Bildung

Die Flucht aus der Volksschule: Viele Eltern suchen für die Kinder nach Alternativen

Den ganzen Tag schaukeln wäre hier ok: Lernstattschule von Petra Maarsen in Nennigkofen SO ist eine der alternativen Schulen in der Schweiz. 45 Schüler besuchen sie.

Den ganzen Tag schaukeln wäre hier ok: Lernstattschule von Petra Maarsen in Nennigkofen SO ist eine der alternativen Schulen in der Schweiz. 45 Schüler besuchen sie.

Lernen? Gerne. Aber muss der Schulstress sein? Das fragen sich viele Eltern – und schicken ihren Nachwuchs an Privatschulen. Die Zahl hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen.

Blöd. Reich. Oder beides. Das sind die drei grob geschreinerten Schubladen, in die Schüler von Privatschulen gern gesteckt werden. Doch es sieht so aus, als wären die Schubladen bald ein Fall für den Sperrmüll: Alternative Schulen sind gefragt wie nie. Im Vergleich zum Jahr 2011 hat, laut Bundesamt für Statistik, die Zahl der Privatschüler auf Primarstufenniveau um 30 Prozent zugenommen. Pädagogische Projekte spriessen aus dem Boden wie Primeln im Frühjahr. Allein im Kanton Zürich besuchen derzeit 1047 Kinder eine alternative Schule. Über die Gründe und die Rolle der Expats kann man mutmassen. Sicher aber ist, dass eine neue Gruppe von Eltern sich für eine Schule in privater Trägerschaft entscheidet: Mittelschichteltern mit Bauchschmerzen.

Denn was diesen jungen Müttern und Vätern im Magen liegt, ist weniger die Angst, ihr Kind könnte die Schule nicht schaffen, als vielmehr die Angst, die Schule könnte ihr Kind schaffen. Liest man nicht täglich von Kindern mit Burnout? Von Klassen ausser Rand und Band, in denen Ellenbögeln-Lernen dringlicher ist als das Einmaleins? Muss das schon in der Primarschule sein, dieses Benoten, Bewerten und Rundschleifen, bis das Kind hineinpasst in diese Schablone, die Erfolg verspricht? Und – Hilfe! – was ist, wenn das eigene Kind sich dabei verhakt? Gilt dann: Was nicht passt, wird passend gemacht?

Sandra Holthaus (Name geändert) jedenfalls hat sich vor ihrem perfekt eingefügten Kind erschreckt. Ihre Tochter Mia geht seit einem Jahr in die öffentliche Schule. Die Achtjährige ist gut. Sie ist fleissig. Sie ist gewissenhaft. Kein Problem. «Doch beim ersten Elternbesuchstag hats mich richtig ‹tschudderet›. Mein lustiges Mädchen sass da wie ferngesteuert. Mit teilnahmslosem Blick. Und hat einfach nur getan, was sie sollte.» Gruselig, findet die Praxisassistentin Sandra Holthaus und hat Mia für das nächste Schuljahr an der Wetzikoner «Schule für Kinder» angemeldet. Ein privates Schulprojekt im Aufbau, für das Schulleiterin Andrea Büsser derzeit nach passenden Räumlichkeiten sucht und Lernen in Freiheit verspricht.

Das Risiko des Ungewissen geht die Familie Holthaus ein. Besser ein Wagnis als ein blutleeres Kind. Vielleicht sind diese Sorgen übertrieben, aber nicht völlig aus der Luft gegriffen. Die amerikanische Psychologin Sarah Engel etwa hat in einer Untersuchung festgestellt, dass kindliche Neugierde proportional zur Anzahl der Schuljahre abnimmt: Stellten Kinder im ersten Schuljahr noch etwa 20 Fragen im Laufe einer Schulstunde – an wen auch immer –, war es in der 5. Klasse noch eine einzige. Höchstens. Dabei ist Neugier die erogene Zone der Bildung; sie ist es – mehr noch als Intelligenz – die über Schulerfolg entscheidet. Wenn es stimmt, was die Uni Oxford analysiert hat, nämlich dass schon in wenigen Jahren von 700 untersuchten Berufsfeldern die Hälfte wegfallen oder sich bis zur Unkenntlichkeit verändern wird, dann ist Kreuzworträtsel-Wissen sinnlos, sind kreative Frager, Quer- und Neudenker wichtig. Nicht angepasste Fleissbienchen.

Auch Alexander Horrolt hat seine Tochter aus der normalen Sek genommen und in die Rudolf-Steiner-Schule Sihlau geschickt. Ein Problemkind hat auch er nicht. «Emily möchte die Matura machen, aber das ganze Trara, das ums Gymi gemacht wird, mit Vorbereitungskursen, Aufnahmeprüfungen, Nachhilfe, Tränen …  Meine Güte, es geht doch nicht um eine Bewerbung für Harvard! Ne, darauf hatten wir keine Lust.» In der Steiner-Schule, hofft der Vater, könne Emily ihrem Ziel kindgerechter, individueller näherkommen.

