Suizidhilfe

Die Sterbemaschine des «Dr. Tod»: «Der Sarco macht es möglich, mit Eleganz und Stil zu sterben»

Philip Nitschke (70) hat als einer der ersten Ärzte überhaupt Suizidhilfe geleistet. Jetzt will der Australier eine neue Maschine für Sterbewillige lancieren – ausgerechnet in der Schweiz

Sein Projekt ist haarsträubend, seine Erfindung beängstigend. Doch Philip Nitschke wirkt völlig gelassen, wenn er von seiner neuen Suizidmaschine erzählt: «Der Sarco», sagt der australische Arzt, «macht es möglich, mit Eleganz und Stil zu sterben.»

Der Satz sitzt. Nitschke rückt die Brille zurecht und setzt zur Erklärung an. Sein Sarco ist eine futuristisch anmutende Sterbekapsel für Suizidwillige, die sich auf Knopfdruck mit Stickstoff füllt. Nach einer Minute sei man bewusstlos, nach fünf Minuten tot, sagt Nitschke. Der Sarco sieht aus wie ein aufgemotztes «Putschiauto» einer Chilbibahn. Doch die Kapsel ist nicht zum Spielen da, sondern zum Töten. Und wenn es nach Nitschke geht, dann soll sie das ausgerechnet in der Schweiz tun.

«Der Sarco macht es möglich, mit Eleganz und Stil zu sterben»

«Der Sarco macht es möglich, mit Eleganz und Stil zu sterben»

Philip Nitschke über seine Erfindung, Sterbehilfe in der Schweiz und den friedlichen Tod.

Der Arzt, der in seiner Heimat den Übernamen «Dr. Tod» trägt, steht in einer Hotellobby am Flughafen Zürich und freut sich über das mediale Interesse an seiner Erfindung. Nitschke hat in den 90er-Jahren als einer der ersten Ärzte überhaupt eine sterbewillige Person beim Suizid assistiert und kämpft bis heute für eine Liberalisierung der Sterbehilfegesetze.

In Zürich macht er nur einen kurzen Zwischenstopp. Er ist auf der Durchreise nach Neuseeland. Dort steht eine Kollegin vor Gericht, weil sie einem Sterbewilligen illegal die tödliche Substanz Natrium-Pentobarbital besorgt haben soll: jenes Medikament, das auch Schweizer Sterbehilfeorganisationen verwenden, um ihren Patienten einen sanften Tod zu ermöglichen. Nitschkes Kollegin drohen 14 Jahre Haft. Er will ihr beim Prozess beistehen.

Tesla der Sterbehilfe

Der kleine Mann mit dem aufgeweckten Blick und dem breiten australischen Akzent kennt die juristischen Tücken der Sterbehilfe-Branche aus eigener Erfahrung. Nachdem Australien die Sterbehilfe Ende der 90er-Jahre verboten hatte und Nitschke mit seiner Organisation «Exit International» dennoch weiterhin für einen liberalen Umgang mit dem Thema weibelte, hat auch er regelmässig Besuch von der Polizei erhalten.

Sein Sterbehilfebuch «Die friedliche Pille» wurde in Australien verboten, nachdem sich mehrere junge Menschen mit den darin beschriebenen Methoden das Leben genommen hatten. 2014 entzog ihm die zuständige Behörde seine Arzt-Lizenz, weil er einen mutmasslichen Serienmörder, der bei ihm um Rat nachfragte, nicht von seiner Selbstmordabsicht abbrachte.

Nitschke prozessierte erfolgreich gegen den Entscheid, erhielt aber die Auflage, sich nicht mehr länger für Suizidhilfe einsetzen zu dürfen. Daraufhin verbrannte er demonstrativ seine Arzt-Lizenz und wanderte in das liberale Holland aus, wo er seither auf einem Hausboot wohnt und weiter an Suizidmethoden tüftelt.

2017 kam ihm die Idee mit dem Sarco: Gemeinsam mit dem holländischen Designer Alexander Bannink entwarf er das Gerät. Nitschke beschreibt es als «Euthanasie-Maschine der Zukunft». Das amerikanische Magazin «Newsweek» nannte es den «Tesla der Sterbehilfe». Freitod-Gegner verurteilen die Maschine als «mobile Gaskammer».

Der Sarco befindet sich derzeit in der Entwicklungsphase. Im April soll das erste funktionstüchtige Modell stehen. «Ich garantiere jetzt schon, dass der Sarco zu hundert Prozent funktionieren wird», sagt Nitschke. Die Maschine soll sich dereinst mit einem 3D-Drucker herstellen lassen. Sterbewillige könnten sich die Baupläne erwerben und müssten danach bloss einen Online-Test ausfüllen und beweisen, dass sie zurechnungsfähig sind, erklärt er.

Danach erhielten sie einen für 24 Stunden gültigen vierstelligen Code. Nachdem man den Code eingibt, strömt der Stickstoff in die Kapsel, in der man sich nach seinem Ableben auch gleich beerdigen lassen kann. Der Tod komme schmerzlos, ohne bittere Medikamente, zu Hause im eigenen Garten oder am Lieblingsort mit schöner Aussicht durch den transparenten Sarco-Deckel.

