Sexualität

Dominanz, Unterordnung und die traurige Sex-Sehnsucht der Frauen: Ein Buch avanciert zum Bestseller

Lisa Taddeo hat eines der meist diskutierten Büchern der Saison geschrieben. Sie erzählt die wahre Geschichte dreier Frauen und ihrem Verlangen.

Lisa Taddeo hat eines der meist diskutierten Büchern der Saison geschrieben. Sie erzählt die wahre Geschichte dreier Frauen und ihrem Verlangen.

Das Buch «Drei Frauen» ist schon jetzt ein Phänomen. Es zeigt, wie weit Verlangen und Sehnsucht Frauen treibt. Der Feuilleton geifert gegen dieses Buch über die Sex-Sehnsucht der Frauen – doch es avanciert zum Bestseller.

Ein «Scheiss-Buch», «ein rückständiges Werk», es enthält Szenen wie aus einem «Softporno der 70er-Jahre» giftelte das deutsche Feuilleton, als die Übersetzung von «Three Women – Drei Frauen» hierzulande erschien. Wie kann ein Buch, dass Frauen als Opfer ihrer sexuellen Bedürfnisse zeigt, in den USA eine literarische Sensation werden, fragten sich die Rezensentinnen.

Das Erstlingswerk der Journalistin Lisa Taddeo kletterte trotzdem auf die Bestseller-Liste und wurde in 27 Sprachen übersetzt. Netflix plant eine Serie. Dieses Buch ist schon jetzt ein Phänomen wie zuletzt der Roman «Fifty Shades of Grey».

Drei echte Frauen und ihr sexuelle Biografie voller Brüche

Acht Jahre lang hat Lisa Taddeo, die als Journalistin arbeitet, für ihren «literarisierenden Report» recherchiert. Hat dafür sechsmal die Vereinigten Staaten durchquert. Um noch tiefer in die Geschichten der drei Protagonistinnen zu tauchen, ist sie von New York in die Provinz Indiana umgezogen.

Warum sie sich genau für diese drei weissen, heterosexuellen Frauen entschieden hat, alles traumatisierte Frauen, erklärt sie nicht. Es brachte ihr prompt den Vorwurf ein, zu wenig divers zu sein.

Lina und Sloane sind Pseudonyme, Maggie heisst wirklich so. Sie brachte ihren Lehrer, sechs Jahre nachdem sie mit ihm als Minderjährige eine Affäre hatte, vor Gericht. Der Fall «Maggie Wilkens» aus North Dakota ist bekannt, Maggie verlor ihn, sie hatte Beweise, doch ihr wurde nicht geglaubt. Sie hat ihn angezeigt, weil er ihrer Ansicht nach in Kauf genommen habe, dass die Affäre ihr Leben zerstörte.

Nachdem ihr Verhältnis bekannt geworden war, wurde sie, vor allem von Frauen, als «Hure» und «fette Fotze» beschimpft. Er hingegen wird zum beliebtesten Lehrer North Dakotas gewählt. Maggie ist seither medikamentenabhängig, braucht Therapie, wird vor Gericht als White Trash Girl diffamiert.

Lina ist eine Schlampe, aber eine, die zu wenig Sex hat

Kapitel für Kapitel dröselt die Autorin die gesamte sexuelle Biografie der drei Frauen auf. Da ist Lina, Mutter und Hausfrau, die das Gefühl durchs Leben begleitet, nicht das zu bekommen, was sie verdient. Mit einer Ausnahme: Aidan, ihren ersten Liebhaber. An ihm wird sie festhalten, weil alles, was danach kommt, nicht mehr von Wert scheint.

Sie wird von drei Jungs in ihrem Alter vergewaltigt, zuvor hatten sie ihr K.-o.-Tropfen verabreicht. Die Vergewaltigung ist für sie weniger traumatisierend als das Stigma, dass ihr danach anhaftet, es an einem Abend mit drei Typen getrieben zu haben. Ihr späterer Ehemann, ein introvertierter Postbote, der ihr ein grosses Haus kauft und sie darin vereinsamen lässt, hat sie seit elf Jahren nicht mehr geküsst.

Obwohl sie sich nichts sehnlichster wünscht, ihn immer wieder anfleht. Schliesslich stürzt sie sich in eine heftige körper­liche Affäre mit Aidan. Im Kofferraum ihres Autos erlebt sie endlich sexuelle Erfüllung, die selten länger als 20 Minuten dauert.

Schon jetzt ein Bestseller: Three Women - Drei Frauen Lisa Taddeo Piper 2020 S.413, Fr. 25.-

Schon jetzt ein Bestseller: Three Women - Drei Frauen Lisa Taddeo Piper 2020 S.413, Fr. 25.-

Die 40-Jährige Taddeo beschreibt weibliches Verlangen nicht als feministisches Wunschdenken, wie es ihre Kritikerinnen gern gelesen hätten, sondern wie es an Orten, wo «die Menschen eher Rezepte aus der Country Living als Artikel über das Ende der weiblichen Unterdrückung austauschen», noch immer ist. Die drei Frauen: Maggie, Sloane und Lina sind Objekte der männlichen Begierde.

