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In Murten müsste man ein Vogel sein

Das pittoreske Städtchen Murten bezaubert mit seinem historischen Stadtkern und einer idyllischen Lage am Murtensee.

Das pittoreske Städtchen Murten bezaubert mit seinem historischen Stadtkern und einer idyllischen Lage am Murtensee.

In Murten sperren sie das Schloss für nistende Dohlen, ziehen die Turmuhr von Hand auf – und schenken Wein aus den heimischen Rebbergen aus. Ein Besuch in einem der schönsten Orte im Kanton Freiburg.

Es ist zehn Grad, die Bise zerrt an Mantel und Schal, doch Dädus nackte Füsse stecken in schwarzen Flipflops. Er begrüsst uns, als wären wir schon abendelang zusammen in einer Beiz versumpft. Mit seinem kurzärmligen Hemd scheint er aus einer Strandbar in die frostige Schweiz katapultiert worden zu sein. Doch Dädu ist ein Ur-Murtener. Einer, der sein ganzes Leben im Freiburger Städtchen verbracht hat. Und sich nach Jahrzehnten noch nicht sattgesehen hat an den verschachtelten Dächern seiner Stadt, dem leuchtend blauen See und den Juraketten am Horizont. Dädu sieht Murten anders. Aus der Vogelperspektive.
Tag für Tag steigt er in Flipflops die knarrende Holztreppe und die steile Leiter ins Berntor hoch. Oben greift er zur Kurbel, rollt Seile hoch und zieht das Stunden- und Viertelstunden-Schlagwerk der Turmuhr auf. Seit 25 Jahren, alle 24 Stunden.

Dädu fährt mit dem Finger über das Metallgerüst der Uhr. Vor mehr als 300 Jahren liessen Pierre und David Ducommun darin ihre Namen eingravieren. Die beiden Brüder haben 1712 in La Chaux-de-Fonds die Uhr gebaut. «Was für eine Leistung, dass sie immer noch läuft», murmelt Dädu. Er schaut den Rädchen zu, die sich verzahnen.

Früher war er Wirt, nun ist er pensioniert. Die Beiz hat er weitergegeben, die Aufgabe im Turm nicht. Zu gern kommt er hierher. Dädu stösst ein Fenster Richtung Altstadt auf und sagt in breitem Berndeutsch: «Das hier, das ist eine Familie.» Zu unseren Füssen streckt sich die Hauptgasse mit ihren barocken Lauben. Sie tragen die Häuser wie auf Stelzen. Am anderen Ende des historischen Stadtkerns ragt der viereckige Turm des Schlosses Murten auf.
Seit dem letzten Jahr ist er für die Öffentlichkeit zugänglich. Ausser die Dohlen brüten, dann bleibt die Tür zu. Im Schlossturm nistet Jahr für Jahr eine Kolonie dieser Vogelart, die auf der Roten Liste steht. Sie sind nicht die einzigen gefiederten Bewohner, um die sich die Stadt sorgt. Etwa 200 Mauersegler ziehen ihre Kreise über Murten und steuern die extra für sie aufgehängten Brutkästen bei den Ringmauern an.

Diese umarmen die Zähringerstadt mit ihren Armen aus Sandstein und Tuff. Um dessen historischen Charme zu bewahren, darf nur die Apotheke eine grüne Leuchtreklame anbringen. Beizen, Bäckereien, Boutiquen und die etwas aus der Zeit gefallenen Modehäuser schreiben ihre Namen auf schmideiserne Schilder. Vor den Fenstern recken Blumen ihre Köpfchen, bunte Fensterläden schmücken die Fassaden. Murtens schmucke Gassen hat auch Bollywood entdeckt. Immer wieder inszenieren indische Fernsehteams hier die ganz grossen Gefühle.

Antiquitäten und Schnickschnack

In Murten leben etwas mehr als 8000 Einwohner. Die Mehrheit spricht Deutsch, die meisten wechseln aber mühelos ins Französische. Der Röstigraben führt durch den Murtensee. Rundherum sind kleinere Gemeinden. Die Einwohner Murtens beschreiben sich als offen. Doch wie rasch fasst man hier tatsächlich Fuss?

