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Hochwasser in Venedig: Ist der Klimawandel schuld?

Der Meeresspiegel wird stärker steigen als bisher angenommen. Bis zum Jahr 2100 um 43 bis 84 Zentimeter, je nach Klimaentwicklung. Damit werden Gebiete unter Wasser gesetzt, in denen heute Hunderte von Millionen Menschen leben. Hat der aktuelle Fall von Venedig mit dem Klimawandel zu tun?

Die apokalyptische Warnung hat der Weltklimarat (IPCC) Ende September in einem Spezialbericht zu den Ozeanen und Gletschern ausgestossen: Der Meeresspiegel wird stärker steigen als bisher angenommen. Bis zum Jahr 2100 um 43 bis 84 Zentimeter, je nach Klimaentwicklung. Damit werden Gebiete unter Wasser gesetzt, in denen heute Hunderte von Millionen Menschen leben.

Nun wird Venedig überflutet. Erfüllen sich die Prognosen des IPCC-Spezialberichts, an dem auch Nicolas Gruber, Professor für Umweltphysik an der ETH Zürich, als Autor mitgearbeitet hat? Hat der aktuelle Fall mit dem Klimawandel zu tun? Dieses Einzelereignis könne man nicht direkt dem Klimawandel zuordnen, erklärt Gruber.

Die jetzige Flut über die Lagunenstadt ist eine Folge des starken Niederschlags und einer gleichzeitigen Sturmflut von der nördlichen Adria her. Ein Zusammenspiel von normaler Flut mit den Winden, die das Wasser nach Norden gegen Venedig drücken.

Generell entstehen solche wütende Sturmfluten durch die von Mond und Sonne astronomisch beeinflussten normalen Fluten und Stürme. «In der Adria ist dieses Phänomen gut bekannt unter dem Namen <aqua alta>», sagt Gruber. Aqua alta kommt immer wieder vor, wenn die Winde das Wasser nach Norden drücken und somit in die Lagunen der Stadt Venedig eindringt – und das mit Regelmässigkeit im November.

Inseln, die untergehen.

Inseln, die untergehen.

Bürgermeister gibt Klimawandel schuld

Trotz der regelmässigen Überschwemmung von Venedig hält deren Bürgermeister, Luigi Brugnaro, den Klimawandel diesmal für verantwortlich und fordert die Regierung in Rom zur Hilfe auf. Der Ozeanspezialist Gruber sieht kurzfristig wenig Möglichkeiten, genau genommen nur eine. Den Bau eines Schutzwalls und eines sehr effizienten Pumpsystems, welches das Wasser aus der Lagune in die Adria pumpt. Das mag bei einem solchen Einzelereignis kurzfristig eine gewisse Linderung bringen.

Der Bericht des Weltklimarats sieht allerdings eine deutliche Häufung von Extremereignissen voraus. Und die Forscher sagen, dass nicht der stetig ansteigende Meeresspiegel und die daraus entstehenden Überschwemmungen das Hauptproblem für die Städte am Meeresufer sind. Zum Problem werden Sturmfluten, tropische Wirbelstürme und die Veränderungen der Meereszirkulation. Extremereignisse, wie sie jetzt nur alle 100 Jahre vorkommen, werden Ende des Jahrhunderts jährlich eintreten.

Aber natürlich hat auch der Meeresspiegel grosse Auswirkungen auf die Ozeane und deren Küstengebiete. «Der globale Meeresspiegel stieg in den letzten hundert Jahren um rund 16 Zentimeter», sagt ETH-Professor Gruber. «Im Spezialbericht des Weltklimarats zeigen wir auf, das wir selbst unter einem Szenario mit starkem Klimaschutz der Meeresspiegel bis Ende dieses Jahrhunderts um über 40 weitere Zentimeter steigen wird.»

Das heisst, wenn die Erderwärmung bei 2 Grad Celsius gestoppt wird. Noch extremer wird das, wenn die Klimaschutzmassnahmen nicht greifen (siehe Grafik). Ohne Klimaschutz könnte der Meeresspiegel um über einen Meter ansteigen. «Das letztere Szenario hätte verheerende Auswirkungen auf Venedig», sagt Gruber.

Städte sinken gleichzeitig auch in die Tiefe

Klimaszenario hin oder her. Betroffen vom steigenden Meeresspiegel und der häufigeren Sturmfluten, wie sie statistisch nur alle 100 Jahre vorkommen sollten, werden alle tiefliegenden und flachen Städte in Meeresnähe sein. Darunter weltweit viele Megacitys, die laufend noch grösser werden. Besonders gefährdet sind jene Städte, bei denen das Land gleichzeitig absinkt, wie das teilweise auch in Venedig der Fall ist. Aber es gibt weitere gefährdete Städte. «Zum Beispiel Jakarta, da die Stadt durch das Abpumpen von Grundwasser absinkt, während gleichzeitig der Meeresspiegel steigt», sagt Gruber.

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Überflutet werden auch die tiefliegenden Inseln wie zum Beispiel Tuvalu im Pazifik. Weite Landteile werden unbewohnbar werden, die Menschen müssen wegziehen. Das kann zu globalen Migrationsbewegungen führen.

Autor

Bruno Knellwolf

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