Als der weisse Lastwagen auf die Bühne fuhr, dazu elektrische Gitarren und harte Bässe aus den Lautsprechern schallten, da haben die Zuschauer gelacht. Zu surreal war die Szene vor einigen Tagen bei einer Konferenz des Versandhändlers Amazon in Las Vegas. Denn wenn Technologie-Unternehmen heutzutage neue und innovative Produkte vorstellen, dann sind diese jeweils so klein und handlich wie nur irgendwie möglich. Das 16 Meter lange und mehrere Tonnen schwere «Snowmobile» von Amazon entspricht also so gar nicht dem aktuellen Trend – weder in Bezug auf die Grösse noch auf die verwendete Technologie.

Im Anhänger des neuen Lastwagens befindet sich nämlich der wohl grösste mobile Datenträger der Welt. Und das, obwohl sich Experten einig sind, dass USB-Sticks und externe Festplatten bald genauso altmodisch sein werden, wie es Disketten und wiederbeschreibbare DVDs heute sind. Die Zukunft sei die Cloud, sagt man. Also jene digitalen Plattformen, wo nicht nur Privatpersonen ihre Ferienschnappschüsse speichern, sondern immer häufiger auch Firmen all ihre Programme ausführen. Viel Hardware soll überflüssig werden.

Dieses Problem kann das Internet nicht lösen

Bei den Cloud-Anbietern mischen unter anderem Microsoft und Google mit – der Marktführer ist derzeit aber Amazon. Mit dem Snowmobile will das Unternehmen diese Position stärken. Es ist die Antwort auf ein Problem, welches das Internet nicht zu lösen vermochte.

Insgesamt 100 Petabyte haben in Amazons neuem Snowmobile Platz, also 100 000 Terabyte. Das sind Datenmengen von gigantischem Ausmass: Der Lastwagen bietet beispielsweise genügend Speicher für 25 Millionen Spielfilme im HD-Format – oder für alle Texte, welche in der Menschheitsgeschichte je verfasst wurden. Dass Unternehmen immer häufiger mit derart exorbitanten Datenmengen arbeiten, das stellt Amazons Cloud-Plattform vor grosse Probleme. Nicht etwa, weil es zu wenig Speicherplatz auf den Servern gäbe, sondern weil es zu lange dauert, diese Dokumente vom Rechenzentrum des Kunden an die Plattform zu übermitteln.

Denn wenn ein Unternehmen heute 100 Petabyte Daten über das Internet in die Cloud laden will, dauert das rund 25 Jahre – selbst mit einer unglaublich schnellen Internetverbindung. Die hochgepriesene Cloud-Technologie gerät also an ihre Grenzen. Deshalb bedient sich Amazon jetzt eines alten Speichermediums und eines noch viel älteren Transportmittels.

Der Truck ist bis zu 1000-mal schneller

Amazon wird in Zukunft die neuen Snowmobile-Lastwagen direkt zum Kunden schicken, wo die Daten per Kabel transferiert werden statt per Internet – das ist bis zu 1000-mal schneller. Danach fahren die Lastwagen zurück zu Amazons Serverzentrum, wo sie ebenfalls per Kabel an die Cloud angeschlossen werden.

Der neue Amazon-Lastwagen ist also gewissermassen der grösste USB-Stick der Welt. Diesen wird Amazon wohl so lange nutzen, bis alle Daten in der Cloud, oder die technischen Hürden überwunden sind, welche die Datenübertragung per Internet derzeit noch einschränken. Dazu wird man vermutlich einen Grossteil der verbauten Internetkabel ersetzen müssen.