Leben

Galway, die nördliche Kulturhauptstadt ist das Energiebündel am Rand des Kontinents

Kälte? Nicht für sie. Tanzende Jugendliche Anfang dieses Jahres im Latin-Quartier von Galway.

Kälte? Nicht für sie. Tanzende Jugendliche Anfang dieses Jahres im Latin-Quartier von Galway.

Die irische Studentenstadt Galway wurde zusammen mit dem kroatischen Rijeka zur diesjährigen Kulturhauptstadt Europas gewählt. Kein Wunder, ist die Küstenstadt in Partylaune.

Nachtspaziergang in Galway. In der Fussgängerzone drängen sich selbst im Januar um Mitternacht leicht bekleidete junge Leute vor Musikkneipen und Schnellimbissen. Der haarfeine, eiskalte irische Regen scheint ihnen nichts anhaben zu können. In der Universitätsstadt an Irlands Westküste, ganz am Rand des Kontinents, gehen die Lichter selten aus.

Die Feiern, die Galways Status als Europäische Kulturhauptstadt 2020 bekräftigen, haben bereits begonnen. Tagelang zog ein Trupp von Gauklern, Tänzern und Theatermachern durch die Ortschaften der Grafschaft; ihnen folgt ein Kunstmarathon mit 1900 Veranstaltungen. Das Gälische, die altirische Sprache und Kultur, spielt dabei eine grosse Rolle, immerhin leben viele der rund 140000 Gälisch-Sprechenden in Connemara westlich der Stadt und auf den Aran-Inseln in der Bucht von Galway.

Ausgerechnet Galway, maulte der Rest von Irland, als die zuständige Kommission den begehrten Titel der Kulturstadt vergab. Steigt im «kulturellen Herz des Landes», wie Galway beworben wird, nicht ohnehin jedes Jahr das zweiwöchige Theater- und Kulturfestival, die Filmwoche Film Fleadh oder ein Jazz-Festival? Vom prestigeträchtigen Pferderennen Galway Races ganz zu schweigen.

All dies und noch viel mehr kann geniessen, wer sich in diesem Jahr an den Rand des Kontinents aufmacht. Geschickt haben die Organisatoren die Einwände aufgenommen: Ausdrücklich gelten die Feiern mit einem Gesamtbudget von 39 Millionen Euro nicht nur der munteren Universitätsstadt, sondern auch der umliegenden Grafschaft gleichen Namens mit ihren romantischen Bergen und einsamen Stränden.

Wer am Flughafen nahe Galway ankommt, riecht zuerst die Gülle

Wie sehr sich die wild-romantische, ländlich geprägte Westküste Irlands von der Hauptstadt Dublin im Osten unterscheidet, zeigt sich auf der knapp 200 Kilometer langen Bahnfahrt, die der Intercity in etwas mehr als zwei Stunden zurücklegt. Oder man landet auf dem nächstgelegenen Flughafen Shannon, wo aussteigende Passagiere vom penetranten Geruch nach Gülle empfangen werden. Unabhängig davon: Wer in Galway ankommt, landet in einer pulsierenden, Fremde mit offenen Armen willkommen heissenden Stadt von 88000 Einwohnern, zu denen sich zu Semesterzeiten 25000 Studierende gesellen. Galway verdankt seine Prominenz der strategisch günstigen Lage zwischen dem 40 Kilometer langen Süsswassersee Lough Corrib und dem Nordatlantik.

Sitzen auf dem Trockenen: Die Fischerboote warten in der Bucht von Galway auf ihren nächsten Einsatz.

Sitzen auf dem Trockenen: Die Fischerboote warten in der Bucht von Galway auf ihren nächsten Einsatz.

Im Jahr 1232 von einem Anglonormannen erobert, wurde die Stadt jahrhundertelang von einer Oligarchie als weitgehend unabhängiger Stadtstaat regiert. Dublin, umso mehr London waren weit weg, Handel trieb man vor allem mit Spanien und Frankreich über den Meeresweg. Daran erinnert die Adresse des Organisationsbüros Galway2020 in der Strasse der Kaufleute (Merchants Road), wenige Schritte vom Hafen entfernt.

Weltoffen und liberal sind die Einwohner geblieben. Ein Viertel der Bevölkerung hat seinen Geburtsort ausserhalb Irlands, seit 15 Jahren gehört der Germanistikprofessor Hans-Walter Schmidt-Hannisa dazu. Für ihn ist klar: «Galway ist die schönste Stadt in Irland.»

Weitere Infos unter: www.galway2020.ie

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