Der gebürtigen Österreicherin Gina Rehle gehört seit zwei Jahren die «Chesery». Ein Restaurant, das gleichzeitig ein Brocante ist. Hier lässt sich Wein nippend in Sofas sinken, am massiven Holztisch dinieren oder im Ohrensessel ein Kaffee trinken. Rundherum an den Wänden bieten Vitrinen Geschirr feil. Antiquitäten und Schnickschnack stehen neben- oder aufeinander und verleihen dem Lokal einen Mix aus Geschenk- und charmantem Trödelladen. Das Konzept: Alles, was in den drei Räumen steht, ist käuflich. «Einzige Ausnahmen: der restaurierte Kinderhochstuhl, der Feuerlöscher und unsere Mitarbeiter», sagt Rehle und lacht. Etwa sechsmal im Jahr zieht sie los und stöbert in Frankreich, Italien und Spanien nach Trouvaillen.

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Gina Rehle hat schon in Österreich und Deutschland gelebt. In Murten habe sie sich anfangs beweisen müssen. «Wir sind eine Kleinstadt. Jeder weiss, was der andere macht. Wer sich aktiv einbringt, wird aber rasch akzeptiert. Denn in Murten packt man gemeinsam an, um den Ort mit Leben zu füllen», sagt Rehle.

Sie verweist auf Anlässe wie etwa den Trüffelmarkt, die Nacht der Genüsse oder das Licht-Festival. «Wohl auch deshalb greift in Murten kein Lädeli- oder Beizen-Sterben um sich, wie es in anderen Kleinstädten zu beobachten ist.» Ihr gefalle das französische Flair, das Murten umgibt. Etwa die Apéro-Kultur mit Käse und Weisswein, sagt Rehle und führt zum Weinregal. Denn die «Chesery» ist auch eine Vinothek. Die Weine stammen aus Familienbetrieben. Aus Europa und aus der Region. Etwa vom «Château de Praz». Dieses Weingut liegt am Fusse des Mont Vully auf der gegenüberliegenden Seeseite. Wer durch Murtens Arkaden gebummelt ist und die letzten Krümel des bekannten Nidelkuchens von den Fingerspitzen geleckt hat, erreicht die Weinbauregion Vully in einer halben Stunde mit dem Kursschiff. Alternativ lassen sich am Bahnhof Velos mieten. Damit kurvt es sich über Waldwege und vorbei an Ackerland, dessen Gemüse in der ganzen Schweiz auf den Tisch kommt. Prägt der Gemüseanbau das direkte Umland von Murten, sind es auf der anderen Seeseite die Rebberge im kleinen Weingebiet Vully. Grüne Wände kriechen die Hügellandschaft hoch. Im Herbst reifen vor allem Chasselas- und Pinot-noir-Trauben an den Hängen. Sie erstrecken sich über die Kantonsgrenze von Freiburg in die Waadt.

Junge und innovative Winzer

Im pittoresken Dörfchen Praz muss Marylène Bovard nur die Strasse überqueren und sie steht inmitten der Rebberge des Weinguts «Château de Praz», das sie mit ihrem Mann Louis zusammen führt. Die beiden gehören zu der neuen Winzergeneration des Vully, die aus 150 Hektaren eine innovative Weinregion gemacht hat. Seit einigen Jahren heimsen die hiesigen Gewächse Preise und Lob ein. Auch jene von Bovards. Bei ihnen fällt die Arbeitsteilung etwas anders aus, als in den weiteren 22 ansässigen Familienbetrieben. Er pflegt als Winzer die Pflanzen und erntet die Trauben; sie keltert als Önologin den Wein und prägt dessen Geschmack. «Meine Aufgabe ist es, im Keller das Beste aus den Trauben herauszuholen», sagt Marylène Bovard. Sie verzichtet, Sorten miteinander zu kombinieren. Bei reinsortigen Weinen trete der Jahrgang stärker hervor. Neben dem Jahr sei die Landschaft prägend: «Die Weine widerspiegeln die Region. Ihre Leichtigkeit und Frische entsprechen den sanften Hügeln und dem See.»

