Nervös kratzt er sich im Ohr, den Blick unsicher zum Boden gerichtet. Er trägt kurze, weisse Hosen, ein weisses Polo-Hemd mit rotem Kragen, rote Kappe. Im Stechschritt und mit Golftasche auf dem Rücken schreitet er zum künstlichen Green, das man im TV-Studio der «Mike Douglas Show» für ihn aufgebaut hatte. Er, das ist Tiger Woods, dunkles, krauses Haar, knapp zwei Jahre alt.

Es ist im Herbst 1978 und der erste Auftritt des Golfwunderkinds – an der Seite von Gästen wie Schauspieler Jimmy Stewart und Komiker Bob Hope. Auch Woods’ Auftritt hat etwas Komisches. Sprechen will er nicht, golfen schon. Wie später so oft. Mit drei Jahren gewinnt er das erste Turnier, bei dem er teilnimmt – in der Kategorie der unter 10-Jährigen. Auf die Frage, was er sich zu Weihnachten wünsche, sagt er: «Ein 1er-Eisen und vielleicht ein 2er-Holz.»

Erster Sport-Milliardär

Tiger Woods ist schon als Kind dazu auserkoren, eine Golf-Legende zu werden. 1997, mit 21 Jahren, gewinnt er in Augusta als Jüngster der Geschichte ein Majorturnier. Im gleichen Jahr wird er zur jüngsten Nummer 1 der Welt. Zwei Mal wird er zum Weltsportler gekürt, bis 2008 gewinnt er 14 Majorturniere, er wird erster Sport-Milliardär und führt bis heute während 683 Wochen die Weltrangliste an.

Tiger Woods, der Schwarze im elitären Sport der Weissen, bei dem die Spieler weiss und die Caddys schwarz sind, macht Golf zum Massenphänomen. Als er 2009 wegen einer Verletzung bei den US Open fehlt, brechen die Einschaltquoten um 40 Prozent ein, die Ticketpreise ebenfalls.

Doch wo so viel Licht ist, muss auch Schatten sein. Am 29. November 2009, an einem Mittwoch um 03.30 Uhr, zerschellt die Illusion der Perfektion. Tiger Woods, barfuss am Steuer, überfährt mit seinem Cadillac Escalade erst einen Hydranten und rammt dann einen Baum auf dem Grundstück eines Nachbarn in der Privatsiedlung Isleworth, ausserhalb von Orlando, Florida.

Weil er vor der Polizei zweimal die Aussage verweigert, hält sich bis heute das Gerücht, der Unfall sei die Folge eines Ehestreits gewesen, und Woods’ damalige Frau, das schwedische Model Elin Nordegren, habe mit dem Golfschläger nicht nur die Heckscheibe eingeschlagen, um ihren Mann zu befreien, sondern habe diesen zuvor schon mit dessen Arbeitsgerät traktiert.

Drogensucht und Festnahme

Zwar zieht sich die Golfikone beim Unfall nur Schnittwunden im Gesicht zu, doch die Fassade des Saubermanns zerfällt zu Staub. Über Monate soll Woods ein promiskuitives Doppelleben geführt und sich mit einem halben Dutzend Frauen vergnügt haben, unter anderen mit der damals erst 21-jährigen Nachbarstochter.

Woods taucht unter und erklärt Monate später seinen temporären Rückzug aus dem Sport. Er wolle, «ein besserer Ehemann, Vater und Mensch» werden. Doch Woods hat längst die Kontrolle über sein Leben verloren. Sponsoren lassen ihn fallen, Freunde wenden sich ab, die Ehe wird trotz aller Bemühungen geschieden.

Als Woods nach seiner Auszeit in den Golfzirkus zurückkehrt, ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Sein Körper rebelliert. Weil zwei Lendenwirbel versteift sind, muss er seinen Schwung anpassen. Vier Mal wird er am Rücken operiert. Abseits des Grüns verkommt Woods zur Karikatur.

Zwei Jahre, von 2013 bis 2015, ist er mit der Skifahrerin Lindsey Vonn liiert. Nach der Trennung wird er nachts schlafend in seinem Auto von der Polizei aufgegriffen, vollgepumpt mit einem Mix aus Schmerzmitteln und Psychopharmaka gegen Angststörungen. Das Polizeifoto von damals zeigt einen gebrochenen Mann, die Wangen aufgedunsen, der Blick leer.

Es ist ein Weckruf. Sam Alexis und Charlie Axel, zehn und elf Jahre alt, die Kinder aus der Ehe mit Nordegren, hätten ihm dabei geholfen, seine Schmerzmittelsucht zu überwinden. Im August 2018 gewinnt Woods erstmals nach fünf Jahren wieder ein Turnier. Am Sonntag sehen sie ihm zum ersten Mal dabei zu, wie er ein Major gewinnt, elf Jahre nach seinem letzten Sieg.

Als Woods sich ins grüne Jackett einkleiden lässt, sagt er: «Es passt.» Immer noch. Danach erzählt er vom Martyrium der letzten Jahre: «Wegen meines Rückens konnte ich kaum gehen, nicht sitzen und atmen. Ich war besorgt, ob ich je wieder Golf spielen kann.»

Projektionsfläche für Jedermann

Tiger Woods’ Vater Earl war Oberstleutnant und kämpfte im Vietnamkrieg. Er war halb Afrikaner, zu einem Viertel Indianer, zu einem Viertel Chinese. Mutter Kultida ist halbe Thailänderin, zu einem Viertel Chinesin, zu einem Viertel Holländerin. Tiger selber studierte zwei Jahre in Stanford, ehe er als erster Schwarzer im Sport der Weissen Karriere machte.

Die Geschichte von Aufstieg, Fall und Renaissance hat den Buddhisten Woods zu einer Projektionsfläche für Jedermann gemacht: für Arme und Reiche, für Minderheiten, sogar für Ehebrecher. Er ist Vorbild und Feindbild, Held und Halunke, Schwarzer unter Weissen. Tiger Woods ist ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Einer voller Widersprüchen. Genau das macht seine Faszination aus.

Als sein fünfter Sieg in Augusta feststand, fiel er erst der Mutter um den Hals, dann den Kindern und seiner Freundin Erica Herman.«Für mich hat sich ein Kreis geschlossen. 1997 konnte ich meinen Vater nach dem Sieg in die Arme schliessen, jetzt bin ich selbst Vater und meine zwei Kinder erlebten meinen Sieg mit. Es ist unwirklich, dieses Turnier bedeutet mir alles.»

Später, als er von der Anspannung vor dem letzten Schlag spricht, sagt er: «Deshalb verliere ich meine Haare.» Der Junge mit dem lockigen Haar ist Geschichte. Aus ihm ist eine Golfikone geworden.