Mode ist nie neu. Zwischen Zukunft und Vergangenheit pendelt sie in die Gegenwart. Letzte Woche hat die Pariser Fashionweek auch den Haupttrend des nächsten Frühlings und Sommers aus der Vorwelt geholt: Markante Schultern und weite Volumen, die leicht an die 1940er-, sprich 1980er-Jahre erinnern, kombiniert zum Supermini aber einen neuen, kecken Schwung versprechen. Die Kunst zahlreicher Chefdesigner besteht jedoch vor allem darin, den Ursprung der Markengründer zu bewahren und dennoch den Zeitgeist zu treffen. Mode ist für sie ein Puzzle, das es gilt, anzureichern, zu ergänzen und neu zu interpretieren. Dior, Balmain, Courrèges, Schiaparelli – all diese weltberühmten Marken bieten ein fabelhaftes Erbe ihrer unsterblichen Gründer, das die aktuellen Chefdesigner zeitgenössisch und originell aufmöbeln müssen.

Eine Gratwanderung, die Karl Lagerfeld bei Chanel seit Jahrzehnten mit Bravour gelingt. Der in jeder Kollektion in einer anderen Version zurückkehrende, 1954 von Coco Chanel (1883–1971) lancierte Tweettailleur langweilt und doch will man ihn sehen. Diesmal verlocken die extrem breiten und weiten, aber kurzen Tweetmäntel in zartem Gelb, Rosa und Aprikose.

Hosenanzüge in Bewegung

Interessanter war das Konzept von Diors Chefdesignerin Maria Grazia Chiuri. «Es ging mir um die Suche nach der natürlichen Bewegung des Körpers und der Kleider. Tanz und Mode beschäftigen sich beide mit dem Körper», meinte sie, weshalb die Römerin ihre Modeschau in eine Tanzdarbietung verwandelte: Von Tänzerinnen und Tänzern umringt haben die Models die Blumen Christian Diors (1905–1957), seine Fetischistenfarbe Beige creme und seine Hosenanzüge sehr fluide neu inszeniert. Sein alter Tailleur Bar wird modern mit Netztops und -leggins unterlegt, alles wadenlang; eine Frau, die auf leichten Sohlen durch das Leben tanzt.

Hermès hingegen enthüllte am letzten Samstag auf der zum Catwalk umgebauten Pferderennbahn Longchamp seine wohl modernste Kollektion: Der seit vier Jahren amtierenden Chefdesignerin Nadège Vanhee-Cybulski ist eine geniale Mischung ihres persönlichen, salopp minimalistischen Stils und der DNA des seit mehr als 180 Jahren bestehenden Luxussattlers gelungen. Zaumzeug oder die Lappen der Sättel befestigen die Ärmel, zieren die Brust bequemer, weiter Seglermäntel oder dienen als Kragenverschluss.

Paris fieberte aber der Show seines talentiertesten Modeschöpfers der Gegenwart entgegen: Hedi Slimanes Ernennung zum Chefdesigner des Labels Celine kam im letzten Januar sehr überraschend. Nachdem der 50-jährige Franzose Saint Laurent vor zwei Jahren verlassen hatte, hoffte die Szene, er würde eines Tages den über 80-jährigen Lagerfeld bei Chanel ersetzen. Denn der schüchterne, im volkstümlichen Ost-Paris aufgewachsene Slimane hatte in den Nullerjahren bei Dior den Herrenanzug auf den Vordermann gebracht; eng, kurz, rockig wie er bis heute als Sinnbild emsiger, innovativer Kaderleute bleibt. Anschliessend hat der Wunderknabe Saint Laurents Umsatz vervielfacht, indem er dessen Smokings, mit Schalschleifen verknoteten Blusen und opulent grellen Minimänteln digitale Strahlkraft verpasst hat.

Modestar ist äusserst diskret

Als scharfer Beobachter, eigenwilliger Künstler und intellektueller Visionär inspiriert sich Slimane seit Beginn seiner Karriere an der Kultur von Berlin, Paris und Los Angeles. Der Modestar mit dem demütigen Blick, der eigentlich Journalist werden wollte, ist auch äusserst diskret. Seit Jahren gibt er keine Interviews mehr, und diesmal nur eines, der konservativen Tageszeitung «Le Figaro»: «Bei Celine kehre ich ohne Nostalgie zur klassischen Wahrnehmung des Metiers zurück. Sie ist die meinige seit meinen Anfängen vor zwanzig Jahren. Alles, was ich mache, ist alles, was ich bin», erklärt er dort. Sein Rezept: Das Wesentliche aufgreifen und sich selbst bleiben, was er an seiner ersten Celine-Show bewiesen hat: Eine völlig neue Silhouette mit gebauschten Minikleidern, deren Taillen unter die Brust gesetzt sind, perfekt kombiniert mit knackigen Boleros in Form von Mini-Perfectos oder verkürzten Herrensakkos.

Slimane konnte die Sache persönlicher angehen, weil die Gründerin Céline Vipiana ab 1945 ihr Label nicht mit Prêt-à-porter, sondern mit Handtaschen aufgebaut hat. Bei Saint Laurent muss sich sein Nachfolger Anthony Vaccarello (36) gleich mit zwei kostbaren Erbschaften herumschlagen: Slimanes Rock und Yves Saint Laurents (1936–2008) verwegene Eleganz. Mit zu hohen Spickeln und anhaltender Transparenz lotet der Belgier die Erotik von Yves’ Kollektion «Libération» aus dem Jahre 1971 aus. Damit erreicht er den Gegentrend zu all dem Puritanismus, der die Laufstege schmückt, jedoch radikaler als YSL oder Slimane es je gewagt hätten.

Anderswo wird reiner Tisch gemacht: Courrèges – nun im Besitz des Luxuskonzerns Kering – schafft aus Umweltschutzgründen sehr zukunftsorientiert André Courrèges knautschiges Vinyl ab. Man laufe deshalb schnell an die Pariser Rue François 1er, um sich eines der letzten Sammlerstücke zu erhaschen, deren Etiketten den Stand des Countdowns angeben.