Konflikt

Diktatur vs Demokratie: Eine Syrerin schildert ihre Leidensgeschichte und reflektiert über freie Wahlen

Zaher Al Jamous machte nach dem Wahlwochenende ein Selfie im Tierpark Dählhölzli in Bern. Sie färbte sich die Finger rot in Erinnerung an die erlebten unfreien Wahlen in Syrien. Bild: Zaher Al Jamous

Zaher Al Jamous machte nach dem Wahlwochenende ein Selfie im Tierpark Dählhölzli in Bern. Sie färbte sich die Finger rot in Erinnerung an die erlebten unfreien Wahlen in Syrien. Bild: Zaher Al Jamous

Sie erlebte den Wahlsonntag auf ihre Art: Die Syrerin Zaher Al Jamous erzählt von all den Malen, an denen sie gezwungen wurde, einen Diktator zu wählen.

Am Sonntag hat die Schweiz ihr Parlament gewählt. Mich beschäftigt seither eine Frage: Warum hatte ich niemals die Möglichkeit, diesen oder jenen Parlamentarier zu wählen und freiwillig an Wahlen teilzunehmen?

Im Alter von 15 Jahren musste ich beim Zivilstandsamt einen syrischen Ausweis beantragen, so wie es jede syrische Frau tun muss. Davor war mein Name im Familienbuch meiner Eltern eingetragen. Darin standen die Namen meines Vaters und meiner Mutter. Es folgten drei Seiten für Namen einer zweiten, einer dritten und einer vierten Ehefrau. Im Falle unseres Familienbuches waren diese drei Seiten leer. Die letzten zwanzig Seiten waren für die Kinder reserviert, pro Kind eine Seite.

Auf dem Zivilstandsamt, welches sich bei der Stadtpolizei befindet, hatte ich den Eindruck, mich in einem Verhör zu befinden. Um meinen Ausweis zu erhalten, musste ich Passfotos und das Familienbuch mitbringen. «Es fehlen die zwei erforderlichen Zeugen!», murmelte der Beamte.

Die Aufgabe der Zeugen war, zu bestätigen, dass ich, Frau Sowieso, die Tochter von Herrn Sowieso sei. «Wie finde ich hier und jetzt jemanden, der mich kennt?», fragte ich. Der Beamte antwortete: «Es ist nicht wichtig, dass die Zeugen Sie kennen, sondern dass die beiden sich im Register eintragen.»

Die Mutter stimmte auch für alle erwachsenen Kinder ab

Erstaunt ging ich auf die Strasse und bat zwei wildfremde Männer, mit mir ins Büro zu kommen und zu unterschreiben, dass sie mich kennen würden. Der Beamte schrieb die Informationen auf; danach zog er an meinen Händen, drückte sie fest und begann, Finger für Finger Abdrücke zu machen. Handelte es sich dabei um einen normalen amtlichen Umgang? In jenem Moment war ich fassungslos!

Nach sechs Monaten konnte ich auf dem Zivilstandsamt meinen Ausweis abholen. Ich hatte nie erwartet, dass ich diesen Ausweis einmal gezwungenermassen verwenden würde. Ja, gezwungenermassen! Ich musste gegen meinen Willen zugunsten des syrischen Präsidenten abstimmen: Eines Tages verwandelte sich meine Mutter in einen Armeeoffizier und befahl uns Kindern in militärischem Befehlston, ihr die Ausweise auszuhändigen. Sie erlaubten es ihr, für alle abzustimmen.

Die einzige Option für sie war ein «Ja» für den Präsidenten. Die Wahlurnen oder «Zwangsurnen», wie ich sie nannte, wurden in Schulen und behördlichen Zentren in Syrien aufgestellt. Ich weigerte mich: «Ich will den Assad nicht wählen. Warum muss ich wählen, wenn sein Slogan ‹Assad für die Ewigkeit› lautet? Er ist sowieso für immer an der Macht.» Die Antwort meiner zornigen Mutter lautete: «Er ist ein Assad (der Name bedeutet «Löwe» auf Arabisch) und du bist ein Büffel!» Büffel ist mein Familienname.

Seither hatte ich das Gefühl, dass ich nicht in einem normalen Land lebte. Für mich schien es eher ein Zoo zu sein. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung trägt Nachnamen von Tieren. Man findet Familiennamen wie Pferd, Esel, Büffel, Stieglitz, Spatz, Hahn, Gazelle, Tiger, Bienen oder Kamel.

Meine Mutter, die mich das Denken und Reden gelernt hatte, geriet in Panik, riss mir den Ausweis aus der Hand und ging fort, um unser «ewiges Schicksal» zu wählen.

Im Wahlzentrum lautete die Frage auf dem Stimmzettel «Nein» oder «Ja». Gegen oder für Assad. Ich fragte mich, warum das Wort «Nein» überhaupt vorkam, wenn doch niemand so wählen durfte. Zusätzlich zur Abgabe des Stimmzettels war der Wähler verpflichtet, den Finger für einen Abdruck rot färben zu lassen. Das sollte ausdrücken, dass wir als Volk mit unserem Blut unseren Präsidenten beschützen.

