Ex-Raiffeisen-Chef

Geld, Macht und Sex: Pierin Vincenz und die männliche Illusion der Unverwundbarkeit

Gestürzter Raiffeisen-König: Pierin Vincenz, langjähriger Chef der Raiffeisen-Gruppe, hier auf einem Foto von Dezember 2017.

Gestürzter Raiffeisen-König: Pierin Vincenz, langjähriger Chef der Raiffeisen-Gruppe, hier auf einem Foto von Dezember 2017.

Der frühere Raiffeisen-Chef hat im grossen Stil Sex gekauft. Und mit der Geschäftskreditkarte dafür bezahlt. Pierin Vincenz ist kein Einzelfall: Geld, Sex und Macht gehören in solchen Positionen oft zusammen.

In der Nacht vom 11. Juni 2014 entgleitet Pierin Vincenz die Kontrolle, und sie entgleitet ihm laut. Seine Geliebte erwischt ihn mit einer anderen im Bett, bestellt in die Suite 507 des Nobelhotels Park Hyatt in Zürich. Die Situation eskaliert, Schreie durchdringen die Wände, Mobiliar wird zertrümmert. Pierin Vincenz, CEO der drittgrössten Bank der Schweiz, liiert, zwei Töchter, muss 3773 Franken für die Erneuerung des Inventars hinblättern.

Gar nicht mal so viel, verglichen damit, was er sonst für sexuelle Dienstleistungen ausgibt. 251’000 Franken soll Pierin Vincenz für Champagner, Cabaret-Besuche und Stripperinnen ausgegeben haben – bezahlt mit der Firmenkreditkarte. Das machte «Inside Paradeplatz» vergangene Woche publik. Er soll Stammgast in über 20 Etablissements in der ganzen Schweiz gewesen sein. In Zürich, St. Gallen, Bern, Genf, Aarau, Romanshorn. Und jedes Mal rechnet er alles über seine eigens für diese Momente kreierte Kostenstelle «NR 950000» bei der Raiffeisen ab. Alles auf Spesen.

Ausgerechnet er. Der Mann, der sich so gerne als Unschuld vom Lande inszenierte. Als einer der Guten. Als einer, so anders als die Geldhaie der Wall Street, als die arroganten Banker der Schweizer Grossbanken. Vincenz war beliebt, nicht nur in der Öffentlichkeit, auch bei Journalisten. Und er war erfolgreich: Die Bilanzsumme von Raiffeisen stieg von 92 Milliarden Franken im Jahr 2002 auf 205 Milliarden, die Hypothekarausleihungen von 76 auf 159 Milliarden Franken.

Vincenz holte die verschlafene Raiffeisenbank aus dem Dornröschenschlaf. Und schützte nach aussen hin ihr Image, trotz starkem Wachstum. Und nun hat ausgerechnet diese Heilewelt-Bank von nebenan plötzlich einen Sex-Skandal.

Doch so erstaunlich ist dieser Fall nicht. Er ist symptomatisch. Er zeigt den langen Schatten einer fast unzerstörbaren Allianz von Macht, Geld, Sex und Mann. Studien haben längst belegt: Testosteron korreliert mit Machtanspruch und Risikobereitschaft. Menschen, die schnell aufsteigen, sind psychologisch in der Regel weniger empathisch, weniger sensibel. Und können deshalb ruhiger schlafen, auch wenn sie unpopuläre Entscheidungen treffen müssen oder Fehler machen.

Männer in Machtpositionen sind oft narzisstisch und egozentrisch

Die gleichen Eigenschaften, die einen Menschen dazu befähigen, nach den Sternen zu greifen, führen ihn auch dazu, andere auf dem Weg nach oben vor den Zug zu werfen. Der Weg an die Spitze, zeigt die Psychologie, ist gepflastert mit einem unglaublichen Rausch an Lob und Anerkennung, die immer weniger Freude auslösen, je öfter der Kick kommt. Und kaum je mehr Kritik. Mit der Zeit brauchen Männer in Machtpositionen krassere Grenzerfahrungen, werden risikoaffiner, charismatischer, aber auch narzisstischer, egozentrischer, rücksichtsloser.

Eigenschaften, die in unserer Kultur noch immer als erstrebenswert gelten, Hauptsache, da steht ein Gewinner vor uns. Männer wie Frauen fühlen sich von dieser Art Führung angezogen. In vielen Bereichen, in der Finanzwelt aber besonders, gewinnt oft die aggressive Führung ohne Rücksicht auf Verluste. Neopatriarchale Verhältnisse, in denen gesellschaftliche Verantwortung weniger zählt als der grosse Gewinn und die Bereicherung für sich selbst.

