Transplantation

Isabelle Dinoire erhielt als erster Mensch ein neues Gesicht – ihr Tod lehrt die Medizin zweierlei

Leben mit einem neuen Gegenüber im Spiegel: Isabelle Dinoire wurde 2005 ein Gesicht transplantiert. Was folgte, war ein langer Leidensweg.

Leben mit einem neuen Gegenüber im Spiegel: Isabelle Dinoire wurde 2005 ein Gesicht transplantiert. Was folgte, war ein langer Leidensweg.

Isabelle Dinoire erhielt nach einem Unfall als erster Mensch ein neues Gesicht. Die Transplantation wurde als Sensation gefeiert, doch mit ihrem zweiten Leben begann ein langer Leidensweg. Inzwischen ist die Französin gestorben.

Isabelle Dinoire war den Ärzten für ihr neues Gesicht immer dankbar. Ihre Hündin hatte ihr Nase, Mund und Teile des Kinns weggebissen. Aber mit dem Antlitz eines Verstorbenen, das Chirurgen ihr 2005 transplantierten, konnte sie wieder essen, sprechen und ein weitgehend normales Leben führen. Als Sensation feierten Experten weltweit, dass die erste Gesichtstransplantation auf Anhieb so gut gelang. Hingegen lebten die Patienten nach den ersten Nierenverpflanzungen nur ein paar Monate. Und doch war Dinoires Ende gezeichnet von Leid. Wenige Monate vor ihrem Tod musste ihr das neue Gesicht sogar wieder abgenommen werden, wie das OP-Team im Januar 2017 erstmals öffentlich bekannt gab.

Obwohl die Französin Medikamente bekam, die ihr Immunsystem dämpften, griff ihr Abwehrsystem etwa einmal im Jahr das neue Gesicht in akuten Attacken an. Ärzte erkannten es sofort, weil sich ihre Haut rötete. Sie gaben hohe Dosen an Corticosteroiden gegen den zerstörerischen Angriff, so wie sie es auch tun, wenn der Körper eines Nierentransplantierten sich gegen das fremde Organ wehrt. Aber gut sieben Jahre nach der aufsehenerregenden Behandlung beobachteten die Ärzte in Dinoires Blut zusätzlich neuartige Antikörper, die sich gegen das Spendergewebe richteten. Eine schleichende Abstossung setzte ein. «Gegen diese haben wir bis heute keine wirksamen Medikamente», bedauert der belgische Arzt Benoit Lengele, der Dinoire 2005 mitoperiert hat. Die Abstossung führt dazu, dass das verpflanzte Gewebe immer weiter untergeht. Nekrose, nennen das die Ärzte und umschreiben damit, dass sich die Partien am Ende schwarz vor Fäulnis färben.

2015 müssen die Chirurgen deshalb die Unterlippe und Teile des rechten Kinns der Frau entfernen. Sie überlegen, die Fehlstellen mit einer zweiten Gesichtsverpflanzung zu schliessen, da entdecken sie bei den Voruntersuchungen einen Lungentumor. Im Januar 2016 entschliessen sich die Ärzte deshalb, das ganze Transplantat abzunehmen, da die immununterdrückenden Medikamente Dinoires Abwehr gegen den Krebs schwächen. Man kann davon ausgehen, dass die Entnahme des Gesichts ein schwerer seelischer Einschnitt für Dinoire war und dass das einst entstellte Gesicht nach all den Operationen nicht ansehnlicher geworden war. Drei Monate nach dieser OP erlag Dinoire ihrer Krebserkrankung.

Häufiger an Krebs erkrankt

«Wir wissen, dass bei einer Immunsuppression Tumore gehäuft auftreten. Es gibt den Verdacht, dass bei Dinoire der Tumor entstanden ist, weil sie ein verpflanztes Gesicht trug und immunschwächende Medikamente brauchte», sagt Marcus Lehnhardt, Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie am Universitätsklinikum in Bochum. Krebsepidemiologen beobachten bei Transplantierten mit wachsender Besorgnis «viel mehr Krebserkrankungen als erwartet», berichtet die schwedische Spezialistin Vivan Hellström vom Universitätskrankenhaus in Uppsala. «Die Tumoren wachsen ausserdem bei ihnen schneller, streuen häufiger und sind aggressiver. Die Patienten überleben seltener.» Starb Dinoire also an Krebs, weil sie ein fremdes Gesicht trug und deshalb Medikamente brauchte?

Die immununterdrückenden Arzneien erhöhen allgemein das Risiko für Tumore drastisch. Laut International Society for Heart and Lung Transplantation entwickeln fünfzehn Prozent der Transplantierten innerhalb von fünf Jahren einen Tumor. Nach zehn Jahren ist es sogar jeder Dritte. Allen voran zählt der weisse Hautkrebs dazu, aber auch bestimmte Formen des Blutkrebses, die sogenannten Lymphome, und Wucherungen im Mund- und Rachenraum, Gebärmutterhals- und Nierenkrebs sowie Darm- und Lungenkrebs. «Das kleinzellige Lungenkarzinom, das bei Dinoire auftrat, ist nicht ursächlich mit den Immunsuppressiva zu erklären», verteidigt Lengele, räumt aber ein, «da ihr Immunsystem gedämpft war, konnte es das Geschwür schlechter bekämpfen.»

