Die britische Insel war schon immer Schauplatz für Magie, Geister und Fabelwesen: König Arthur zog hier sein magisches Schwert aus einem Stein, Kobolde gierten laut Volksglauben jahrhundertelang nach Goldmünzen und Feen verzauberten junge Männer, welche sich in gottverlassenen Nebelmooren verirrt hatten.

Auch im aufgeklärten Jahr 2019 sorgt ein unheimliches Geschöpf für Aufsehen: die Geisterorchidee (lat.: Epipogium aphyllum). Ihre weiss-violetten Blüten tauchen nur alle paar Jahrzehnte im britischen Inselreich auf – immer an Orten, wo sie zuvor noch nie nachgewiesen werden konnten. Maximal einen Monat lang weilt die Pflanze bei den Sterblichen über der Erde. Nach dieser Zeit verschwindet sie wieder ins Wurzelreich, ohne Spuren zu hinterlassen. Denn die Geisterorchidee bildet keine Blätter.

Bis vor etwa 150 Jahren fiel das zarte Pflänzchen deshalb kaum jemandem auf. Man schrieb das Jahr 1855, als die Frau eines gewissen Anderson Smith in einem Wald in der Grafschaft Herefordshire einen dünnen weissen Stängel pflückte und einem Botaniker zur Bestimmung brachte. Der Experte identifizierte das Gewächs als Geisterorchidee – eine kleine Sensation. Nie zuvor hatte jemand die Art in Britannien gefunden. Der berühmte Botaniker Carl von Linné war der einzige, der die Art bis zu dem Zeitpunkt beschrieben hatte.

Das Gerücht vom Geist geht um

In den nächsten 70 Jahren zeigte sich die Pflanze nur zwei weitere Male. Unter britischen Pflanzenkundlern hiess es schnell, die Geisterorchidee erscheine jeder Generation nur ein einziges Mal. Die walisische Botanikerin Eleanor Vachell war ausser sich vor Freude, als sie 1926 von einer Sichtung in einem Wald in der Nähe eines abgelegenen Dorfes hörte.

Vachell reiste sofort mit einem ganzen Forscherteam zum Fundort der Pflanze. Und fand nichts. Die Botanikerin fragte sich daraufhin durch das ganze Dorf, um die Entdeckerin der Orchidee ausfindig zu machen. Und tatsächlich: In einem Haus traf sie auf die Finderin. Nur stellte sich heraus, dass es sich bei dieser um ein kleines Mädchen handelte, das die beiden einzigen Blütensprossen des ganzen Waldes schon gepflückt hatte und in einer Vase in seinem Zimmer aufbewahrte.

Zu allem Übel war die junge Sammlerin ziemlich stur und wollte sich trotz allen Überredungsversuchen nicht von ihrem Fund trennen. Sie erklärte sich einzig dazu bereit, Eleanor Vachell zum Fundort der Orchidee zu führen. Dort angekommen, grub die Botanikerin die verbliebenen Wurzeln aus und reiste mit ihnen wieder ab. Die Pflanze überlebte das Umsiedlungsmanöver nicht, sie liegt aber noch heute als getrocknete Wurzel in einem walisischen Museum.

Bis ins Jahr 2000 erschien die Geisterorchidee nur drei weitere Male, weshalb die Britische Gesellschaft für Pflanzenkunde sie für ausgestorben erklärte. Im Jahr 2009 dann aber die grosse Überraschung: Die Geisterorchidee spuckt wieder im Königreich! Ein passionierter Pflanzenjäger, der die seltsame Blume schon mehrere Jahre gesucht hatte, fand in den West Midlands ein blühendes Exemplar.

Im Moos versteckt fühlt sich die Geisterorchidee wohl.

Im Moos versteckt fühlt sich die Geisterorchidee wohl.

Seit jenem Sensationsfund konnten keine weiteren Geisterorchideen mehr gefunden werden. Die Britische Gesellschaft für Pflanzenkunde Plantlife will das nun ändern: Sie hat die Geisterorchidee dieses Jahr offiziell zur seltensten Pflanze im ganzen Königreich ausgerufen. Bereits haben sich mehrere Gruppen formiert, die der Organisation bei der Suche nach der raren Pflanze helfen wollen. Unterstützter des Projekts kontrollieren diesen Sommer alle zwei Wochen Habitate, die der Geisterblume gefallen könnten.

Die britischen Pflanzenkundler betreiben damit ziemlich viel Aufwand, um einer Geisterorchidee zu begegnen. Dabei gäbe es einen viel einfacheren Weg: Eine Reise weg vom Königreich hin zu den abgelegenen Tälern der Alpen. Dort werden nämlich noch jedes Jahr mehrere Sichtungen der unheimlichen Pflanze gemeldet.

Denn in den moosigen Wäldern der Schweiz, wo die Luftfeuchtigkeit hoch ist und die Sonne kaum hineinscheint, besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, auf eine der seltenen Orchideen zu treffen. Laut dem Nationalen Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora "Infoflora" kommen die Pflanzen zum Beispiel im Kanton Graubünden überdurchschnittlich häufig vor.

Die Epipogium-Orchidee ist aber auch dort sehr selten und auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Im Unterschied zu anderen Geisterwesen will man sie jedoch nicht vertreiben, sondern erhalten: Die Geisterorchidee ist deshalb in der ganzen Schweiz geschützt.