Sprache

Die Germanismen im Chindsgi nehmen trotz Mundartförderung zu – warum ist das so?

Oscar Eckhardt ist Sprachforscher an der Pädagogischen Hochschule Graubünden.

Oscar Eckhardt ist Sprachforscher an der Pädagogischen Hochschule Graubünden.

Auch wenn viele Kindergartenlehr­personen Mundart sprechen: In die Sprache der Kinder von heute haben sich dennoch einige Germanismen geschlichen. Warum, das sagt Sprachforscher Oscar Eckhardt.

Laut Oscar Eckhardt, Sprachforscher an der Pädagogischen Hochschule Graubünden, kommt dies daher, dass die Kinder heute viel mehr Medien ­konsumieren, welche Inhalte in Hochdeutsch verbreiten. Zudem sprechen auch Lehrer oder Kita-Betreuer als sprachliche Vorbilder oft Mundart mit standartsprachlichen Einflüssen. «Vielleicht ist aber auch unsere Empfindlichkeit gegenüber fremden Einflüssen ­gewachsen», meint Eckhardt. «Als sich 1950 die französischen Familienbezeichnungen wie Cousin und Cousine für Vetter und Base in Chur etablierten, störte das niemand. Aber heute sind wir auf so was sensibilisiert.» Französisch galt als chic, ähnlich wie heute Englisch – Germanismen hingegen empfinden wir als Verarmung der Mundart.

Allerdings wird vor allem der lexikalische Wandel wahrgenommen, das heisst, wenn Wörter ändern. Gleichzeitig ändern aber auch die Grammatik, die Wortbedeutungen und Lautstruktur der Wörter. Mancherorts schleicht sich zum Beispiel ein grammatikalisches Futur ein, das es in der Mundart eigentlich nicht gibt, und man hört: «Ich werd das morn mache.» Das tue ihm persönlich weh, sagt Eckhardt. Sogar standardsprachlicher Genitiv hat's in die Schweizer Dialekte geschafft. Es heisst dann: «I bi mir desse bewusst.» Und auch Konstruktionen wie «Ich bin hei, um das z mache» sind nicht besonders dialektal.

Bei der Vokalbildung ist im Churer Rheintal heute kein Unterschied mehr zwischen der Türe und teuer zu hören, es heisst einfach: «Tüür» bzw. «tüür». Und die «Züüg» der SBB tönen gleich kurz wie das (Bad-)«Züüg».

«Hat ein Dialektwort eine doppelte Konkurrenz aus Standardsprache und einem anderen dominanten Dialekt, dann ist die Chance gross, dass es verändert wird», sagt Eckhardt. In Chur seien Zürichdeutsch und Hochdeutsch Konkurrenten beim Wort «gäära». Sowohl auf Zürichdeutsch wie auch Hochdeutsch sagt man «gern». Entsprechend ist heute «gärn» auch in Chur verbreitet. «Moore» habe bessere Chancen, weil da Zürideutsch und Hochdeutsch nicht einheitlich seien («morn»/«morgen»). 

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