Und sie lieben es, dies zu sein, sie setzten alles daran, es zu bleiben. Dafür riskieren sie ihre Würde (Sloane), ihre Familie (Lina), ihre Zukunft (Maggie) und ihr Herz (alle drei).

Das ganze Buch ist ein grosser Schmerz, das ist der Skandal

Es sind Geschichten ohne Happy End, die Sehnsüchte dieser Frauen machen sie nicht stärker, sondern verletzlich, ihre Begierde macht sie in den Augen der Gesellschaft zu Sünderinnen. «It will burn you» schrieb die Rezensentin der «New York Times» über «Three Woman».

Und hat recht damit. Das ganze Buch ist ein grosser Schmerz, und das ist der eigentliche Skandal daran. Dass weiblicher Sexualität stets etwas Krankhaftes anhaftet, stets ein Zuviel oder Zuwenig ist.

Auch bei Sloane, die das perfekte Leben hat. Sie ist schön, erfolgreich, aus bestem Haus, mit dem Chefkoch ihres Restaurants verheiratet, der sie «fast karnickelhaft» begehrt. Sloane will gefallen, um jeden Preis. Mit elf Jahren wurde sie von ihrer Mutter auf Diät gesetzt.

Als Teenager kotzte sie jede Kalorie zu viel sofort aus. Als Ehefrau schläft sie auf Wunsch ihres Mannes mit anderen Männern, er sieht zu. Das ist für Sloan durchaus lustvoll und aufregend. Sie fühlt sich begehrt und gesehen. Bis sie plötzlich der Frau ihres von ihrem Mann ausgesuchten Sexpartners gegenübersteht. Als Fremdgeherin, als Schlampe auch sie. Sie wünscht sich etwas Verständnis von dieser Frau, erntet aber nur Wut und Abscheu. Diese Jenny sagt ihr:

Und es ist wohl dieser eine Satz, der in seiner Umkehr, das Schicksal der drei Frauen beschreibt. Diese drei Frauen, so will es die Autorin erzählen, haben keine Macht über ihr Verlangen. Das haben die Männer. Männer, die trotzdem nicht nur als Täter aufscheinen, sondern ebenfalls Spielball ihrer Sehnsüchte sind, aber weniger mit den Folgen und Stigmata daraus zu kämpfen haben.

Gnadenlos subjektive Erzählweise jeder Gefühlsregung

Beim Lesen sitzt man im Kopf der drei Frauen. Bekommt jede Gefühlsregung, jeden Orgasmus mit, gnadenlos subjektiv. Denn Taddeo ist nicht die zurückhaltende Reporterin, die sie vorgibt sein zu wollen. Sie kommentiert, interpretiert, jede sexuelle Handlung wird mit Metaphern ausgeschmückt zu etwas Grösserem.

Die Überinterpretation, die sehr unklare Abgrenzung zwischen Meinung der Protagonistinnen und jener der Autorin, stört zuweilen. Während das Buch in den USA als Sachbuch gekennzeichnet war, ist es auf Deutsch richtigerweise als Roman erschienen.

Man will das Buch stellenweise in eine Ecke schmeissen vor Wut darüber, was sich die Frauen gefallen lassen. Dann liest man trotzdem weiter, weil die Frauen etwas erzählen, was tief rührt. Dass Lieben und Begehren wenig mit Vernunft zu tun hat.

Dass Verlangen aus einem Mangel entsteht und Leidenschaft mehr mit Unterwerfung als mit Emanzipation zu tun hat. Eva Illouz, die grosse israelische Soziologin, beschreibt es so:

Die Schilderungen von Maggie, Lina und Sloane sind daher nicht «zu wenig emanzipiert», sondern zeigen ein Dilemma auf, indem sich Frauen (und auch Männer) befinden.

Das Mitgefühl der anderen Frauen

Lisa Taddeo will mit den drei Frauen-Geschichten noch etwas Anderes erreichen. «Ich bin aufgebrochen, um vom Feuer und vom Schmerz der weiblichen Lust zu erzählen, damit Männer und andere Frauen zuerst einmal verstehen können, bevor sie urteilen.»

Taddeo will, dass wir mit den Frauen mitfühlen, dass wir bei ihnen sind, dass wir sie verstehen, gerade weil sie nicht vernünftig handeln, weil sie sich aus­liefern, weil sie so sehr geliebt werden wollen. Was Maggie, Sloane und Lina wirklich fehlt, ist nicht der Sex, nicht die Liebe der Männer, es sind Freun­dinnen und Verständnis.

Ihre Begierde hat sie unsagbar einsam gemacht. Das ist die leisere Geschichte, die Toddeo auch erzählt. In vielen Dingen hätten Frauen den grösseren Einfluss auf ­andere Frauen als Männer, schreibt sie.

Hören wir damit auf.

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