Elias Canetti lebte in einer Zeit, in der man noch Briefe schrieb. Schreiben musste. Was er nicht gerne tat. «Ich hasse meine Briefe», offenbarte Canetti im August 1942 dem jüdischen Dichter Franz Baermann Steiner im englischen Exil. Von «allen Verlogenheiten der Welt» sei nichts so verlogen «wie ein Brief, jeder Brief – von allen Flüchtigkeiten nichts so flüchtig, von allen Eitelkeiten nichts so eitel». Man kann sich in etwa vorstellen, was Canetti, wenn er heute noch lebte, von E-Mails oder Textnachrichten hielte.

Angesichts dieser Vorbehalte scheint es gewagt, wenn die Herausgeber Sven Hanuschek und Kristian Wachinger die knapp 600 von Canetti zwischen 1932 und 1994 verfassten Briefe, die sie in ihrem Band «Ich erwarte von Ihnen viel» auf über 800 Seiten versammeln, mit Canettis «Aufzeichnungen» vergleichen. Hier wie dort, so argumentieren sie, sei «ein grosses Repertoire» des Autors zu besichtigen.

Tatsächlich richten sich die Briefe an ganz unterschiedliche Adressaten – enge Freunde, Bekannte, Schriftstellerkollegen, Verleger, Journalisten – und variieren entsprechend in Inhalt und Tonfall. In seinem Brief an Steiner spielt Canetti mit dem Gedanken an einen «wirklichen Brief-Roman», in dem «die Briefe nicht hübsch abwechseln wie üblich, sondern davon bestimmt sind, dass sie einen Widerspenstigen zum Briefe-Schreiben zwingen wollen». Auch zu den nun vorliegenden Briefen fehlen die Antworten. Durch diese einseitige, unvollständige Korrespondenz eröffnet sich ein für zeitgeschichtliche und poetische Assoziationen gleichermassen fruchtbarer Resonanzboden. Der anvisierte Brief-Roman ist dadurch nicht entstanden. Es bilden sich jedoch collageartige Vorstellungsbilder von der Persönlichkeit des Verfassers und seiner Zeit.

«Gott ist schlechter als wir»

Unvollständig geraten diese Collagen, weil bereits veröffentlichte Briefwechsel wie derjenige mit Canettis geliebtem Bruder Georges aussen vor bleiben. Die Liebschaften Canettis tauchen nirgends auf. In erster Linie erfüllt der Band offenbar eine dokumentarische Funktion. Alles andere ist Mehrwert. Davon allerdings gibt es reichlich.

Es stecken unzählige kleine Erzählungen in diesen Briefen. Etwa die von der unglücklichen Liebe Franz Baermann Steiners zur Neuseeländerin Kae Faeron Husthouse. Als sich Steiner endlich davon befreit und sich mit der Schriftstellerin Iris Murdoch verlobt, stirbt er. Canetti schreibt dazu im Dezember 1952 an eine langjährige Freundin, die österreichische Kabarettistin Cilli Wang, voller Bitternis: «Es soll mir niemand mehr von einer gerechten Weltordnung und von einem allgütigen Gott reden. Gott, wenn es ihn gibt, ist schlecht, schlechter als wir, und das will etwas heissen.»

Leben und Sterben

Aufwühlend ist viele Jahre später auch das das Hoffen und Bangen, das die Krebserkrankung von Canettis zweiter Ehefrau Hera begleitet. Eine Krankheit, von der kaum jemand wissen darf. Sogar die Tochter Johanna glaubt, ihre Mutter leide an Asthma. Das Wort «Krebs» vermeidet Canetti in seinen Briefen. Den verhassten Tod wird er dennoch nicht los.

Zwischendurch aber lugen auch Momente des Glücks aus den Zeilen hervor, etwa als Canetti Vater wird. «Es ist unglaublich, wie man sich durch ein Kind verändert», schreibt er im Februar 1975 an Cilli Wang. «Die Kleine, erst 2 Jahre und 8 Monate alt, spricht schon unaufhörlich, es macht mich unsäglich glücklich, ihr zuzuhören. Sie bildet ganz bezaubernde eigene Worte und Sätze, es zeigt sich, was man ja immer schon wusste, dass jeder Mensch als Kind ein Dichter ist.» Die Harmonie wird gestört, als ein Stalker Johannas Leben bedroht. Wochenlang weicht Canetti seiner Tochter nicht von der Seite; ein realer Krimi mit glimpflichem Ausgang.

Jenseits solcher Episoden wimmelt es in den Briefen zwischen viel höflich-belanglosen oder praktisch-nüchternen Passagen nur so von Anekdoten, klugen und amüsanten Gedanken, süffisanten Bemerkungen und Seitenhieben.

Kompromisslos und empfindlich

Im Umgang mit seinem Werk erweist sich Canetti als kompromisslos und empfindlich. Abdrucke von Auszügen betrachtet er als «Verstümmelung». Als ihm der deutsche Verleger Michael Krüger 1967 eine Drehbuchfassung seines Schauspiels «Die Befristeten» weiterleitet, reagiert er entrüstet: «Ich kann auf keinen Fall diese Fassung autorisieren. Ich wünsche nicht, sie weiter zu diskutieren. Das Unverständnis und die Respektlosigkeit für dieses mir sehr wichtige Werk, die sie beweist, genügen mir, um jede Umarbeitung oder neue Fassung unbesehen abzulehnen.»

Zeitlebens weigerte sich Canetti, auf Auftragsbasis zu schreiben. Entsprechende Angebote grosser Tageszeitungen wertete er als Zumutung. So wies er den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki mehrfach zurück, dem er zudem einige negative Besprechungen lange nachtrug. 1968 lästerte Canetti gegenüber dem deutschen Schriftsteller und Kritiker Rudolf Hartung, Reich-Ranicki sei «schon geistig ein schwer erträglicher Mensch, ein ahnungsloser Schulmeister».

Auch über andere Zeitgenossen fällte Canetti vernichtende Urteile. In einem Brief an Cilli Wang vom 16. Dezember 1988 heisst es über den Schriftsteller Thomas Bernhard: «Ich kann ihn nicht leiden. Er selbst ist für mich der genaueste Ausdruck dessen, was er in Österreich am meisten angreift. Ich halte ihn für gewissenlos und für einen grundschlechten Menschen.»

Liebeserklärung an Zürich

Regelrecht ins Schwärmen gerät Canetti dagegen, wenn er auf seine Vorbilder Karl Kraus, Robert Musil, Hermann Broch und vor allem Franz Kafka zu sprechen kommt. Oder wenn von einem ganz bestimmten Ort die Rede ist. Bereits 1988, in einem Brief an den Zürcher Verleger Daniel Bodmer, äusserte Canetti den Wunsch, einmal in Zürich, der «Stadt, die mir die liebste aller Städte ist», begraben zu werden.

Nachdem ihm ein Ehrengrab auf dem Friedhof in Fluntern zugesagt wurde, formulierte er dann 1992 geradezu eine Liebeserklärung: «Es ist gewiss verwunderlich, dass ein Eindruck so stark nachwirken kann, aber jener erste Blick auf Zürich, am 18. August 1913, war für mein Leben bestimmend. Ich habe immer gewusst, dass ich einmal nach Zürich zurückkehren werde, und so ist es auch gekommen. Nun kann ich mich an der Vorstellung wärmen, dass etwas von mir hierbleiben wird.»