Der Bagger: Eine Baumaschine, die viele Erwachsene im Alltag kaum wahrnehmen – bis sie Eltern werden. Dann plötzlich verbringen sie viel Zeit in der Nähe von Baggern. Weil ihr Kleinkind – ein Sohn – halt so gern zuschaut.

Eltern von kleinen Mädchen hingegen bauen keine nähere Beziehung zu den diversen Baustellen in ihrer Gemeinde auf: Sie beschleunigen noch den Schritt, um möglichst rasch dem Baulärm zu entfliehen; ihr Kind zeigt schliesslich auch kein Interesse am Treiben.

Oder ist es vielleicht umgekehrt? Ist das Interesse am Bagger gar nicht angeboren, sondern antrainiert?

«Viele Studien haben gezeigt, dass geschlechtstypisches Verhalten auch mit Umwelteinflüssen zu tun hat», sagt Stefanie Schälin, Geschlechterforscherin an der Universität Basel. Jungen würden viel eher ermutigt, sich für Bauarbeiten zu interessieren. «Als Folge lernen Jungen, dass Baustellen wohl etwas Besonderes sind.» Auch bei den Mädchen liessen sich solche geschlechtstypischen Ermutigungen beobachten.

In der gegenwärtigen Forschung wird davon ausgegangen, dass die Umwelt einen grösseren Einfluss auf das Geschlecht hat, als bisher angenommen.

Die Umwelt, sprich Eltern, Betreuende, Lehrkräfte, hat demnach einen grossen Anteil daran, wenn ein vierjähriger Bub sich unter keinen Umständen vorstellen kann, ein Prinzessinnenkleid anzuziehen und ein gleichaltriges Mädchen sich nie in die Ecke zu den Bauklötzen verirrt.

Pointiert fasst diese Erkenntnis ein neues Handbuch zusammen, das der Bund mitfinanziert hat: «Durch Beobachtungen und die Reaktionen des Umfelds lernen Kinder sehr rasch, welche Verhaltensweisen ihrem Geschlecht zugeordnet werden.»

Daraus gehe hervor, «dass es sich bei den Verhaltensweisen um gesellschaftliche Konstrukte und nicht um biologische Gegebenheiten handelt.»

Mehr Freiheit für das Kind

Die vorgelebten Geschlechterstereotypen und das seit frühem Kindesalter antrainierte Verhalten führen zu Ungleichheiten – unter anderem dann, wenn die Mädchen einen typischen Frauenberuf wählen, der schlechter bezahlt ist als ein typischer Männerberuf.

Nun sollen Personen sensibilisiert werden, die im Frühbereich tätig sind. Das Handbuch «Nicos Puppe und Sophies Lastwagen» wurde in den letzten Wochen an rund 2000 Kindertagesstätten, an Spielgruppen und Berufsschulen in der Deutschschweiz verteilt.

Ab April leitet das Marie-Meierhofer-Institut für das Kind in verschiedenen Kantonen Workshops, um Mitarbeitern von Kindertagesstätten (Kita) aufzuzeigen, wie sie die Inhalte des Handbuchs in ihrem Berufsalltag umsetzen können.

«Die wenigsten Pädagoginnen und Pädagogen möchten Mädchen und Jungen unterschiedlich behandeln», sagt Stefanie Schälin von der Uni Basel. «Trotzdem werden durch unbemerkte und unreflektierte Gewohnheiten und Traditionen Geschlechterstereotype weitergegeben.»

In Ländern wie Schweden oder Österreich gibt es geschlechtsneutrale Kindergärten. Sie verzichten auf geschlechtstypische Bereiche wie Puppenecke oder Baubereich, und bei der Auswahl der Spielsachen und der Bilderbücher wird genau darauf geachtet, wie diese die Entwicklung der Kinder in Geschlechter- und Gleichheitsfragen beeinflussen könnten.

So weit will man in der Schweiz mit der laufenden Sensibilisierungswelle nicht gehen. Hier geht es einzig darum, Pädagoginnen und Pädagogen dazu zu bringen, eigenes Verhalten zu reflektieren.

Schliesslich begleiten sie ihre Schützlinge in jenen Lebensjahren, in denen diese eine Vorstellung davon entwickeln, was es in unserer Kultur bedeutet, ein Mädchen oder Junge zu sein.

«Durch eine geschlechterbewusste Pädagogik können Fachkräfte den Kindern helfen, dass diese sich nach ihren Interessen und Fähigkeiten entwickeln», sagt Genderforscherin Schälin. «Es geht also nicht darum, Kindern etwas ‹wegzunehmen›, sondern ihnen mehr Freiheiten zu ermöglichen.»

Umsatz dank Gender-Marketing

Im Kinderzimmer wird heute allerdings meist geschlechtstypisch gespielt: Spielzeughersteller setzen seit einiger Zeit auf sogenanntes Gender-Marketing.

Sie stellen unterschiedliche Spielwaren für Mädchen und Buben her, anstatt wie früher ein einziges Spielzeug für alle.

So haben etwa Playmobil oder Lego spezifisch an Mädchen gerichtete Spielwelten auf den Markt gebracht. Für Stefanie Schälin ist dieses Gender-Marketing problematisch: «Viele dieser Spielsachen widerspiegeln ein ziemliches Klischeebild von Mädchen und Jungen», sagt sie.

Daran stören sich je länger, je mehr auch die Konsumenten. Kürzlich ging die Nachricht um die Welt, ein siebenjähriges Mädchen aus den USA habe sich bei Lego beklagt, weil es zu wenige weibliche Figuren gibt. Sie forderte den Spielzeughersteller auf, weibliche Lego-Figuren zu kreieren, die Abenteuer erleben, anstatt nur zu Hause herumzusitzen und zu schlafen.

An der Aufteilung der Spielwelten in Mädchen- und Buben-Sektionen stören sich aber auch Erwachsene.

Die unzufriedenen Rückmeldungen von Konsumenten veranlassten kürzlich den britischen Kaufhaus-Giganten Marks & Spencer mitzuteilen, ab Frühling 2014 würden alle Spielwaren genderneutral verpackt und angepriesen. In mehreren Ländern präsentieren Spielzeugfirmen ihre Waren mittlerweile in geschlechterneutralen Katalogen.