Im Jahr 2007 sah Bjørn Gitle Hauge das Hessdalen-Licht zum ersten Mal. «Das Licht war so gross wie ein Auto und schwebte über einen Hügel, wobei es die Umgebung beleuchtete», erzählt er. Aus einer Entfernung von ungefähr sieben Kilometern beobachtete er es eine halbe Stunde lang.

Seither hat der norwegische Ingenieur das Phänomen immer wieder beobachtet und aufgezeichnet, mit Kameras, mit Radar sowie Geräten, welche das elektromagnetische Spektrum eines Signals abbilden können. Inzwischen gibt es Dutzende von Videoaufnahmen. Auf einigen ist nur ein kurzes Flackern am Himmel zu sehen, ein verzerrter Lichtpunkt, der auftaucht und sogleich wieder verschwindet, andere Videos zeigen Lichtbälle, die über das Land schweben wie Raumschiffe.

Es ist kein Wunder, dass Ufologen das Hessdalen-Tal, das sich rund 130 Kilometer südlich von Trondheim befindet, als Landezone von Aliens bejubeln und bisweilen in Massen in das norwegische Hochtal strömen. Sehr zum Unmut von Hauge, wie er im Interview betont. Er nennt sie «nut jobs» – Spinner. «Die Lichter sind ein natürliches elektromagnetisches Phänomen, dessen Mechanismus wir noch nicht entschlüsselt haben», stellt er klar. Dass das Hessdalen-Phänomen keine Spinnerei ist, zeigt sich vor allem daran, dass verschiedene Wissenschafter von europäischen Universitäten es regelmässig aufzeichnen und die Resultate in Fachzeitschriften veröffentlichen.

Das Phantom auf dem Radar

Die bisher gesammelten Daten zum Hessdalen-Phänomen verraten den Forschern einiges: Die Lichter sind lautlos und geben offenbar keine Hitze ab. Berühren sie den Boden, töten sie die dortigen Mikroben ab. Und das Licht kann offenbar unsichtbar sein: Es gebe Radardaten, so Hauge, die Bewegungen am Himmel zeigten – die Forscher sahen jedoch nichts. Dass Radardaten vorhanden sind, deutet darauf hin, dass die Lichtobjekte eine Masse haben.

Hauge und seine Kollegen sind deshalb der Ansicht, dass sie aus Plasma bestehen, ähnlich wie die Polarlichter. Wenn ein Gas ionisiert, bildet es eine Wolke aus Ionen und Elektronen, genannt Plasma, die Energie in Form von Licht freisetzt. Es ist bekannt, dass Plasmen Bakterien abtöten und kühl sein können. Und sie müssen kein sichtbares Licht abgeben – manchmal leuchten sie nur in den infraroten oder ultravioletten (UV) Bereichen des Lichtspektrums, die für den Menschen unsichtbar sind. Genau hierzu hat Hauge in diesem Frühling geforscht. «Wir haben UV-Kameras installiert, um weitere Indizien für einen Ionisierungsprozess zu sammeln.»

Das Forschungsprojekt zu den Hessdalen-Lichtern besteht schon seit den Achtzigerjahren. Zunächst suchten die Forscher nach naheliegenden Erklärungen: Waren es die Scheinwerfer von fahrenden Autos? Flugzeuge? Eine Art Polarlicht? «Diese Erklärungen schlossen wir nach und nach aus», sagt Hauge. Die Forscher filmten die Lichter und führten eine Reihe von Messungen durch. Sie kamen zum Schluss, dass das Phänomen echt ist. Aber dessen Ursache fanden sie nicht heraus. Seit 2000 kehren die Forscher jedes Jahr nach Hessdalen zurück und bringen jeweils neue Ideen, Instrumente und Kollegen mit.

Das Tal als natürliche Batterie

Inzwischen haben sie eine Reihe von Erklärungsansätzen. Vieles deute darauf hin, dass es sich um eine Art Kugelblitz aus Plasma handelt. 2012 gelang es chinesischen Wissenschaftern während eines Gewitters, einen solchen Kugelblitz aufzuzeichnen: Eine rund fünf Meter breite, leuchtende Kugel, die über eine Sekunde lang schwebte. Die Spektralanalyse zeigte, dass die Kugel Silizium, Eisen und Kalzium enthielt. Interessanterweise zeigt das Spektrum der Hessdalen-Lichter auch die Anwesenheit von Silizium und Eisen sowie von Scandium.

Jedoch passt die Kugelblitz-Theorie nicht hundertprozentig. Kugelblitze entstehen bei Gewittern, in Hessdalen korrelieren die Lichter jedoch nicht mit Unwettern. «Es muss irgendwo eine Energiequelle geben, die die Kraft eines Blitzschlags hat», folgert Hauge. Diese Energiequelle hat ein Kollege, Jader Monari vom italienischen Institut für Radioastronomie in der Nähe von Bologna, vielleicht identifiziert. Er hat Gesteinsproben aus Hessdalen untersucht und festgestellt, dass das Tal selbst eine gigantische natürliche Batterie darstellt. Die eine Talseite ist reich an Zink und Eisen und die andere an Kupfer.

Später erfuhr Monari ausserdem von einer Schwefelmine im Talboden. «Auf der einen Seite Zink und Eisen, auf der anderen Seite Kupfer und in der Mitte Schwefel im Wasser: Das ist eine perfekte Batterie», erklärt Monari. Der Astrophysiker schlägt vor, dass diese einzigartige Geologie auf zwei Arten zu den Lichtern beiträgt. Erstens liefert sie ionisierte Gasblasen, die entstehen, wenn schwefelhaltige Dämpfe mit der feuchten Luft des Tales reagieren. Zweitens bildet sie elektromagnetische Felder im Tal, welche die Blase bewegen könnten. Damit wäre dann klar, wie die Lichter entstehen.

Doch eine andere Frage sei, was sie zusammenhält, sagt Hauge: «Warum expandieren die Lichtbälle nicht, warum steigen sie nicht auf? Wir wissen es noch nicht.»

Die teilweise spekulativen Erklärungsansätze sind sicherlich ein Grund dafür, dass das Hessdalen-Projekt auf wenig Resonanz bei Wissenschaftern weltweit stösst. Immerhin schliesst Astronom Thomas Schildknecht von der Uni Bern auf Anfrage nicht aus, dass in Hessdalen ein neuartiges atmosphärisches Phänomen existiert: «Neuentdeckungen sind möglich, auch heute noch.»

Es gibt Beispiele aus jüngerer Vergangenheit, etwa die sogenannten Sprites: ein Blitzphänomen oberhalb von Gewitterwolken. «Bis vor 20 Jahren haben wir das noch nicht gekannt.» Schildknecht spricht sich darum dafür aus, das Hessdalen-Phänomen seriös und umfassend zu untersuchen. «Es braucht sicherlich einen grösseren Effort, um bei dieser Frage weiterzukommen.»