Durch die Rebberge des Vully ist Marylène Bovard bereits als Kind getobt. Sie ist auf dem Château de Praz aufgewachsen. Das Weingut mit den hohen weissen Mauern und dem roten Eingangstor steht seit fast 500 Jahren am Murtensee. Bereits damals wurde im fensterlosen Erdgeschoss – dem Weinkeller – Traubensaft gegoren und veredelt. Mit ihrem Mann, der im Lavaux aufwuchs, führt Marylène Bovard den Familienbetrieb nun in fünfter Generation.

Auf ihre erfolgreiche Önologin ist die Region stolz. Sie gehört deshalb zu den zehn Personen, die auf dem geführten Stadtrundgang «Murten ganz persönlich» vorgestellt werden. Wie in einem Familienalbum taucht man dabei in Geschichten der Gegenwart und Vergangenheit ein. Und erfährt, dass Karl der Kühne an der Schlacht bei Murten von einem Jugendfreund besiegt worden ist. Oder dass es noch fünf Jahrhunderte später – bis ins Jahr 1977 – Frauen verboten war, am Murtenlauf mitzurennen. Die Begründung: Das mache unfruchtbar. Eine in Murten wohnhafte Holländerin akzeptierte dies nicht; 100 Meter vor dem Ziel wurde sie aus dem Rennen gezogen. Auch Dädu und seine Uhr sind Teil des Rundgangs. Er, der heute wie morgen in schwarzen Flipflops die Leiter ins Berntor hochkraxelt, durchs Fenster guckt und «einfach wunderschön» brummen wird. Und der dann von Hand das Uhrwerk aufzieht, damit in der ganzen Idylle die Zeit nicht stehen bleibt.

Top 5 Sehenswürdigkeiten

Auch in der Schweiz gibt es tropisches Klima: im Papiliorama in Kerzers.

Auch in der Schweiz gibt es tropisches Klima: im Papiliorama in Kerzers.

  

Stedtli mit Ringmauer Eine wunderschöne Aussicht auf Murten und die Region hat man von der Ringmauer, die das Stedtli umarmt. Vo dort schweift der Blick über den See zum Weingebiet Vully. www.regionmurtensee.ch

Papiliorama Kerzers Mehr als 1000 Schmetterlinge leben im Tropengarten. Sie flattern durch eine grüne Pflanzenwelt mit Palmen und Blumen. Auch Vögel wie Turakos oder Kragentauben beleben den 1200 Quadratmeter grossen Dom. www.papiliorama.ch

Weinkellerbesuch Vully Nach einem Spaziergang oder einer Velotour durch das kleinste der grossen Schweizer Weingebiete lassen sich in dessen Keller köstliche Tropfen geniessen. www.levully.ch

Museum Murten In der früheren Stadtmühle wird die Geschichte von Pfahlbauern und der legendären Schlacht bei Murten erzählt. www.museummurten.ch

Kunstausstellung Im öffentlichen Raum von Murten findet von Mai bis Ende Oktober die Ausstellung «Jetzt Kunst» statt.

Top 5 rund ums Wasser

Leinen los – der Murtensee lässt die Herzen von Süsswasserkapitänen höherschlagen.

Leinen los – der Murtensee lässt die Herzen von Süsswasserkapitänen höherschlagen.

   

Schifffahrt Wer in Murten an Bord geht, kann gleich drei Gewässer entdecken: Die Schiffe tuckern über den Murten-, Neuenburger- und Bielersee. www.navig.ch

Stand-up-Paddle Im eigenen Tempo lässt sich auf einem Stand-up-Paddle (SUP) durch das blau leuchtende Wasser paddeln. Wer richtig entschleunigen will, kann eine Yogastunde auf dem schwimmenden Brett buchen. www.dzin.ch

Kiten und surfen Zerrt der Wind am T-Shirt, heisst es: ab aufs Kite- oder Surfbrett. Wie die Luft am besten genutzt wird, zeigen einem die Profis von der «Bise Noire». www.bisenoire.ch

Längster Sandstrand der Schweiz Am westlichen Seeende, in Salavaux, baut man Sandburgen und streckt die Nase in die Sonne: Dort befindet sich nämlich der längste Sandstrand der Schweiz.

Wandern Zum sanften Geplätscher der Wellen kann man am Ufer des Murtensees entlang wandern. Zum Beispiel auf der Strecke von Praz nach Murten.

