«Hier sitzen sie, die potenziellen Abonnenten», sagt Dominik Achermann und zeigt von seinem Bürofenster in der Badener Innenstadt aus auf das daneben liegende Manor-Restaurant: Grosseltern mit ihren Enkeln. Das ist genau die Zielgruppe des Jung-Verlegers.

Ende August lanciert er das erste deutschsprachige Magazin für Grosseltern. Seit März bereitet sich Achermann und sein Redaktionsteam unter der Leitung von Georg Gindely (ehemals «Tages-Anzeiger») darauf vor.

«Wir sind kurz vor meinem anvisierten Minimalziel, was die Werbeeinkünfte angeht», freut sich der 41-Jährige.

An den Wänden hängen bereits die ersten Text-Ausdrücke und Themenlisten für die nächsten Monate. Überall liegen Zeitschriften auf, von denen sich die Redaktion inspirieren liess – von «Nido» über «Zeit Wissen» und «Fritz + Fränzi» bis «Wir Eltern».

Positiv besetztes Altersbild

Die Idee für das Magazin entstand vor sieben Jahren im Rahmen einer Projektarbeit, die Dominik Achermann während seiner Ausbildung zum Medienmanager machte.

Er hatte ein Konzept für eine Publikation zu präsentieren, die auf eine klar definierte Zielgruppe fokussiert war. Als damaliger Jungvater habe ihn das Thema fasziniert – und nicht mehr losgelassen. «Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Emotionen, aber auch wie viel Stolz und Freude bei diesem Thema ausgelöst werden.»

Das Bild der Grosseltern hat sich in der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten in der Tat stark gewandelt. Als «eines der wenigen positiv besetzten Altersbilder» bezeichnet es der Zürcher Soziologe François Höpflinger.

Während die Grosseltern Anfang des 20. Jahrhunderts als unmodern und körperlich nicht mehr fit galten, geniessen sie heute eine hohe Akzeptanz.

Von den Omas und Opas als runzligen, senilen Alten hin zu den jugendlich-aktiven Grosseltern, die sich mit ihren Enkeln per E-Mail oder Facebook austauschen, Rollerblades fahren oder ins Fitnessstudio gehen.

Sie sind verhältnismässig jung (geblieben) und stehen, wenn auch nicht mitten im Berufsleben, so doch mitten im Leben.

Ihre Kaufkraft ist hoch, nicht umsonst werden sie als «Best oder Golden Ager» von der Wirtschaft umworben. Sie sind aber auch die erste Generation, die nach dem Erwerbsleben noch die Kraft – und Lust – hat, sich nützlich zu machen.

Oma macht den Unterschied

Was die neuen Grosseltern vor allem unterscheidet: Sie sind eine wichtige sozialpolitische Einrichtung, wenn es darum geht, Beruf und Familie zu vereinbaren. Der Vorteil: Oma und Opa kosten nichts, haben keine Schliesszeiten und sind flexibel.

Über 50 Prozent aller Vorschulkinder, die in der Schweiz fremdbetreut werden, werden von Grosseltern betreut. Sie widmen denn auch jährlich 99,6 Millionen Stunden Betreuungsarbeit. Dies entspricht einer Wirtschaftsleistung von über 3 Milliarden Franken.

Wie wertvoll das gerade bei werdenden Familien ist, hat die Wissenschafterin Kerstin Ruckdeschel vom deutschen Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung aufgezeigt. Sie hat verglichen, welchen Einfluss ein eng geknüpftes soziales Netz auf den Kinderwunsch und die Kinderzahl hat. «Die Oma macht den Unterschied!» ist ihr Fazit. Sie spielt dabei eine wichtigere Rolle als etwa institutionelle Unterstützung von staatlicher Seite.

Diese Werteverschiebung ist der eine wichtige Punkt, der dem jungen Projekt von Dominik Achermann in die Hände spielt. Der zweite ist die demografische Entwicklung. «Die gemeinsame Lebensphase zwischen Grosseltern und Enkeln wird immer länger.»

Und: Die jungen Alten wollen, sofern es die Fitness erlaubt, mehr sein als nur Besuchsoma oder -opa. «Sunseeker» werden diese rüstigen Grosseltern auch genannt, die Dinge unternehmen, die auch ihnen selbst Spass machen – Streichelzoo, Kino oder Zelten.

Freude an den Enkeln

Genau diese Zielgruppe hat auch das Magazin «Grosseltern» im Auge. «Wir fokussieren nicht auf das Alter unserer Leser und Leserinnen, sondern auf die Freude und den Stolz an den Enkelkindern», so Achermann. Das 10-ml jährlich erscheinende Magazin mit einem Umfang von 84 Seiten und einer Druckauflage von 20 000 Exemplaren soll die Zielgruppe, Personen zwischen 50 bis 75 Jahren, mit fundierten Beiträgen aus der Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie, aber auch Reportagen, Kolumnen, Freizeittipps und einem Ratgeber-Teil rund um Gesundheit, Finanzen, Ernährung und Technik abholen. Für die erste Ausgabe sind Geschichten wie Generationenspielplätze oder eine Reportage von einer Dreigenerationenfamilie auf der Alp geplant, aber auch ein Dossier zum Thema «Zum ersten Mal Grossmutter oder Grossvater werden».

Vom letzten unangefochtenen Überbleibsel des bürgerlichen Familienideals, spricht Soziologe François Höpflinger, wenn er die Beziehung zwischen Enkeln und Grosseltern anspricht. Eine in der Öffentlichkeit bisher häufig vernachlässigte Verbindung.

Die «neuen Grosseltern» verbringen sehr viel mehr gemeinsame Zeit mit ihren Enkeln als früher, ihr Kontakt ist persönlicher und sie kommen besser miteinander aus, wie die bislang grösste Untersuchung zum Verhältnis der beiden Generationen in der Schweiz 2006 herausgefunden hat. «Sie übernehmen eine wichtige Funktion sowohl als Gegengewicht wie auch als Verbündete im Verhältnis zwischen Enkeln und deren Eltern», betont Hans Rudolf Schelling, Geschäftsführer des Zentrums für Gerontologie an der Universität Zürich. «Sie können zudem den Enkeln neben Lebenserfahrung vor allem auch Kompetenzen im psychosozialen Bereich vermitteln.»

Sie hören zu, ohne zu kritisieren

Die neuen Grosseltern haben noch dazu einen grossen Schatz, der für alle sehr kostbar ist: Zeit und Ruhe. Sie sind einfach da, ohne sich aufzudrängen. Sie hören zu, ohne viel zu kritisieren. Sie geben Rat, ohne jemandem ihre Meinung aufzudrängen.

Deshalb dürften die neuen Grosseltern in Zukunft eine noch wichtigere Rolle spielen, was ganz im Sinne von Dominik Achermann wäre. Denn die Ziele des «Grosseltern»-Verlegers sind ambitioniert. Nach einem Jahr möchte er 3000 bis 3500 Abos haben. Und dann in die französische Schweiz expandieren. «Ja, und vielleicht auch nach Deutschland und Österreich, wer weiss?»,sagt der Badener und blickt nochmals ins Manor-Restaurant, das sich mittlerweile mit Grosseltern und Enkeln gefüllt hat.