Technik

Elektronische Flaschenpost: Bei Google kann man Mails timen – bis 2069

Nichts ist langsamer als eine Flaschenpost - dafür ist sie oft extrem langlebig und damit wichtig für die Nachwelt.

Nichts ist langsamer als eine Flaschenpost - dafür ist sie oft extrem langlebig und damit wichtig für die Nachwelt.

Google ermöglicht das zeitversetzte Senden von E-Mails. Nutzer können Mails im Jahre 2069 absenden. Aber kann das Format dann überhaupt noch gelesen werden?

Im vergangenen Jahr las eine Spaziergängerin am Strand von Wedge Island in Australien eine Flaschenpost auf. Auf dem gedruckten Formular stand in verblichener Handschrift geschrieben: «Diese Flasche wurde über Bord geworfen am 12ten Juni 1886 In 32° 49’ Breite Süd und 105° 25’ Länge Süd Greenwich Ost. Vom: Bark Schiffe: Paula Heimath: Elsfleth». Die Flaschenpost des deutschen Forschungsschiffes wurde erst 132 Jahre später gefunden.

Die Mail wäre somit langlebiger als ein UBS-Stick

Heute verschickt kaum noch jemand eine Flaschenpost. Doch angesichts der Halbwertszeit von Speichermedien – ein USB-Stick ist nach 30 Jahren nicht mehr lesbar – stellt sich die Frage, wie sich Informationen in der digitalen Gesellschaft konservieren lassen. Vint Cerf, «Chief Internet Evangelist» bei Google und einer der «Väter» des Internets, warnte vor ein paar Jahren vor einem digitalen «Dark Age». Künftige Generationen könnten unter einer digitalen Amnesie leiden, weil alte Formate nicht mehr abrufbar seien.

Vielleicht deshalb hat Google zum 15. Geburtstag seines E-Mail-Dienstes Gmail ein Feature hinzufügt, mit dem sich E-Mails zeitversetzt verschicken lassen. Neben dem Senden-Button befindet sich ein nach unter gerichteter Pfeil mit der Überschrift «Weitere Sendeoptionen». Klickt man darauf, erscheint die Schaltfläche «Senden planen». In dem Fenster lässt sich das Versanddatum der E-Mail einstellen. Der spätmöglichste Termin ist momentan der 3. Dezember 2069. Man kann also eine E-Mail schreiben, die erst in 50 Jahren verschickt werden wird.

Wird eine solche E-Mail im digitalen Ozean versinken?

Das zeitversetzte Senden von E-Mails war bereits mit dem Browser-Plug-in «Bumerang» möglich. Das Tool wird rege genutzt: Laut Google wurden über Bumerang bereits 152 Millionen E-Mails zugestellt.

Angenommen, man würde eine E-Mail an einen Adressatenkreis mit dem Sendetermin 1.1.2069 verfassen. Käme die digitale Post an? Oder würde sie im Ozean der Informationen versinken? Gibt es Google dann überhaupt noch? Oder den E-Mail-Provider, an dessen Adresse die Mail verschickt werden soll? Welche Informationen würde man dem Adressaten mit auf den Weg geben? Diese Fragen berühren den Kern digitaler Kommunikation.

Der Internetkritiker Evgeny Morozov verglich Google einmal mit einem digitalen Postamt: Anstatt eine Briefmarke zu kaufen, überträgt man das Geschäft des Post- und Fernmeldewesens einem Werberiesen, der automatisiert Briefe öffnet, den Inhalt liest und zum Schluss Reklame beilegt.

Vielleicht kommt in 50 Jahren eine E-Flaschenpost

Denkt man die Analogie fort, würde Google auf einem riesigen Stapel von Briefsendungen sitzen, die in einem digitalen Depot lagern und des Versands harren. Einmal angenommen, Google würde in 10 Jahren zerschlagen oder ginge Pleite – was passiert dann mit der unverschickten Post? Würden die E-Mails versanden? Oder als digitale Flaschenpost im Datenmeer herumtreiben?

Gut möglich, dass ein Angehöriger, dem der digitale Nachlass eines E-Mail-Kontos überantwortet wurde, anno 2069 eine E-Mail in dem Postfach findet, die heute abgeschickt wurde. Es gibt ja auch immer wieder Geschichten von Postkarten, die Jahrzehnte später ihren Empfänger erreichen. So geschehen bei einer Postkarte, die 1943 aus einem Militärlager im US-Bundesstaat Illinois abgeschickt wurde und erst 69 Jahre später ihr Ziel erreichte.

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