Meine Mutter kehrte zurück und hob ihre Hände hoch, um uns zu zeigen, dass sie alle ihre Finger rot gefärbt hatte, nicht nur die Daumen. Meine Mutter Büffel hatte die Fingerabdrücke gemacht, damit der Löwe ihre Kälber nicht verschlingen würde.

In Syrien finden wohl die einzigen Wahlen statt, bei welchen man nicht persönlich erscheinen muss. Es genügt, die Ausweise mit einem Familienmitglied oder sogar einem Nachbarn zu senden, um die überlebenswichtige Bezeichnung «Assad-loyal» zu erhalten. Syrien-loyal ist zweitrangig.

Damit der syrische Machtaparat schnell wissen konnte, wer Assad gewählt oder nicht gewählt hatte, stempelte man einen Phönix auf die Ecke der Personalausweise der Ja-Sager. Wenn man künftig ein offizielles Papier beantragen wollte und dieser Stempel auf der ID fehlte, war es eine Frage von kurzer Zeit, bevor man für immer vermisst wurde.

Nach Jahren der Geheimdienstplanung wurde die sogenannte Wahlkarte erfunden, die nur für Präsidentschaftswahlen verwendet wird. Auch hier braucht man nicht persönlich zu gehen. Man braucht nur eine Mutter, die dich daran erinnert, dass du nichts anderes als ein Büffel bist.

Der Tod des Löwenvaters wurde auf der Strasse beweint

Vater Assad brüllte am 10. Juni 2000 zum letzten Mal. Diesen Tag werde ich nie vergessen. Ich sah mit meinen eigenen grünen Augen, wie sich die Geheimdienstler in ihren schwarzen Kleidern über die Strassen von Damaskus verteilten und befahlen, alle Universitätsprüfungen abzubrechen und das Leben in ganz Syrien lahmzulegen.

Ich ging auf die Universität zu, als ich hörte, wie der Geheimdienst einem jungen Mann befahl, seine Buchhandlung zu schliessen. Der Mann fragte nach dem Grund und erhielt die Antwort: «Assad ist gestorben.» Diese Information war schockierend für ihn – und katastrophal für mich.

Der Mann weinte, und ich wusste, dass die Stunde des Lamentierens gekommen war. Ein anderer junger Mann und ein Mädchen, die neben mir gingen, fragten, warum der Mann weinte. Ich antwortete ihnen mit dem gleichen Satz, den der Geheimagent gesagt hatte: «Assad ist gestorben», und lief weiter. Doch der Mann folgte mir, packte mich an meiner Kleidung im Brustbereich und donnerte: «Wie kannst du es wagen, das zu sagen?» Ich erschrak, aber antwortete gefasst: «Gottes Erbarmen sei über ihm.»

Ich ging zum Wohnheim, wo Klagen und Weinen laut wurde und die Studenten sich ins Gesicht schlugen. Das Zentrum von Damaskus verwandelte sich in eine einzige Klagestätte. Sie skandierten: «Mit Seele und Blut werden wir dich beschützen, Bashar.» Bashar ist der Sohn Assads.

Der junge Löwe folgte schnell auf den alten. Der damals praktizierende Arzt heilte nun die Traurigkeit unseres Zoos. Die Verfassung des Landes wurde geändert und der junge Löwe schwor, dass er der blutigen Familiengeschichte treu bleiben würde. Er wurde ohne Parlamentswahlen eingesetzt.

Doch um die Welt davon zu überzeugen, dass er der Sohn seines Vaters sei, befahl er seinen Hyänen, die üblichen Zwangswahlen abzuhalten. Meine Mutter setzte mich unter Druck, damit ich meinen Mund während der Wahlzeit nicht öffnete, aber ihr meinen Ausweis gab. Sonst würde sie mich zu Hause einsperren. Sie wollte mich einsperren, um mich vor dem Kerker zu schützen.

Bei der letzten Wahl setzte ihr Mann sie unter Druck

Im Jahr 2014 wurden Wahlen für eine weitere Amtszeit von Assad abgehalten. Während der ersten Jahre hatte er die rebellischen Menschen als Vandalen bezeichnet und jene ins Gefängnis geworfen, die ihn aufgefordert hatten, zurückzutreten.

Nun, 2014, setzte mich nicht meine Mutter unter Druck, sondern mein damaliger Ehemann. Er bat mich um meinen Ausweis, damit er ins Wahllokal gehen und uns als Teil von Assads treuer Herde registrieren lassen konnte. Für eine Weile blieb meine brüllende Stimme laut genug und ich konnte Widerstand leisten.

Wie könnte ich für denjenigen stimmen, der uns als Keime bezeichnet und die Tötung von Tausenden von Menschen, auch Kindern, angeordnet und viele mehr zur Migration gezwungen hatte? Stundenlang hielt mein Kampf an, dann erinnerte ich mich an die Worte meiner Mutter:

Seit den Parlamentswahlen in der Schweiz habe ich ein seltsames Heimweh nach meinem Land, wo ich doch dazu gezwungen wurde, Teil einer Herde zu sein. Anstatt zu den Wahlurnen zu gehen, wo ich nichts einwerfen darf, ging ich an einen heimeligen Ort, den Zoo in Bern.

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