Angela Jörg (44) hat deshalb gleich eine eigene Schule gegründet. In der Dandelion im Zürcher Freilager-Quartier soll es den Schülern nicht ergehen, wie es ihrem Ältesten erging. «Schon im Kindergarten war er eigen, wollte lieber beobachten als mitmachen. Aber er durfte nicht sein, wie er war.» In der Dandelion soll es deshalb anders laufen. Schulhund Wilma schnüffelt durch die Gänge. Keine Lust aufs Mathe-Arbeitsblatt? Okay. Vielleicht ist mündlich ja mehr Lust da. Kein Druck, keine Hausaufgaben, keine Noten. Höchstens auf Wunsch.

Jedes Wort davon Musik im Ohr besorgter Eltern. Dafür zahlen sie bis zur 5. Klasse 1850 Franken Schulgeld pro Monat, in der 6. Klasse 2050 Franken.

Das kann nicht jeder. Schweizweit gehen etwa 6 Prozent der Kinder auf eine private Schule. Im Kanton Aargau ist es 1 Prozent. In Zürich liegt die Zahl stabil bei 7 Prozent. In Zumikon, gelegen an der «Goldküste» des Zürichsees, besucht jedes dritte Kind eine private Schule und im Steuerparadies Höfe in Schwyz ist es jedes vierte. Die Möglichkeit mitzubestimmen, dem eigenen elterlichen Unbehagen abzuhelfen und Dämmmaterial zwischen das Kind und die raue Welt zu schieben, bestimmt nicht allein der Wille, sondern auch der Verdienst. Drei Viertel aller Privatschüler, so zumindest eine deutsche Erhebung, kommen deshalb nach wie vor aus bildungsnahen Schichten, damit vielleicht nicht aus reichen Elternhäusern, aber mindestens nicht aus armen.

Schwyzer Volksschüler besser

Doch lohnt sich der Tausch Bildung gegen Bares überhaupt? Sind die Privaten wirklich besser als die öffentliche Volksschule?

Nein. Zumindest nicht, soweit sich das quantifizieren lässt. Vor drei Jahren liess der Erziehungsrat des Kantons Schwyz die Leistungen der öffentlichen und privaten Schülerschaften vergleichen. Ergebnis: Durchgängig schnitten die privaten schlechter ab. Am auffälligsten die Schüler der 8. Klassen. Dort erzielten die Privaten in einem Mathetest durchschnittlich 450 Punkte, die Schüler der öffentlichen Sek 571 Punkte. In Französisch hinkten die Privatschüler noch deutlicher hinterher.

Mehr als eine Momentaufnahme einer umgrenzten Region ist das Ergebnis vermutlich nicht. In einer Analyse des deutschen Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen waren die Neuntklässler von Schulen in freier Trägerschaft denen in staatlichen Schulen in den Fächern Englisch, Mathe und Deutsch um ein halbes Schuljahr voraus. Rechnete man jedoch die soziale Herkunft der Eltern heraus, schmolz der Vorsprung weg. Hier lautet der Endstand privat gegen öffentlich: unentschieden.

Volksschul-Bashing unnötig

Das ist die messbare kalte Leistungsseite. Doch ebendiese ist es ja häufig, die Eltern den Exodus von der Volksschule anstreben lässt. Von den privaten erhoffen sie sich Tieferes. Menschliches. Seelisches. Möglicherweise ist die Sichtweise etwas holzschnittartig: hier die angeblich fantasie- und empathielose Volksschule, dort die kreative, kindgerechte private Schule. Aber diese Sichtweise macht es leichter, vor sich selbst und anderen Ausgaben für Unterricht von vielleicht 20'000 Franken pro Jahr zu rechtfertigen.

Peter Metz, Mitglied der Schulleitung an der Rudolf-Steiner-Schule Sihlau, muss über so viel Idealismus manchmal schmunzeln. Auch am Volksschul-Bashing mag er sich nicht beteiligen. Die eine allein seligmachende Schule, die für alle Kinder perfekt passe, die sei doch eine Illusion. «Es könnte sogar sein», lacht er, «dass ein extrem kognitiv ausgerichtetes, ehrgeiziges Kind unter all unseren vielen wunderschönen Fächern hier leiden würde.» Vielfalt dagegen, damit jeder etwas Passendes findet, das wäre gut. Und doch gibt es etwas, das er verallgemeinern würde: «Für Kinder sollte die Welt schön sein.» Ein bisschen rosarot. Denn nur wer sich geborgen fühle, könne das Selbstbewusstsein entwickeln, die weniger rosarote Realität zu ändern, wenn sie ihm nicht passe.

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