Interview

«Hasskommentar-Schreibern geht es oft nur um Aufmerksamkeit»

Digitalexpertin Ingrid Brodnig.

Digitalexpertin Ingrid Brodnig.

Auf allen grossen Onlineportalen und auf Social Media fallen immer wieder besonders aggressive Hasskommentare auf. Im «Nachgefragt» erklärt die digitale Botschafterin Ingrid Brodnig die Motive der Hetzer.

Die Hetze, das Mobbing und die Lügen im Internet sind ihr Beruf: Journalistin und Autorin Ingrid Brodnig ist die digitale Botschafterin Österreichs für die EU. Zum Thema «Digitale Desinformation» ist sie diesen Sonntag um 11.15 Uhr im Stapferhaus in Lenzburg zu Besuch im Rahmen der Ausstellung «Fake. Die ganze Wahrheit».

Sie finden, zu wissen, ob man in den sozialen Medien etwas teilen oder liken soll, sei eine der wichtigsten Medienkompetenzen heute. Warum?

Ingrid Brodnig: Als User müssen wir uns Skepsis aneignen. Gerade dann, wenn einen eine Meldung besonders aufwühlt, sodass man denkt, das muss ich jetzt allen erzählen, sollte man vorsichtig werden.

Was sind solche Aufregerthemen?

Migranten und auch der Klimawandel. Kürzlich kursierte die Meldung, dass am Bahnhof Stadelhofen viel Abfall am Boden liege. Ein Facebook-User kommentierte zynisch: «So hat es nach der Klimademo ausgesehen, ich bin stolz auf die Jugend.» Das wurde auf Facebook mehr als 2000-mal geteilt. Das Bild war alt – von einer Street Parade. Es wurde verwendet, um gegen die «Fridays For Future»-Bewegung zu agitieren. Es ist leider so, dass wir Menschen eine Neuigkeit, die unsere Meinung oder Haltung bestätigt, oft unreflektiert aufnehmen.

Wie soll man auf eine solche Falschmeldung reagieren?

Lassen Sie sich nicht provozieren, die Falschmeldung zu teilen – auch nicht, um zu widersprechen. Sonst wertet der Algorithmus von Facebook das als positives Signal, und die Meldung wird noch sichtbarer. Wenn man eine Falschmeldung kritisieren will, sollte man eine neue Meldung schreiben.

Gegen Fake News gibt es inzwischen immerhin Faktenchecker.

Eigentlich wäre das ja eine klassische journalistische Aufgabe. Im Netz kursiert aber zu viel Unsinn. Oft betreiben engagierte Bürger solche Seiten. Aber Profis: Mimikama.at ist eine Faktenchecker-Website. Man ist den Lügen nicht ausgeliefert – es gibt Portale, wo man die Meldungen prüfen kann.

Es gibt aber auch die «Hacker der Gefühle», wie Sie sie nennen.

Ich bezeichne Internettrolle als Hacker unserer Gefühle. Sie schreiben provokative Kommentare, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Zum Beispiel kann ein Troll einen aggressiven Kommentar über Migranten verfassen – nicht weil er das so sieht, sondern weil er Streit zwischen migrationskritischen Menschen und anderen auslösen will.

Auf der Strasse würde man solche Pöbler vielleicht in die Schranken weisen oder die Polizei rufen.

Ja, offline haben wir viele Reaktionsmöglichkeiten gelernt. In einem Lokal würde der Wirt einen unflätigen Typen nach einer gewissen Zeit auffordern, zu gehen. Und so ein Sadist verliert Kollegen. Im Internet passiert meist lange nichts.

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