Meeresspiegel steigen. Gletscher schmelzen. Dürrgebiete wachsen. Und verantwortlich dafür sind grösstenteils die Menschen: Über die Hälfte der Erderwärmung zwischen 1951 und 2010 war menschgemacht. Zu diesem Ergebnis kam der 2013 erschienene Bericht des Ausschusses für Klimaveränderungen der Vereinten Nationen IPCC, kurz für Intergovernmental Panel on Climate Change.

Jetzt hat ein vom Schweizerischen Nationalfonds gefördertes Forschungsprojekt des Observatoriums Davos, der ETH Zürich und der Universität Bern jedoch herausgefunden: Die Strahlung der Sonne spielt bei der globalen Erwärmung eine bisher unterschätzte Rolle. Es ist also ein natürlicher Faktor, und kein menschengemachter, der neue Beachtung findet. Die Ergebnisse lassen aufhorchen, da der IPCC zuvor davon ausging, dass die Sonnenaktivität keinen Einfluss auf die längerfristige Entwicklung des Klimas habe.

Eine «Kleine Eiszeit»?

Bereits bekannt war, dass die Sonnenaktivität Zyklen von durchschnittlich elf Jahren unterliegt. In dieser Kadenz treten mehr oder weniger Sonnenflecken auf. Laut Werner Schmutz, einem der Studienautoren des Observatoriums Davos, sind diese für die Klimaberechnung jedoch nicht von Bedeutung.

Die Schweizer Forscher gehen von einer deutlich stärkeren Schwankung der auf die Erde treffenden Strahlung aus als in bisherigen Modellen. «Das ist der beste Ansatz, um die natürlichen Klimaschwankungen der letzten paar tausend Jahre zu verstehen», ist Schmutz überzeugt. Die anderen Hypothesen seien weniger schlüssig, wie zum Beispiel der Effekt grosser Vulkanausbrüche.

Gletscherdämmerung - Wie die Schweiz gegen den Klimawandel kämpft (Dokumentation aus dem Jahr 2015)

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Ein halbes Grad kühler in den nächsten 100 Jahren

Basierend auf historischen Strahlungsentwicklungen und Analysen der momentanen Situation stellten die Forscher eine Hypothese auf, wie sich die Strahlung in den nächsten hundert Jahren entwickeln wird. Das Überraschende an ihrem Resultat: Gäbe es keine menschengemachte Erwärmung, würde die Erde in den nächsten 100 Jahren um ein halbes Grad kühler werden, da die Sonne auf dem Weg zu ihrem nächsten Strahlungs-Minimum ist.

«Die Schwankungen der Sonnenstrahlung helfen, die Klimaentwicklungen der letzten tausend Jahre zu erklären», beobachtet Schmutz. Die Sonnenaktivität ist zyklisch: Auf den Höhepunkt an Strahlung folgt der Tiefpunkt. Auch die «Kleine Eiszeit» um 1700 lasse sich auf veränderte Sonnenstrahlungen zurückführen. Schmutz betont aber: «Die Strahlung ist ein Teilaspekt der Klimaerwärmung, sie erklärt nicht alles, und genaue Zukunftsvorhersagen sind ebenso unmöglich.»

Zudem: Das halbe Grad bringt keine Abkühlung, sondern eine langsamere Erwärmung. «Wir müssen unbedingt weitermachen mit dem Klima- und Umweltschutz. Alles, was unser Resultat bedeutet, ist, dass wir wahrscheinlich ein bisschen Zeit gewinnen können», so Schmutz. Denn nach dem nächsten Strahlungsminimum wird auch wieder ein Maximum folgen.