Kolumne

«Glamour, mon amour»-Kolumne: Wieso unsere Autorin einen geschmacklosen Weihnachtsstern aus Miami besitzt

Simone Meier Bild: CH Media

Simone Meier Bild: CH Media

In ihrer Kolumne «Glamour, mon amour» schreibt unsere Autorin Simone Meier diese Woche über ihre spezielle Beziehung zu funkelnder Weihnachtsdekoration.

Wie Ihnen bekannt sein dürfte, verlangt jede Beziehung ihre Kompromisse. Als ich zum Beispiel vor vielen Jahren lernte, dass mein Liebesleben Weihnachtsdekorationen für vollkommen überflüssig hält, traf mich das hart. Tagelang fabulierte ich von Weihnachtsbäumen, obwohl sie mir jahrelang nichts bedeutet hatten. Plötzlich schien mir die Abwesenheit eines Weihnachtsbaums das grösstmögliche Opfer auf dem Altar der Liebe.

Jede Lichterkette, jedes geschmückte Schaufenster machte mich sentimental. So lange, bis mein Liebesleben einknickte und mir etwas Handgrosses in einem weissen Stoffbeutel überreichte. An einem sonnigen Dezembertag in Miami. Die Palmen raschelten, auf der Strasse tummelten sich Menschen in Flipflops, einer trug einen zahmen Papagei auf der Schulter, und ein anderer hatte sich eine fette gelbe Schlange um den Hals gewickelt.

Es war während der Art Basel Miami Beach, alles war Kunst, alles war verrückt, abends waren wir am Konzert einer Frau namens Peaches, natürlich on the beach, gegen Ende des Konzerts rannte sie samt Publikum ins Meer. Die Hotels entlang des Strandes schlugen alles, was ich mir jemals unter Dekadenz ausgemalt hatte. Einmal begegnete uns einer der Hotelcoiffeure, der lockige Herr Pipino, einer der Ex-Männer von Heidi Klum, und einer der wenigen, von dem sie kein Kind hat. Wieso ich ihn erkannte? Fragen Sie mich nicht, es gehört zu jenem unnützen Wissen, das in mir leider weit zuverlässiger gespeichert ist als das nützliche.

Wir standen auf der Strasse zwischen Menschen, Schlangen und Papageien, und ich öffnete den kleinen weissen Stoffbeutel. Drin lag ein Stern aus 85 Glitzersteinen, ein überdimensionierter Schneestern quasi, ein kleines Kitschmonster. Gewiss gibt es Leute, die ihn geschmacklos nennen, ich gebe ihnen auch teilweise recht, aber er verkörperte in seiner dekorativen Schamlosigkeit so etwas wie die Essenz von Miami.

Erstanden hatte ihn mein Liebes-leben – höchst widerwillig natürlich – in einer «Pottery Barn»-Filiale, und das war wiederum so rührend, dass mir fast die Tränen kamen. Kennen Sie die TV-Sitcom «Friends»? Sechs junge hübsche Menschen suchen in New York Jobs und Liebe, einer wird Professor für alte Knochen, eine andere wird Köchin, eine ist Hippie, einer Schauspieler und so weiter, sie finden sich in wechselnden Beziehungs- und Wohngemeinschaften, und abgesehen davon, dass sie alle eine Spur zu schön sind, ist das gar nicht so weit von der Realität entfernt. Haben sie Geld, so gönnen sie sich ein Möbelchen, einen Milchkrug oder ein Dekorobjekt von Pottery Barn.

So geht das 236 Folgen lang, ich habe jede gesehen. All das erzählt mir mein möglicherweise minimal geschmacklos funkelnder Stern aus Miami Winter für Winter von neuem. Und dafür, dass er das einzige Stück Weihnachtsdekoration ist, das mir gestattet wird, kennt er mehr Geschichten als ein ganzer Baum voller Schmuck.

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