Zwölf Millionen Hektaren fruchtbares Land veröden weltweit pro Jahr. Das sind 23 Fussballfelder in einer Minute. Die grossflächige Rodung von Bäumen ist einer der Gründe dafür. Denn Bäume spielen eine wichtige Rolle für die Fruchtbarkeit der Böden. Sie sorgen dafür, dass der Regen in den Boden sickert und nicht oberflächlich abfliesst. Sie stabilisieren mit ihren Wurzeln den Boden und verhindern, dass Wind und Wasser die fruchtbare Erde davontragen. Sie sorgen mit Schatten und abgefallenen Blättern dafür, dass die Feuchtigkeit in der Erde bleibt, und die Blätter sind wichtig als Dünger. Und manche Bäume liefern auch noch essbare Früchte.

Vielerorts mussten die Bäume aber der Landwirtschaft Platz machen und Brennholz für die wachsende Bevölkerung liefern. Mit gravierenden Folgen: Starke Bodenerosion und sinkende Grundwasserspiegel lassen ganze Gebiete veröden. Besonders dramatisch sind die Konsequenzen der Abholzung in der Sahelzone, wo die Wüste sich ausbreitet und die Bauern von massiven Ernteausfällen und immer häufiger auftretenden Dürreperioden betroffen sind.

Dagegen kämpft der Australier Tony Rinaudo seit über 35 Jahren an. Es war Anfang der 80er-Jahre, als der Agrarökonom als Missionar in den Niger zog und versuchte, Baumschulen zu errichten und die Bauern dazu zu bringen, auf ihren Feldern Bäume zu pflanzen. In den ersten Jahren blieben die Bemühungen des Agronomen erfolglos: Die neugepflanzten Bäumchen gingen nach kurzer Zeit ein, weil es ihnen an Wasser mangelte, sie von Tieren gefressen wurden oder sie nicht genügend gepflegt wurden.

Unterirdischer Wald

Rinaudo war kurz vor dem Aufgeben, als er entdeckte, dass es auch einfacher geht. Unterwegs in der kargen Landschaft fielen ihm die zahlreichen kleinen Büsche ins Auge, die überall aus dem Boden sprossen und von den Bauern meist als Unkraut gerodet wurden. Bei genauerer Betrachtung bemerkte er, dass sie in Wirklichkeit kleine Bäumchen waren, die aus dem Wurzelwerk ihrer abgeholzten Vorgänger wuchsen. Rinaudo realisierte, dass sich unter dem Sand wie ein unterirdischer Wald noch immer ein grossflächiges Netz aus intakten Baumwurzeln befinden musste.

Diese Entdeckung erleichterten seine Bemühungen zur Aufforstung immens: Statt aufwendig neue Bäume zu ziehen, musste man einfach die von alleine aus den Wurzeln spriessenden Zweige vor der Abholzung und vor den Tieren schützen. Denn durch die vorhandenen Wurzeln haben die Baumsprossen leichten Zugang zu gespeicherten Nährstoffen und Stärke sowie Wasser und wachsen deshalb viel schneller nach als neugepflanzte Setzlinge. Durch gezieltes Schneiden der Bäumchen kann das Wachstum sogar so stark begünstigt werden, dass innerhalb von drei Jahren stattliche Bäume von fünf Metern heranwachsen können.

200 Millionen Bäume

Diese Methode, Farmer Managed Natural Regeneration (FMNR) genannt, ist ausserdem sehr günstig, da die Bäume von alleine wachsen. Nötig sind nur ein Messer zum Zurückschneiden der Äste sowie Zäune zum Schutz vor Tieren. Gerade da lag allerdings die grösste Herausforderung für Rinaudo. Die Bauern liessen sich zu Beginn nur schwer davon überzeugen, die Sträucher, die beim Bewirtschaften der Felder im Weg waren, zu Bäumen heranwachsen zu lassen und sie nicht verfrüht Tieren zu verfüttern oder als Brennholz zu nutzen. Rinaudo und sein Team mussten erst ein Bewusstsein für die Folgen der Entwaldung schaffen und die Zusammenhänge mit den tiefen Ernteerträgen aufzeigen. Erste Versuche der Wiederaufforstung auf dem Land von knapp einem Dutzend Farmern zeigten aber Wirkung, immer mehr Bauern interessierten sich für die Methode.

Seit 1999 ist Tony Rinaudo für das Hilfswerk World Vision Australia tätig und konnte die FMNR-Methode mittlerweile in rund zwanzig Ländern in Afrika und Asien etablieren. Die anfängliche Skepsis der Bauern gegenüber Rinaudo ist verflogen, viele benannten sogar ihre Söhne nach ihm. Und die Resultate der FMNR-Wiederaufforstung sind erfolgversprechend: Allein in Niger, wo Rinaudo seine Methode zuerst ausprobierte, wurden über sieben Millionen Hektaren mit der FMNR-Methode aufgeforstet. Im südlichen Niger gibt es heute 200 Millionen Bäume mehr als vor dreissig Jahren. Schätzungen zufolge konnten dadurch 500 000 zusätzliche Tonnen an Nahrungsmitteln geerntet werden, was dem Nahrungsmittelbedarf von 2,5 Millionen Menschen entspricht.

Tony Rinaudo wird im November für die Entwicklung der FMNR-Methode mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Seine Entdeckung könnte die Zukunft vieler Menschen in der Sahelzone und anderen wüstennahen Regionen beeinflussen. Denn die UNO schätzt, dass in 20 Jahren rund 135 Millionen Menschen umsiedeln müssen, weil die Wüste sich immer weiter ausbreitet.