Sie kamen vor vierzig Jahren übers Meer, als ganze Familie, mit vielen anderen. Man nannte sie die nach ihrer Fluchtmethode sinnigerweise Boat-People, Bootsmenschen. Gegen sechseinhalb Tausend kamen in der Schweiz an und fast alle durften bleiben. Sie suchten die Freiheit und trugen eine arbeitsame, aufstrebende Kultur in sich. Sie trafen auf eine sehr hilfsbereite Schweiz. Eine Familie heisst Dang und betreibt heute im Gundeldinger Quartier ein vietnamesisches Familienrestaurant mit Nachbarschaftsanschluss.

Die Dangs und deren Schwiegerfamilie, die Nguyens wirten und kochen im Basler "Mum’s Kitchen" so, wie sie es von ihren Müttern Dang und Nguyen gelernt haben: Aus Respekt vor deren Kochkünsten trägt das Restaurant ihren Namen.

Im spartanisch-asiatischen Gastraum wirbeln die Geschwister Vinh Son und Thi Lan um die Gäste, die kommen (und wiederkommen). In mehreren Sprachen bedient der junge Chef, der eigentlich nach der Matur in der Fondsleitung arbeitete.

Scharf ist scharf

Er erklärt geduldig die Spezialitäten und berät besonders im Schärfe- und Stärkegrad der Speisen: Schon beim Mangosalat "Nom Xoai Voi Tom" fängt’s an: Mangostreifen, Rüebli, Crevetten, Sojasprossen, geröstete Erdnüsse und Schärfe nach Wahl. Als Hauptspeise empfiehlt der Chef die Hausspezialität: Im Pfefferblatt gebratene Rindfleischstreifen auf Reisnudeln (Bun Cha La Lot). Ein zitroniges Fischsösschen gibt’s im Schälchen dazu. Wir nehmen auch noch eine Entenbrust in würziger Sauce mit Gemüse (Vit Chien) und viel Reis.

Die reichlichen Platten munden.

Während der Hauptspeise flitzt ein Kellner mit einer abenteuerlich hohen Konstruktion aus Kännchen und Trinkglas durch den Gastraum, die natürlich unsere Aufmerksamkeit weckt: Es sei eine vietnamesische Kaffeespezialität, erfahren wir. Kaffeetrinken sei so etwas wie das nationale Hobby der Vietnamesen.

Die Franzosen hätten ihn ins Land gebracht und die Vietnamesen etwas Eigenes daraus gemacht: "Ca Phe Sua Da". Für diesen vietnamesischen Eiskaffee werden stark geröstete Robusta und Arabica-Bohnen grob gemahlen und in ein Metall-Filterkännchen gepresst, das wiederum auf ein Glas gesetzt wird. Dann wird heisses Wasser draufgegossen, das langsam durch den Filter in ein Glas tropft, in dem auf den Tropf-Espresso eine grosszügige Menge Kondensmilch wartet.

Nach dem letzten Tropfen und einer gefühlten Ewigkeit verquirlt Vinh Son kundig die beiden Flüssigkeiten zu einer eine braunen Crème. Sodann fügt er Eiswürfel hinzu und reicht uns einen herrlich aromatischen und belebenden Trank.

Die "Nuoc Sau"-Frucht

Herr Dang erwähnt noch beiläufig einen vietnamesischen Eistee, den wir natürlich auch sofort ordern: Er stammt aus der "Nuoc Sau"-Frucht, die sich die Familie - eingelegt in Zuckersirup - jeweils bei Familienbesuchen in grosser Menge importieren lässt. Darum steht das Getränk auch nicht auf der Karte. Wahrscheinlich würde auch kein Europäer die unaussprechliche - und noch weniger ansehnliche - Schrumpelfrucht oder deren Aufguss bestellen. Wer das herbsüsse Getränk auf Eis jedoch mal genoss, wird es wohl immer wieder wollen: zu verführerisch ist der Geschmack nach Strand und Tropen, nach der Freiheit, die die Vietnamesen im Herz aus der Heimat mitbrachten.