Weihnachten

Früher hatte der Adventskranz 24 Kerzen – heute kommt er aus Polen oder Weinfelden

Traditioneller Adventskranz mit vier roten Kerzen, die für die Liebe und das Licht stehen.

Traditioneller Adventskranz mit vier roten Kerzen, die für die Liebe und das Licht stehen.

Wer seinen Adventskranz nicht selber binden will, kauft günstig einen. Doch wer schafft diese Handarbeit in der Massenanfertigung?

Am Sonntag wird sie angezündet, die erste Kerze am Adventskranz. Startflämmchen für eine besinnliche Zeit – vorausgesetzt man hat es bis dann geschafft einen Adventskranz auf den Stubentisch zu stellen.

Umfrage: Mehr als die Hälfte hat keinen Adventskranz zu Hause

Im besten Fall natürlich eine selbstgemachte Kreation aus duftenden Tannenzweigen. Doch erst gestern hat eine Online-Umfrage dieser Zeitung zu Tage gebracht, dass gerade noch 28 Prozent der Befragten ihren Adventskranz selber machen. Mehr als die Häfte gab an, gar keinen Adventskranz zu Hause zu haben und 16 Prozent beschafft ihn sich auswärts.

Die Zahlen sind nicht repräsentativ, aber eine Tendenz zeigen sie doch. Der Adventskranz, klassisch aus Tannenzweiglein, mit roten Kerzen ist kein Standard mehre Selbstverständlichkeit mehr.

Heute gibt es Kränze aus Frottee, aus Plastik, aus Porzellan, ausklappbare Kränze für die Reise und essbare aus Gummibärchen. Kränze aus silberschimmernden Eukalyptus-Zweigen sind gerade der letzte Schrei a uf Interior-Blogs und für Kränze aus getrockneten Hortensienblüten bezahlt man bei der Floristin oder auf dem Markt schon mal 100 Franken und mehr.

30'000 Adventsgestecke aus Weinfelden

Deutlich günstiger, aber ebenfalls nicht ganz klassisch sind die Gestecke, die dieser Tage zu Tausenden in Weinfelden hergestellt werden. In den alten Treibhäusern im Thurgau riecht es nach Heissleim, ein Radio läuft und an langen Tischen nehmen Adventsgestecke langsam ihre Form an: Rote Kerze, silberne Kugeln, etwas Zypressengrün, rosa Schlaufen werden im Sekundentakt von Hand gesteckt und geleimt.

Ein Adventsgesteck  wie sie die Spirig AG für Coop oder andere Grossverteile herstellt.

Ein Adventsgesteck wie sie die Spirig AG für Coop oder andere Grossverteile herstellt.

Die Arbeitsabläufe bei der Spirig AG in Weinfelden sind klar definiert. Die Gestecke für die Migros müssen anders aussehen als jene für Coop oder den Fachhandel. Und was bis elf Uhr bestellt wird, verlässt noch am gleichen Tag die Hallen in Weinfelden.

Mehr als 30'000 Adventsgestecke produziert das Unternehmen in der Vorweihnachtszeit. Klassische Adventskänze aus Tannengrün, würden sie keine machen, sagt Geschäftsführer Adrian Breu. «Die Konkurrenz aus dem Osten ist viel preisgünstiger, da haben wir als mittelgrosse Schweizer Firma keine Chance.»

Kränze aus Polen, kühlgestellt seit Wochen

Bei der Migros heisst es auf Anfrage dann auch, dass die Adventskränze aus Tannengrün in Handarbeit in Polen gebunden würden, zu einer Jahreszeit, wo noch niemand an den Advent denkt. Anschliessend werden die Kränze nach Deutschland transportiert, wo Kerzen und Dekorationen angebracht werden. Danach harren sie gut gekühlt Wochen auf den Verkaufsstart am 19. November.

Allzuviel Grünzeug findet man bei den Kreationen der Spirig AG nicht mehr. Das Kreativteam ersinnt jedes Jahr bis zu 1000 neue Kreationen, aus denen die Grosskunden – bis zu 6 Monate im Voraus – auswählen können. Da werden etwa vier rosa Kerzen in eine Art Schiff aus Rebholz gestellt und das ganze reich verziert. Kostenpunkt rund 34 Franken. Am besten würden die kleinen Kreationen mit nur einer Kerze laufen», sagt GeschäftsführerAdrian Breu.

Landfrauen springen in der Vorweihnachtszeit ein

Um die grossen Bestellmengen bewältigen zu können hat er zusätzlich zu den rund 90 Mitarbeitern 20 Bäuerinnen auf Stundenbasis eingestellt. Ein Glücksfall für seinen Betrieb seien diese Frauen.

«In den Wintermonaten gibt es auf den Bauernhöfen weniger und bei uns mehr als genug zu tun.» Und so kommt es, dass Thurgauer Landfrauen Adventsgestecke für die halbe Schweiz zusammenstellen. Modern und schlicht für die Deutschschweiz, klassisch und mit religiösen Motiven für die Westschweiz und das Tessin.

24 Kerzen auf einem Wagenrad

Doch von wegen klassisch – den ersten verbrieften Adventskranz schmückte kein einziges Tannzweiglein. Er bestand aus einem Wagenrad auf dem 20 kleine rote und 4 dicke weisse Kerzen befestigt waren. Gebastelt hatte ihn 1839 der evangelische Pfarrer Johann Hinrich Wichern für sein Waisenhaus.

Anhand der Kerzen konnten die Kinder abzählen, wieviele Tage es noch bis Weihnachten dauert. Aus diesem Wichern-Kranz wurde dann über die Jahrhunderte ein Kranz mit immer mehr Tannengrün und immer weniger Kerzen. Wer hat denn schon Platz, ein Wagenrad von bis zu vier Metern Durchmesser in die Stube zu stellen?

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Autor

Katja Fischer De Santi

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