Sexuelles Begehren ist immer auch ein Teil des Macht-Konstrukts. Diese Lust, sich zu nehmen, was man haben will. Und diese Idee, dass immer alle Ja sagen. «Mächtige Männer haben sowohl eine hyperaktive Libido im Vergleich zu normalen Männern als auch eine grössere Bereitschaft, darauf zu spekulieren, dass sie überall und jederzeit mit ihren sexuellen Aktivitäten davonkommen können», sagte der Soziobiologe Johan van der Dennen im «Spiegel».

Da war seine Welt noch in Ordnung: Raiffeisenchef Pierin Vincenz im Sommer 2011 in Luzern.

Da war seine Welt noch in Ordnung: Raiffeisenchef Pierin Vincenz im Sommer 2011 in Luzern.

Das Streben nach Macht, Geld und Sex gehört seit dem 18. Jahrhundert strukturell zu bürgerlicher Männlichkeit. Dabei setzte sich die Idee, dass die Frau Eigentum ist und der Mann über sie verfügen kann, in der Schweiz erst vor etwa 200 Jahren durch. Und: «Bis vor ein paar Jahrzehnten war der Patron das Ideal der Finanzwelt. Ein Mann, der zwar das Sagen hatte und dem man sich fügte, der sich selbst aber im Griff hatte», sagt die Geschlechterforscherin und Lehrbeauftragte an der Universität Basel, Anika Thym. In den letzten 20 Jahren habe sich diese Kultur sehr verändert. Dominanz werde viel aggressiver und kompromissloser ausgeübt. «Macht und Kontrolle über den weiblichen Körper und das Kaufen von Sex gehören da dazu.»

Thym, die für ihre Dissertation mit über 20 Männern aus der Schweizer Finanzbranche sprach, sagt, vielerorts sei der Besuch eines Sex-Etablissements unabdingbar dafür gewesen, überhaupt einen Deal abzuschliessen. «Geschäftsessen mit anschliessendem Besuch im Strip-Club gehörten fast zum Tagesgeschäft. Und sie wurden von den Kunden explizit gefordert», sagt Thym. Im Investmentbanking in den USA, wo Pierin Vincenz seine Karriere begann, sei das noch verbreiteter gewesen. Das sei eine Art «Kundenbetreuung». Dass diese Art von Kundenbetreuung nicht mehr in dieser Weise funktioniert, sobald eine Frau mit am Tisch sitzt, ist augenscheinlich.

Genau deshalb haben es Frauen mitunter so schwer, in die oberste Führungsetage vorzudringen. Und die Kultur zu ändern. Weil das meiste Geld, das auf der Welt investiert wird, noch immer durch Männerhände fliesst. «Obwohl man auch klarstellen muss: Viele Männer im Finanzwesen haben darauf keine Lust – sie sind aber oft am kürzeren Hebel, weil sie nicht die oberste Führungsriege sind oder sich dort nicht durchsetzen können.

Zudem scheint es in diesem Bereich einen Wandel gegeben zu haben. Banken tolerieren diese Praxen heute weniger», sagt Thym. Der Sexclub ist eine Grauzone, nicht wirklich verboten, aber an der Grenze zur Illegalität, moralisch zwielichtig, und gerade deshalb auch ein Kick. Seilschaften bilden sich gerne in solchen Momenten, wenn man etwas erlebt, das einem das Adrenalin gibt, das man so gerne spürt. Wenn man gemeinsam ein Geheimnis hat.

Und die Erfahrung macht: Egal, wie weit ich gehe, es hält mich niemand zurück. Ich alleine herrsche, keiner widerspricht, alle kuschen. Weil alle profitieren wollen. Das ist typisches Gruppenverhalten in der Soziologie. Eine Gruppe lehnt sich an den Stärksten an und schwimmt mit. Abnicken braucht weniger Courage. Auch deshalb wohl konnte sich das «System Vincenz» über Jahre halten, wie so oft, wenn Männer zusammen gemeinsame Sache machen – Wegschauen, Komplizenschaft und vorauseilender Gehorsam waren an der Tagesordnung.

Sie werden bestätigt - und können sich nehmen, was sie wollen

Doch bis das System zusammenbricht, kennen die Männer oft kein Halten mehr. Wie Tiger Woods, wie Bill Clinton, wie Donald Trump. Sie werden über Jahre in ihrem Erfolg bestätigt – und darin, dass sie sich ohne Konsequenzen nehmen können, was sie wollen. Männer, die anfällig sind für solche Mechanismen, sind auch solche, deren Selbstwert nicht wirklich intakt ist. Die permanente Bestätigung brauchen. Oft handeln sie auch aus Kränkung heraus.

Pierin Vincenz hätte seine Eskapaden selbst bezahlen können, mit seinen zwei Millionen Franken Gehalt. Hat er aber nicht. Stattdessen stand er mit den Journalistinnen an der Bar, während die krassen Haie vom Paradeplatz schon lange in ihre Limousinen gestiegen waren, auf dem Weg nach Hause zu ihren Frauen, erste Ehe, zweite Ehe, hallo mein Schatz, wie war dein Tag?

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