Vor dem inneren Auge fliegt die knapp bekleidete Schönheit schon quer durch die Manege und zerschmettert an den Banden. Anders kann das ja gar nicht ausgehen. Gesichert nur durch ein loses Nackenband, wirbelt sie seit Minuten über die Bühne. Ihr Tanzpartner dreht sich in halsbrecherischem Tempo im Kreis, schleudert sie umher, lässt sie immer schneller rotieren. Auch dem muss doch schwindlig werden, auch dem muss doch mal die Kraft ausgehen, die Nummer muss doch scheitern.

Doch die dunkle Vorahnung, die den Premieren-Besucher im Cirque-du-Soleil-Zelt durch die Köpfe blitzte, die erfüllte sich nicht. Nach minutenlangem Bangen stand die Schönheit wieder am Boden und lächelte ins Publikum, als ob das alles gar nichts gewesen wäre. Dabei ist das Risiko des Scheiterns kaum irgendwo grösser als bei den Artistennummern im Zirkus. Und genau dieses Risiko des Scheiterns ist es, das uns auch heute noch trotz 3-D-Kinos und Virtual-Reality-Games ins Zirkuszelt lockt.

Klar sind da die glitzernden Kostüme, klar sind da die aufwendige Bühne und der Popcorn-Geruch, der Kindheitserinnerungen weckt. Doch diese immer präsente Möglichkeit des Scheiterns der anderen, die macht – sind wir ehrlich – den grössten Reiz aus. Wie sehr uns das Scheitern anderer Menschen fasziniert, zeigen die Klickzahlen auf die Youtube-Kompilationen der «Fail Army», die uns das menschliche Versagen in all seinen Facetten vor Augen führen. Das zeigt uns das Interesse am sportlichen Allzeit-Tief des FC Aarau, der durch sein stetes Scheitern plötzlich an Aufmerksamkeit dazugewinnt. Und das zeigt uns der Erfolg der unzähligen Talent-Shows, in denen unser Bedürfnis nach der Teilhabe am Misslingen der anderen gestillt wird.

Doch dann fällt die Schale

Der Psychologe Olaf Morgenroth erklärte das in der «Zeit» kürzlich so: «In individualistischen Gesellschaften stellt Scheitern eine Bedrohung des Selbstwertes dar. Je mehr Leistung zum Kriterium für die soziale Rolle wird, desto gravierender ist ein Versagen.» Die Möglichkeit des Scheiterns schwebt also wie ein Damoklesschwert über allem, was wir tun. Umso beruhigender ist da das Scheitern der anderen, weil es uns zeigt, dass das vergebliche Streben nach Erfolg letztlich nichts als menschlich ist. Balsam für den Selbstwert also.

Im Cirque-du-Soleil-Zelt geht die Show weiter. Nächste Nummer, nächstes Scheiter-Potenzial – und was für eins. Fünf Artistinnen fahren auf Einrädern über die Bühne und werfen sich gegenseitig leere Reisschalen mit den Füssen zu. Gefragt ist perfekte Balance. Minutenlang landet jede Schale, wo sie soll, die Spannung steigt – und dann fällt tatsächlich eine der Schalen zu Boden. Immerhin ein Anflug von Scheitern, endlich. Fast erleichtert tönt Applaus von den Rängen.

Erfolg auf allen Linien, schreibt die Soziologin Antonia Langhof, wird in der modernen Leistungsgesellschaft zur alltäglichen Erwartung, Scheitern zur verpönten Ausnahme, trotz gegenläufiger Verhältnisse. Dabei geht schnell vergessen, dass nicht nur Integration, politische Verhandlungen und Fussballmannschaften scheitern können, sondern auch einzelne Individuen. Sie können, und sie dürfen. Nur fürchten sie sich in unserer leistungsgetrimmten Epoche zusehends vor den Konsequenzen. Da sind herunterfallende Reisschälchen in der Zirkusmanege wohltuende Erinnerungen daran, dass Scheitern erlaubt und gelegentliches Versagen völlig in Ordnung ist.

