Wissenschaft

Eisheiligen bringen kalte Maitage - doch stimmt die Bauernregel wirklich?

Im Mai gefriert es fast nur noch in höheren Regionen, wie hier in Obersaxen GR. Kühl und nass ist es aber auch in den Niederungen.Keystone

Im Mai gefriert es fast nur noch in höheren Regionen, wie hier in Obersaxen GR. Kühl und nass ist es aber auch in den Niederungen.Keystone

Von wegen Wonnemonat. Der Mai präsentiert sich bisher nass und unterkühlt. Heute soll sogar die Schneefallgrenze bis auf 1000 Meter sinken. Die Bauernregeln bemühen die Eisheiligen als Erklärung. Doch halten sie der Wissenschaft stand?

Viele schieben das Mistwetter auf die Präsenz der Eisheiligen, die in Mitteleuropa vom 11. bis 15. Mai dauern – aber das stimmt so nicht mehr. Die Gefahr eisiger Nächte zu diesem Termin ist mittlerweile sehr gering.

Haben die Eisheiligen ihren Schrecken eingebüsst? Statistisch ist die Antwort eindeutig: «Der den Eisheiligen nachgesagte Effekt der erhöhten Frostgefahr existiert nicht», sagt Stephan Bader von Meteo Schweiz, dem Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie in Zürich. Eine spezielle Phase im Mai mit gehäuftem Auftreten von Bodenfrost sei einfach nicht feststellbar. Baders Ergebnisse decken sich mit denen aus Deutschland. «Heutzutage treten Fröste Mitte Mai in Deutschland fast nur noch in den Mittelgebirgen und ungünstig exponierten Lagen auf», sagt Peter Bissolli vom Deutschen Wetterdienst (DWD).

Alles Zufall oder was?

Sind das nun die Folgen des Klimawandels? Auf den ersten Blick scheint es ganz so: Die Kaltlufteinbrüche im Mai sind zwar nicht seltener geworden, fallen aber wegen der globalen Erderwärmung weniger oft frostig aus. Der Weisheit letzter Schluss ist das jedoch nicht. Denn Stephan Bader konnte in Untersuchungen in der Ostschweiz für das 20. Jahrhundert ebenfalls keine signifikante Häufigkeit frostiger Tage zu den Eisheiligen nachweisen.

Sind die Eisheiligen also lediglich Folklore? Der bereits verstorbene deutsche Meteorologe Wolfgang Weischet schrieb in seinem Lehrbuch über die Klimatologie, dass die Eisheiligen «ihre Treffsicherheit im Laufe der Zeit eingebüsst haben, weil sich die Rhythmik des Witterungsablaufs selbst etwas geändert hat». So seien Kälteeinbrüche zu den Eisheiligen in Mitteleuropa noch im 18. und im frühen 19. Jahrhundert mit erstaunlicher Pünktlichkeit erwartet und registriert worden. In den Jahrzehnten nach 1845, schreibt Weischet, seien die Kaltlufteinbrüche dann unpünktlicher geworden oder überhaupt weggeblieben.

Aber selbst seinerzeit wiesen die Eisheiligen keine feste Kalenderbindung auf. Es war eben nicht so, dass jedes Jahr pünktlich zum 11. Mai eisige Polarluft an die Deutsche Bucht strömte und dann nach Süden rauschte. Die Nordwetterlage trat einfach zu diesem Zeitraum sehr häufig auf.

Damit zählten die Eisheiligen zu den sogenannten Witterungsregelfällen im Jahresverlauf, nach denen zu bestimmten Tagen im Jahr eine typische Wetterlage vorherrscht. Andere Regelfälle, die heute noch zutreffen, sind der Altweibersommer und das Weihnachtstauwetter. Wie hoch allerdings die Trefferquote sein muss, um von einer Regel zu sprechen, ist unter Wissenschaftern umstritten. Der Bonner Klimaforscher Hermann Flohn definierte sie als ein Ereignis, das an dem betreffenden Tag mindestens in zwei von drei Jahren auftrete.

Der Taktgeber des Wetters

Warum die Atmosphäre regelmässig in typische Muster verfällt, ist noch nicht gut erforscht. Das Wetter mag ein Chaos sein, aber offensichtlich gehorcht es einem übergeordneten Taktgeber. Die Ursache hierfür sind vermutlich Wellen in der Atmosphäre, die sich in bestimmten Perioden von West nach Ost bewegen. Entlang dieser Wellen windet sich in grosser Höhe ein starker Wind, der Jetstream, um die Erde. Liegt die Welle nun in vielen Jahren zu einer ganz bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, spricht man von einer Witterungsregel. «Es muss also einen Auslöser dafür geben, und offenbar muss er mit dem Jahresgang im Zusammenhang stehen», sagt Peter Bissolli. Klimatologen gehen davon aus, dass diese Wellen durch komplizierte Vorgänge in der Stratosphäre gesteuert werden.

Es gibt aber auch Klimatologen, die das Konzept der Witterungsregeln anzweifeln, weil es nicht richtig nachgewiesen werden kann. Sie vermuten eher, dass Singularitäten rein zufällig auftreten und statistisch künstlich erzeugt werden. Dem widersprechen der Deutsche Wetterdienst und Meteo Schweiz. DWD-Experte Bissolli ist überzeugt, dass die Singularitäten einen handfesten meteorologisch-physikalischen Hintergrund haben. Anders lasse sich deren statistische Signifikanz nicht erklären, sagt er.

Pflanzen blühen immer früher

Fraglich bleibt, ob der Klimawandel die alten Regeln nun ganz über den Haufen wirft oder einfach nur im Kalender verschiebt. Dazu gibt es bislang höchstens Hinweise. So haben sich Frühling und Sommer im Vergleich zu Herbst und Winter seit den Neunzigerjahren viel stärker erwärmt. Die Pflanzen blühen immer früher, in diesem Jahr wurden neuerlich phänologische Rekorde gebrochen. Und der April verlief beinahe sommerlich – wie bereits 2007, 2009 und 2011.

Für den Gärtner macht das die Planung nicht einfacher. Kann er empfindliche Pflanzen schon früher in die Freiheit entlassen? Kann er früher aussäen? Rein statistisch spricht nicht so viel dagegen. «Ein gewisses Restrisiko bleibt natürlich», sagt Peter Bissolli. Sein Schweizer Kollege Stephan Bader gibt zu bedenken, dass im Mai trotzdem an einem bis zwei Tagen noch Bodenfrost auftreten könne.

Helfen kann dem Gärtner ein Blick auf die Vorgeschichte eines Frühjahrs. Lungert, wie im vergangenen Jahr, sehr lange eisige Kaltluft über Skandinavien herum, sind Kälterückfälle wahrscheinlich. Dann sollte man warten. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, geduldet sich bis in den Juni. Dann erst, sagt Stephan Bader, sei die Gefahr für Bodenfrost im Mittelland der Schweiz weitgehend gebannt.

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