 steht Ronald Amundsen als erster Mensch am Südpol. In der Öffentlichkeit grassiert das Polarfieber.

Angesteckt hat sich auch der 1879 geborene Berner Geophysiker Alfred de Quervain, der bei der Schweizerischen Meteorologischen Zentralanstalt arbeitet. Als Mitglied der Schweizerischen Gletscherkommission vermisst er mit selbstentwickelten Instrumenten die Ausweitung des Grindelwaldgletschers und ist Initiator der Hochalpinen Forschungsstation Jungfraujoch. Seit Jahren plant er, das Eis in Grönland wissenschaftlich zu untersuchen. In der NZZ gibt er eine Annonce auf, in der er Teilnehmer für sein Grönland-Abenteuer sucht, und erhält dem Zeitgeist entsprechend viele Bewerbungen. De Quervain wählt nur Schweizer Expeditionsmitglieder aus und propagiert die Schweiz als Polarforschernation.

Die «NZZ» finanzierte einen Drittel der Expedition und erhielt dafür die Exklusivrechte an der Abenteuergeschichte übers Inlandeis.

Die «NZZ» finanzierte einen Drittel der Expedition und erhielt dafür die Exklusivrechte an der Abenteuergeschichte übers Inlandeis.

Bundesrat verweigert Bezahlung der Expedition

Nicht so stark im Polarfieber wie die Bevölkerung ist der Schweizer Bundesrat. Dieser lehnt die Finanzierung der mit 30000 Franken budgetierten Expedition ab. De Quervain ist enttäuscht, findet aber finanzielle Unterstützung bei der NZZ, die sich die Rechte auf die abenteuerliche Geschichte sichert, sowie auch von Schweizer Sport- und Lebensmittelfirmen. So startet am April 1912 die Schweizer Expedition mit einem Dampfschiff von Kopenhagen aus.

, sagt die Historikerin Lea Pfäffli, deren ETH-Dissertation die Grundlage für die diese Woche eröffnete Ausstellung «1912» im Landesmuseum ist. Die Schweiz will einen Polarhelden und auch ein bisschen kolonialistisch sein. Zu den Kolonialmächten gehört damals Dänemark, das Grönland sein eigen nennt. Die Dänen machen sich die wissenschaftlichen Gletscherkenntnisse und die alpinen Erfahrungen der Schweizer Forscher zu nutzen und unterstützen die Expedition von de Quervain.

Das Expeditionsschiff «Fox» unter Schweizer Flagge an der grönländischen Küste mit den beiden Forschergruppen des Berner Geophysikers Alfred de Quervain an Bord.

Das Expeditionsschiff «Fox» unter Schweizer Flagge an der grönländischen Küste mit den beiden Forschergruppen des Berner Geophysikers Alfred de Quervain an Bord.

Am 16. April 1912 erreicht de Quervain die Westküste Grönlands. Die Forscher lernen dort von den Inuit mit dem harten, eisigen Alltag zurechtzukommen, die Schlittenhunde zu führen und die Schuhe zu flicken. Viele Grönland-Expeditionen sind gescheitert, weil Wasser in die kaputten Schuhe gelaufen ist und die Abenteurer wegen ihrer abgefrorenen Füsse gestorben sind. Die Arbeit mit den Schweizern ist bei den Einheimischen willkommen, auch weil die Inuit gerade ihren wichtigsten Erwerbszweig verlieren. Ihr Tran für die Tranlampen ist wegen der Elektrifizierung immer weniger gefragt.

Am 20. Juni brechen die Forscher auf. Am 13. Juli setzt de Quervain in kolonialer Manier eine Schweizer Flagge auf dem höchsten Punkt der Reise. Sie staunen über die Weite und Einsamkeit auf der Eisinsel, leiden an den harten Bedingungen und erreichen am 25. Juli ein bereitgestelltes Vorratsdepot an der Ostküste. Dort weinen die Abenteurer, weil sie ihre Schlittenhunde, welche ihr Überleben auf dem 650 Kilometer langen Weg gesichert haben, zurück und dem Tod überlassen müssen.

Dank der Berichterstattung in der NZZ sind Quervains Abenteuer in der Schweiz bekannt und lösen einen Polarboom aus. Diese Publizität musste der Finanzierung wegen sein, doch Quervains Abenteuer hat in erster Linie einen grossen wissenschaftlichen Wert  – und zwar bis heute, wie Martin Lüthi, Glaziologe an der Universität Zürich sagt.

Eine Inuit-Familie an der Ostküste Grönlands vor ihrem Sommerzelt im Jahr 1912. Grönland ist damals sehr dünn besiedelt und gehört zu Dänemark.

Eine Inuit-Familie an der Ostküste Grönlands vor ihrem Sommerzelt im Jahr 1912. Grönland ist damals sehr dünn besiedelt und gehört zu Dänemark.

Riesige Veränderungen in den letzten 15 Jahren

«1912 war Grönlands riesige Eiswüste stabil. Heutzutage verändert sie sich ganz, ganz schnell. Alle Gletscher, die ins Meer ragen, ziehen sich seit 15 Jahren kilometerweise zurück», sagt Lüthi. Bis vor 15 Jahren war die Eisdecke, die De Quervain überquert hat, immer ungefähr gleich dick. Seit 2000 ist sie um 30 Meter abgeschmolzen. «Dank seinen Messungen können wir die Veränderung langfristig beobachten und sehen, dass es nicht nur eine kurzfristige Schwankung ist.»

Der Grund für die kleine Eiszeit um 1912 war die damalige Sonnenaktivität, die ein Minimum an Strahlung zur Erde brachte, sowie die Konstellation der Umlaufbahn der Erde um die Sonne. Das führte zu einer Abkühlung um 1 Grad Celsius, was zur kleinen Eiszeit in Europa und Grönland führte. Heute sind die Schweizer Gletscher so gross wie um das Jahr 1600, vor der damaligen kleinen Eiszeit. Allerdings im schnellen Rückmarsch wegen der hohen Temperaturen.

Eigentlich hat sich Alfred de Quervain in erster Linie für die Klimatologie interessiert.

, sagt Lüthi. Und er hatte recht, seine Messungen zeigen erstmals, dass sich die Druckgebiete verändern und über Grönland kein stabiles Hoch herrscht. Lüthi hält es für eine enorme Leistung, dass es de Quervain gelungen ist, unter miserablen Bedingungen täglich Hochpräzisionsmessungen zu machen.

Bald nach der Expedition beginnt der Weltkrieg. De Quervain gelingt es noch, Reiseberichte herauszugeben. Nach dem Krieg arbeitet er die Daten auf und veröffentlicht sie in Fachpublikationen. «Von ihnen profitieren wir heute», sagt der Glaziologe Martin Lüthi.

Den Schluss der überzeugenden Sonderausstellung macht ein ausgestopfter Eisbär, eine Ikone des Klimawandels. «De Quervain war viel mit Inuit-Jägern unterwegs. Wenn sie einen Eisbären sahen, zeigten sie eine andere Reaktion als wir heute. Die Inuit hetzten alle Hunde auf den Eisbären.» So wandeln sich die Zeiten.

Tipp:
Ausstellung Grönland 1912: Landesmuseum Zürich
bis 19. April

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