Im Cirque de Soleil betritt derweil Clown Misha die Bühne. Er rudert in seinem Boot (die «Beagle 3») quer durchs Zelt, verliert seinen Anker, zerbricht sein Paddel und fängt statt Fische nur Mücken. Der Clown ist das Sinnbild des scheiternden Menschen, das Nicht-Gelingen seiner Unterfangen ist programmatisch. Das Publikum schaut zu und lacht. «Seht nur, dieser Clown, wie dumm der sich anstellt. Seht nur, wie er scheitert.» Das Versagen des Clowns wird zu unserem Glück. Denn im Kontrast zu seiner Tollpatschigkeit stehen selbst wir fehlbaren Wesen noch in gutem Licht da.

Mishas Boot schwappt davon und vom Zirkushimmel herab schweben zwei Gestalten: ein Muskelmann mit absurd bepackten Armen und seine filigrane Begleiterin. Sie turnen hoch oben unter dem Zirkuszelt umher, er nähert sich ihr an, doch sie, sie will nicht. Seine umschlingenden Kapriolen reichen ihr nicht, sein muskulöser Balztanz lässt sie kalt. Er aber gibt nicht auf, schwingt sie durch die Lüfte, fängt sie im letzten Moment wieder auf. Die akrobatische Liebelei endet schliesslich doch noch in einer innigen Umarmung, die Bemühungen des Muskelmanns werden belohnt. Und trotzdem: Das Scheitern war greifbar nah. Nicht nur, weil seine Begleiterin dem Sturztod mehrmals nur sehr knapp entkam, sondern weil wohl kein Scheitern häufiger ist als jenes in Sachen Liebe.

Tinder und Darwin

Um diesem Scheitern zu entgehen, swipen sich immer mehr Zeitgenossen aus anonymer Distanz durch Dating-Apps. Die mit dem Risiko des Scheiterns behaftete Annäherung im richtigen Leben hingegen, die wird zweitrangig. Was wir suchen, ist die maximal mögliche Absicherung: Charakter-Matches und übereinstimmende Vorlieben, aufeinander abgestimmte Weltanschauungen und möglichst passende Zukunftsvisionen. Das Scheitern, das doch eigentlich zum Spiel des Lebens und des Liebens gehört, fasziniert uns zwar; aber nur dann, wenn wir es aus sicherer Warte bei anderen beobachten können.

Dabei war und ist das Scheitern fundamental für unsere Entwicklung. Das wusste schon der Evolutionsforscher Charles Darwin. Ohne konstantes Versuchen und Scheitern, ohne die nicht endende Abfolge von «trial and error» hätte sich unsere Spezies gar nie erst entwickelt. Scheitern und neues Versuchen, das ist der zentrale Mechanismus in Darwins Evolutionstheorie, die er nach seiner fünfjährigen Reise auf dem Forschungsschiff «HMS Beagle» (der Namensgeber von Clown Mishas Boot) zu Papier gebracht hatte. Und dieser Darwin, der steht jetzt plötzlich in einem übergrossen Reagenzglas im Zirkuszelt und jongliert mit leuchtenden Bällen wild um sich. Wollen uns die Zirkusmacher damit etwas sagen? Wird der fundamentalen Bedeutung des Scheiterns da ein artistisches Denkmal geschaffen? Will dieser Zirkus-Darwin uns Mut machen, von der vorgegaukelten Erfolgsspur wegzukommen und zurückzufinden zu einem gesunden Mass des Scheiterns?

Der Zirkus-Darwin jedenfalls hat seine Bälle im Griff. Die Reisschale der Einrad-Artistinnen bleibt das Einzige, was an der Premiere zu Boden fällt. Das Lechzen nach dem Scheitern der anderen; es wurde im Cirque du Soleil nicht befriedigt.