Mobiltelefonie

Handys aus China sind momentan die besten auf dem Markt – doch sie haben einen Haken

© Raffael Schuppisser

Nicht Apple, nicht Samsung. Huawei baut die besten Smartphones. Kaufen sollte man sie derzeit nicht, denn es fehlt ihnen etwas Entscheidendes. In Zukunft könnte das anders sein.

Es sieht aus wie ein Gadget aus der Zukunft. Dabei ist nicht einmal klar, um was für ein Gerät es sich handelt. Ist es ein Smartphone? Oder doch ein Tablet? Irgendwie beides. Es ist ganz Bildschirm: Hinten, vorn, auf der Seite. Das Display windet sich um die Kante und geht auf der Rückseite weiter.

Per Knopfdruck springt das Display auf der einen Seite aus der Verankerung und lässt sich auseinanderfalten, sodass man ein sehr dünnes, etwa quadratisches Tablet in der Hand hält.

Das von Huawei entwickelte Gerät Namens Mate Xs ist zwar nicht das erste Falthandy – Samsung hat bereits zwei solche Geräte auf den Markt gebracht. Doch es ist einen Schritt weiter als die Konkurrenz. Während die anderen Modelle wie Prototypen wirken – mit Plastikverstrebungen und ein bisschen abenteuerlichen Scharnieren –, ist hier alles ästhetisch geformt, die einzelnen Teile greifen perfekt ineinander. So sieht Innovation aus.

Das Huawei Mate XS lässt sich zu einem Tablet aufklappen.  Preis: 2500 Franken.

Das Huawei Mate XS lässt sich zu einem Tablet aufklappen. Preis: 2500 Franken.

Und sie kommt weder aus den USA noch aus Korea oder Japan. Sondern aus China. Huawei ist der derzeit ambitionierteste Smartphone-Hersteller. Wem das Faltgerät Mate Xs zu futuristisch oder mit 2500 Franken zu teuer ist, für den gibt es das P 40 Pro, das neueste Modell im Premium-Sektor. Flach, grosser Bildschirm und vier Kameras auf der Rückseite, die für das perfekte Bild zusammenarbeiten.

Doch so grossartig die Geräte von Huawei technisch sind, sie zu kaufen, ist keine gute Idee. Ihnen fehlt etwas Entscheidendes, nämlich Google. Im Zuge des Handelsstreits hat US-Präsident Donald Trump Huawei mit einem Bann versehen. In der Coronakrise – wo von einem neuen kalten Krieg die Rede ist – dürfte dieser umso vehementer durchgesetzt werden.

20 Millionen Franken für Schweizer App-Entwickler

Amerikanische Unternehmen dürfen nicht mehr mit der chinesischen Firma zusammenarbeiten. Das heisst, dass die Smartphones ohne Software von Google auskommen müssen. Das betrifft zwar nicht das Betriebssystem Android, da dieses Open Source ist. Es geht aber um Apps wie Google Fotos, Youtube oder auch Google Maps. Viel schlimmer noch: Es gibt keinen Playstore, auf dem man Android-Apps herunterladen kann.

Damit sind die neuen Huawei-Geräte unbrauchbar. Zwar versuchen die Chinesen alles, um das Manko zu kaschieren. Es gibt einen eigenen Store für Applikationen, die Huawei App Gallery. Doch darin finden sich die wenigsten jener Programme, auf die man als durchschnittlicher Smartphone-Nutzer täglich zurückgreift. Denn die App-Entwickler müssen aktiv dazu gebracht werden, ihre Software für die Huawei-Geräte nutzbar zu machen.

Zwei der am häufigsten gebrauchten Apps können auf Huawei-Handys momentan nicht heruntergeladen werden.

Zwei der am häufigsten gebrauchten Apps können auf Huawei-Handys momentan nicht heruntergeladen werden.

Dafür setzt Huawei ein Milliardenbudget ein. Allein in der Schweiz investiert der Konzern 20 Millionen. «Erste Früchte aus diesem Engagement sind beispielsweise die Apps Jobs.ch, aber auch die Newsportale Blick, 20 Minuten und Watson», sagt Steven Huang. Der Chef von Huawei Schweiz fügt an:

Wenn das nicht geht, lassen sich in der Huawei App Gallery Links finden, über welche entsprechende Applikationen im Internet heruntergeladen werden können (viele Entwickler bieten sogenannte APKs an). So kann man etwa den beliebten Messenger Whatsapp oder auch Facebook herunterladen. Nutzerfreundlich ist das aber nicht.

So futuristisch das Mate Xs ist, Software-technisch fühlt man sich in die Anfänge des Smartphone-Zeitalters zurückversetzt. Man muss aktiv nach Apps suchen, findet sie nicht, schaut sich nach Alternativen um – und greift am Schluss auf Tricks zurück, um doch zu dem zu kommen, was man gern hätte, um dann festzustellen, dass es eben doch nicht brauchbar ist.

Was, wenn der Handelsstreit China sogar erstarken lässt?

Huawei kann rasch wichtige Anwendungen aus dem Boden stampfen. So haben die Chinesen einen eigenen Musikservice entwickelt und arbeiten an einem Videodienst, auf dem auch lokale Inhalte angeboten werden, ausserdem steht in einigen Ländern bereits die digitale Assistentin Celia zur Verfügung. Doch ein ganzes Ökosystem lässt sich nicht einfach so aufbauen.

, sagt Steven Huang. Man ist auf die Partnerschaft von anderen Entwicklern angewiesen. Sie haben allerdings meistens nur Interesse, den Mehraufwand zu betreiben, wenn genügend Nutzer vorhanden sind. Doch wie soll man sie gewinnen, wenn es noch keine Apps gibt? Ein Teufelskreis.

Huawei-Chef Guo Ping reichte diesen Frühling eine Klage gegen die USA ein. Sein Vorwurf: Die USA würden Huawei mit illegalen Sanktionen einschränken.

Huawei-Chef Guo Ping reichte diesen Frühling eine Klage gegen die USA ein. Sein Vorwurf: Die USA würden Huawei mit illegalen Sanktionen einschränken.

Dass sich Huawei nun auf dem Alleingang befindet, scheint dem Unternehmen selbst nicht ganz geheuer zu sein.

, sagt Steven Huang. Doch was wäre, wenn dieser Irrweg tatsächlich zum Ziel führt? Was ist, wenn es den Chinesen tatsächlich gelänge, Publikum und App-Entwickler von einem eigenen Huawei Universum zu begeistern? Was, wenn der Handelskrieg Huawei gar nicht schwächt, sondern dazu führt, dass der Konzern erstarkt? Die Smartphone-Welt würde auf den Kopf gestellt.

Es gäbe dann neben Googles Android und Apples iOS plötzlich ein drittes System. Eines, das nicht amerikanisch ist, sondern chinesisch. Und was ist, wenn sich das chinesische als das beste herausstellen würde?

Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert Asiens, heisst es. Das hat Konsequenzen auf das mobile Internet und die Geräte in unserer Hosentasche. Zumindest, was die Hardware betrifft, sind die Chinesen ganz vorne mit dabei. So schön wie Huawei hat noch niemand ein Smartphone gefaltet.

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