Top 5 Velotouren

Die Region rund um Murten lässt sich gemütlich mit dem Velo entdecken.

Die Region rund um Murten lässt sich gemütlich mit dem Velo entdecken.

  

Rund um den Murtensee Die Veloroute 480 führt von Murten durch die Winzerdörfer der Region Vully. Man fährt entlang von Feldern, pedalt durch Wälder und – wenn die Puste reicht – durch Rebberge auf den Mont Vully hoch.

Genussvoll unterwegs Mit der «Genusstour» fährt man mit dem Velo die kulinarischen Spezialitäten der Region an. Zum Beispiel ein Stück Nidelkuchen, ein Glas Vully-Wein oder ein Eglifilet. Das Package lässt sich bei Murten Tourismus buchen.

Velogolf Mit einem Swin-Golf-Schläger ausgestattet um den Murtensee kurven und dabei den Ball in 18 Löcher versenken. Schläger und Bälle sind bei «Rent a Bike» am Bahnhof Murten erhältlich.

Gemüsepfad Mit dem Velo lässt sich auf ausgeschilderten Routen der grösste Gemüsegarten der Schweiz entdecken.

«Herzroute» Von Laupen (BE) bis Romont (FR) führt die 56 Kilometer lange Veloroute durch die voralpine Schweiz. Mitten drin: Murten.

Top 5 Übernachtungen

Im Garten des Schlosses Münchenwiler kann man im Grünen übernachten.

Im Garten des Schlosses Münchenwiler kann man im Grünen übernachten.

   

Historische Bettruhe Im ältesten Gasthaus Murtens, im Hotel Adler, sind bereits Goethe und die Herzöge von Savoyen eingekehrt. Das Hotel hat seine Pforten erstmals 1396 geöffnet. www.adler-murten.ch

Schlafen im Kräutergarten Ein Bett steht im Kräutergarten des Schlosses Münchenwiler. Dort kann man bequem im Grünen übernachten und den Sternenhimmel beobachten. www.schloss-muenchenwiler.ch/hotel/bett-im-garten

Für Romantiker Am Fuss des Mont Vully und umgeben von Rebbergen, liegt das Dorf Sugiez. In einem ehemaligen Winzergebäude befindet sich das stimmungsvolle Hôtel de l’Ours. www.hotel-ours.ch

Für Zugvögel Beim Bahnhof Murten kommen Weitgereiste in einer persönlichen Atmosphäre im Bed & Breakfast «Perron 13» an: www.perron13.ch

Glamping In einem weitläufigen Park lässt sich in «La Pinte du Vieux Manoir» in einem Baum-, einem See- oder Bahnwärterhaus übernachten. www.vieuxmanoir.ch

Top 5 Sonnenterrassen

Die Sonnenterrasse des Hotels Mont Vully in Lugnorre lädt zum Verweilen ein.

Die Sonnenterrasse des Hotels Mont Vully in Lugnorre lädt zum Verweilen ein.

  

Restaurant Mont Vully Auf der Seeseite gegenüber von Murten gibt es im Restaurant Mont-Vully saisonale Küche – und eine bezaubernde Aussicht auf die Berner Alpen. www.hotelmontvully.ch

Restaurant Bel-Air Im Herzen des Weingebiets Vully, im Dörfchen Praz, steht das altehrwürdige Restaurant Bel-Air. Hier gibt es Eglifilet und im Ofen gebackenen Hecht. Zum Restaurant gehört ein eigener Weinkeller. www.bel-air-lac.ch

Restaurant Bad Muntelier Zu saisonalen Gerichten und frischem Fisch kann man im Restaurant Bad Muntelier den Blick übers Wasser schweifen lassen und sich entspannen. www.hotel-bad-muntelier.ch

Restaurant Schiff Murten Nur zehn Minuten zu Fuss vom Bahnhof Murten entfernt, lädt die Terasse des Restaurant Schiff zum Verweilen ein. www.hotel-schiff.ch

Restaurant Murtenhof & Krone In einem mittelalterlichen Patrizierhaus in Murten lässt man es sich im Restaurant Murtenhof & Krone gut gehen. www.murtenhof.ch

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