Sterben als Menschenrecht

Die Schweiz, findet Nitschke, sei dank ihrer liberalen Sterbehilfebestimmungen der ideale Ort, um sein neues Gerät zu lancieren. Tatsächlich ist die sogenannte indirekte aktive Sterbehilfe hierzulande gesetzlich nicht verboten. Strafbar ist sie nur dann, wenn man den Assistierenden «selbstsüchtige Beweggründe» nachweisen kann. Nitschke aber will nichts von Selbstsucht wissen. In seinen Augen ist Sterben ein Menschenrecht. Wer gehen will, soll gehen dürfen. Alles, was er tue, sei, den Leuten ihren letzten Wunsch technisch zu ermöglichen. «Wir stellen die Maschine zur Verfügung. Der Rest liegt in den Händen der Patienten.»

Nitschke, der nach seinem Wegzug aus Australien eine Weile im jurassischen Pruntrut gelebt hat, kennt die Akteure der Schweizer Sterbehilfeszene und hat sein Sarco-Konzept nach eigenen Angaben auch schon beim Zürcher Verein Dignitas und der Basler Stiftung Eternal Spirit vorgestellt. Dignitas-Präsident Ludwig Minelli, dessen Verein Nitschke 2015 im Prozess gegen die australischen Behörden mit 20 000 Dollar unterstützt hat, winkt aber ab.

«Ich kenne Herrn Nitschke, habe aber schon lange nicht mehr mit ihm gesprochen», sagt Minelli am Telefon. «Von seinem Sarco-Konzept habe ich bisher noch nie gehört.» Interessant sei der Sarco möglicherweise in Ländern, in denen andere Sterbehilfemethoden an der Gesetzeslage oder vor den Gerichten scheiterten, glaubt Minelli. «In der Schweiz besteht für Nitschkes Methode wohl kein Bedarf.»

Ähnlich sieht das Bernhard Sutter, Geschäftsführer des Schweizer Sterbehilfevereins Exit: «In der Schweiz hat sich die Sterbehilfe mit Natrium-Pentobarbital bewährt. Sie entspricht dem, was sich sehr viele schwer leidende Patienten als Sterbeart vorstellen», sagt Sutter. Bei Exit habe Nitschke sein Produkt nicht vorgestellt.

Deutliche Worte für den Sarco findet Erika Preisig, Präsidentin der Sterbehilfe-Stiftung Eternal Spirit. «Ich lehne die Sarco-Lösung zu 100 Prozent ab», betont die Baselbieter Hausärztin. «Würden Sie sich denn gerne in einen Plastiksarg legen und sich ins Jenseits befördern lassen? Das ist doch nicht zumutbar.» Zwar sei die von Nitschke propagierte Lösung immer noch besser als beispielsweise der Sprung vor den Zug. «Der Plastiksarg nimmt dem Sterbeprozess aber die Würde.»

Trotzdem kann sie sich vorstellen, dass Nitschkes Produkt für eine kleine Gruppe von Patienten attraktiv sein könnte. «Wenn die Schweizer Behörden weiterhin daran festhalten, alte Menschen erst dann in den Tod zu begleiten, wenn sie todkrank sind, dann kann ich mir vorstellen, dass der Sarco sich als Alternative etablieren könnte.»

Zunehmen würde die Zahl der Freitode deswegen aber nicht, glaubt Preisig. «Es braucht sehr viel Mut, sich in einen Plastiksarg zu legen und den Knopf zu drücken, damit das Gas kommt.» Preisig hofft, dass das Gerät in der Schweiz aber gar nie erst eingesetzt wird. «Genau wie bei der Geburt sollte der Arzt auch bei einem Freitod Verantwortung mittragen. Wir sind Gatekeeper und überwachen, dass alles gut läuft. Wenn der Sarco eingesetzt wird, empfinde ich das als Versagen von uns Ärzten», sagt die Ärztin.

Erster Sarco-Suizid im April?

Philip Nitschke glaubt trotzdem daran, dass er bald einen Schweizer Partner für sein Projekt finden wird. Dass die Idee gerade in Europa auf Ablehnung stösst, versteht er aber: «Der Sarco erinnert die Leute an eine Gaskammer. Und in Europa habt ihr Mühe mit Gaskammern, wegen deren Geschichte.» Seine Maschine sei aber ganz anders, versichert der Australier. «Wir verwenden Stickstoff, kein Giftgas. Und der Tod durch Stickstoff ist ein sehr friedlicher, fast euphorischer Tod.» Mit den Todeskämpfen, die Millionen von Menschen in den Gaskammern der Nazis ausgefochten hätten, habe das nichts zu tun.

Nitschke kann sich vorstellen, dereinst selbst in den Sarco zu steigen. «Ich glaube zwar nicht ans Jenseits. Die Idee der futuristischen Kapsel, die einen von diesem Leben in ein nächstes führt, gefällt mir trotzdem ausgesprochen gut.» Im April soll der erste Sarco fertiggestellt sein. Nitschke weiss bereits von einer sterbewilligen Frau, die sich vorstellen kann, ihre letzte Reise in seinem neuen Gerät anzutreten. Am liebsten von der Schweiz aus.

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