Jede Frau hat diese eine Freundin mit der unfassbar schönen Haut. So eben und zart. Keine Rötungen, nie Pickel. Mitesser sind ihr so fremd, sie denkt dabei an jemanden, der von ihrem Teller gabelt. Nach dem Aufstehen, nach der Dusche – sie sieht immer gut aus. Schminke? Ja, manchmal, zum Aufbrezeln. Dann wird dieses schöne makellose Gesicht noch bezaubernder. Die anderen greifen aus Verzweiflung noch tiefer in den Schminkkasten – und merken gar nicht, dass sie sich mit der Färberei anstatt zu kaschieren eine Kriegsbemalung angepinselt haben.

Es ist genau diese dünne Linie, der feine Lidstrich, auf dem Frauen balancieren müssen. Wie viel ist schön und wie viel ist zu viel? Wann wirken sie billig, tussig und wann kommen Begriffe wie Öko, Schmuddelei und Vernachlässigung des Frauseins auf? Gerade in Zeiten, in denen Frauen überall das Motto «weniger ist mehr» ins Gesicht geklatscht bekommen, wird frau immer unsicherer. Und schon sind wir bei der Wirkung, die das geschminkte Gesicht beim Gegenüber auslöst. Beim Publikum. Bei den Männern. Und es geht nicht mehr nur darum, wie sich die Schminkerin findet, sondern ist es dem Herrn so recht? Schliesslich sagen diese auch immer wieder: «Ich mag natürliche Frauen.» Der Oberknaller ist dann auch: «Ich mag natürlich schöne Frauen.»

Ja, wer nicht? Nur manchmal muss man eben nachhelfen. Wobei, muss man? Oder will man? Im Grunde genommen gibt es zwei Gründe, um sich zu schminken: Man will etwas verstecken oder betonen. Ersteres macht keinen allzu grossen Spass, Letzteres schon. Doch da schleicht sich eben auch die gute alte Gewohnheit ein. Hat sich dieses Ritual einmal festgefahren, behält man es bei – und fühlt sich ohne kaum mehr wohl. Make-up gehört bei den meisten Frauen dazu. Duschen, schminken, anziehen, gehen. Ausser beim Sport (wobei auch da) und am Strand (wobei auch da) sind die meisten Frauen, denen man tagsüber im Zug, auf der Strasse und bei der Arbeit trifft, geschminkt. Stark, zart oder kaum sichtbar.

Schweiss und Permanent-Make-up

Das brachte die Aargauerin Bettina Zumstein zum Nachdenken. «Immer schon hat mich die Blume selbst in ihrer vollkommenen Schönheit fasziniert. Sie kümmert sich nicht – sie ist. Blumen sind vergängliche Schönheiten – genauso wie wir selbst», sagt die 48-Jährige. «Ich war übersättigt von der Scheinwelt der faltenlosen Perfektion von uns Frauen, der vorgegaukelten ewigen Jugend in überschminkten und retuschierten Gesichtern.» Zumstein hatte eine Idee: Sie wollte ungeschminkte Frauen fotografieren und startete einen Aufruf im Internet. In kurzer Zeit meldeten sich etliche Frauen für das Buchprojekt «Ungeschminkt Frau». 100 Frauen – bluttes Gesicht, zero Bearbeitung. Auch wenn uns Frauenmagazine vorgaukeln, diese Models seien nicht geschminkt – sie sind es doch. Jemanden so zurechtzumachen, komplett ungeschminkt zu wirken, ist auch Arbeit.

Das Buch zeigt Frauen zwischen 16 und 94 Jahren im Porträt. Nahaufnahme mit Falten, Rötungen und Schweiss. Zumstein erinnert sich an die Shootings. Den einen musste sie klarmachen, dass sie sich das Make-up abschminken müssen, die anderen bettelten nur um ein bisschen Gloss für die Lippen, bei einigen musste sie akzeptieren, dass der Permanent-Lidstrich auch mit festem Reiben nicht abging.

«Sie haben geschwitzt, hatten Wallungen – aber das war eben so. Das ist Frau», sagt die 48-jährige Fotografin und Autorin. Und wie fanden es die Frauen, als sie ihre komplett ungeschminkten Gesichter zu Gesicht bekamen? Die meisten waren positiv überrascht und fragten: «Das bin also ich?» Für das Buch haben auch 30 Autorinnen Texte zum Thema «Ungeschminkt» verfasst. Sie beschreiben ihr Verhältnis zum Schminken – es geht aber auch um die tiefere Bedeutung von ungeschminkt. Konkret: um authentisches Frausein, um fallende Masken. «Ungeschminkt – irgendetwas provoziert mich an diesem Wort – wahrscheinlich die Vorsilbe ‹un›», schreibt die Schweizer Autorin Katrin A. Beer etwa. Ungeschminkt klinge wie unhöflich, untreu, unmöglich, unpassend. «Als wäre ungeschminkt etwas Schlechtes, etwas ‹Unnatürliches› – so, als wäre ungeschminkt das Gegenteil von normal. Und das, obwohl wir ungeschminkt zur Welt kommen.»

Fragt man Frauen nach ihrem Verhältnis zu Make-up, bekommt man die unterschiedlichsten Antworten und Haltungen. Die Extremen: «Ich gehe nie ungeschminkt aus dem Haus. Und mit ‹nie› meine ich ‹nie›. Da könnte die Welt draussen untergehen und ich in den Luftschutzkeller rennen müssen, ich würde trotzdem noch kurz Mascara auflegen», sagt eine 37-Jährige. Eine 61-Jährige stellt klar: «Ungeschminkt geht gar nicht! Nicht mal zum Briefkasten, um die Zeitung zu holen. Und das, seit ich 16 bin.» Die anderen Extremen verstehen die Kleisterei nicht und fragen sich, wie man sich so viel «Dreck» auf die Haut «draufpappen» kann. Aber es scheint eine Faszination für das Handwerk da zu sein – «Ich LIEBE Make-up-Tutorials.»

Die angenehme Hülle

Die einen halten es aufgrund der Zeit und der fehlenden Lust simpel (Wimperntusche und Puder). Ohne geht aber nicht: «Ich fühle mich damit besser, weniger ‹nackt›. Es gibt einem eine gewisse Hülle nach aussen, die ganz angenehm ist.» Eine andere Dame sieht es als Taktik: «Ich schminke mich, wenn ich denke, es hilft. Beim Bewerbungsgespräch etwa ist das wie der Blazer. Chli Rüstung, chli gewappnet. So bietet wenigstens das Äussere etwas Sicherheit.» «Ich fühle mich ungeschminkt nicht hässlich, aber mit fühle ich mich hübscher und frischer.» Andere gehen komplett ohne Schminke aus dem Haus und fühlen sich so «am wohlsten». «Ich schminke mich nie. Ich fühle mich daher auch nicht nackt oder irgendwie anders, sondern einfach mich selber. Lediglich roten Lippenstift mag ich sehr – den trage ich auch regelmässig.»

Schminken – ja, nein, stark, zart – ist Typsache und eine Frage des Alters oder der Lebensphase. Ein typisches Schmink-Verhältnis läuft etwa so ab: Als Teenager entdeckt man diese schwarzen Stifte, die glitzernden Farben. Man probiert, übertreibt – und schämt sich später für die Fotos. Dann, die rebellische Anti-Make-up-Phase. Schliesslich freundet man sich langsam wieder an, findet seine Technik. Am Wochenende gerne mehr. Bis man in ein Alter kommt, wo man entweder denkt: Ja, jetzt muss ich ja fast – oder erst gar nicht mehr damit anfängt.