Der Tod von Isabelle Dinoire lehrt die Mediziner zweierlei: «Mit einem transplantierten Gesicht kann man vielleicht fünfzehn Jahre leben», sagt Benoit Lengele und fügt hinzu, «das liegt im Bereich des Zeitraums wie mit einer Niere. Aber es bedeutet auch, danach muss es abgenommen oder ein neues Gesicht verpflanzt werden.» Und, die zweite Lektion, das neue Antlitz ist nicht ohne gesundheitlichen Preis: Die Transplantation erhöht wegen der immununterdrückenden Medikamente erheblich das Krebsrisiko an sich gesunder Personen. Allmählich stirbt das verpflanzte Gewebe ab. «All das hat den Optimismus in dem Feld etwas gedämpft», findet Lehnhardt.

Der chirurgische Eingriff von Isabelle Dinoires Gesichtstransplantation

Der chirurgische Eingriff von Isabelle Dinoires Gesichtstransplantation

Ausschnitt aus einer BBC-Dokumentation von 2006

Und es gibt noch einen anderen Umstand, der ihn nachdenklich stimmt: In Frankreich hat sich ein Patient nach einer Gesichtsverpflanzung das Leben genommen. Weshalb, ist nicht bekannt. Lengele meint: «Man sollte das nicht gegen die Gesichtstransplantation verwenden. Denn viele der Patienten leiden jahrelang unter der schweren Entstellung ihres Gesichtes. Sie verkriechen sich in ihren vier Wänden, manche begehen auch schon vor einer Transplantation Selbstmord.» Depressionen und Drogenmissbrauch sind unter den Unfallopfern häufig, weil sie vereinsamt, ohne Arbeit, manchmal sogar künstlich ernährt und beatmet leben.

«Das Gesicht und seine Funktionen verbessern sich mit der Transplantation immer», stellt dagegen Maria Siemionow, Gesichtschirurgin an der Cleveland Clinic in den USA, klar. Sie können wieder riechen, selbst atmen, essen und ihr Gesicht spüren. Auch die Fähigkeit zu sprechen und zur Mimik verbessert sich deutlich, schrieb der international führende Arzt Bohdan Pomahac vom Brigham and Women’s Hospital in Boston. Doch manche Patienten leiden auch nach der Operation unter der Entstellung und der seelischen Last. Und nicht immer ändern sie ihren Lebenswandel, verzichten auf Alkohol und Zigaretten. Dabei wäre es wichtig, damit ihre Gesundheit infolge des unterdrückten Abwehrsystems nicht leidet und das Transplantat nicht verloren geht.

In der Schweiz gab es bisher keine Gesichtstransplantation. Der Chirurg Hans-Florian Zeilhofer vom Universitätsspital Basel teilt jedoch mit, dass sein Team auf den Eingriff vorbereitet wäre und diesen in Kooperation mit erfahrenen französischen Kollegen ausführen könnte. Das Hauptproblem ist für ihn psychologischer Natur: «Ein Gesicht zu verpflanzen, ist etwas anderes als eine Niere. Der Empfänger sieht es jeden Tag und muss es als sein eigenes annehmen. Deshalb ist die psychologische Betreuung sehr wichtig.» Wenn sie mit ihrem neuen Antlitz zufrieden sind, achten die Patienten auch mehr auf ihre Gesundheit, glaubt er.

In ständiger Hab-Acht-Stellung

Mit dem neuen Gesicht müssen die Empfänger tatsächlich auch anders leben. Die Organempfänger wissen um die Einschränkung. Im Zug gehen sie nur mit Mundschutz und Handschuhen. Sie führen immer ein Desinfektionsmittel bei sich, das sie sofort nach dem Benutzen einer öffentlichen Toilette verwenden. Sie teilen weder Glas noch Flasche mit anderen Menschen. Es ist ein Leben in ständiger Hab-Acht-Stellung.

Mehr als 30 Gesichtstransplantierte gibt es weltweit. Es scheint unter den Experten unstrittig, dass sie dank des Spendergesichts an Lebensqualität gewonnen haben. Doch wissenschaftlich sauber dokumentiert ist das in den allermeisten Fällen nicht. Die Berichte, dass es den Patienten besser geht, stammen aus den Medien oder es sind Anekdoten, monierte Bohdan Pomahac in einer Veröffentlichung vom Januar 2017.

Nur in acht Fällen lägen standardisierte Erhebungen zur Lebensqualität zugrunde. Dabei mangelt es nicht an Instrumenten, diese zu ermitteln. Es wirft kein gutes Licht auf die Szene der Gesichtstransplanteure, dass zehn Fälle nie in einem geprüften Fachjournal veröffentlicht wurden, sondern nur über die Medien. «Ein Misserfolg wird natürlich nicht in einer Zeitschrift vorgestellt», sagt Marcus Lehnhardt dazu. Im Register für Gesichtsverpflanzungen in Lyon sind immerhin 29 der 37 Operationen erfasst. Es fehlen jedoch Eingriffe aus den USA, aus China, aus Russland. «Wir müssen alle voneinander lernen. Deshalb wäre es so wichtig, dass alle Fälle seriös publiziert werden. Das gehört zu unseren Hausaufgaben», fordert Benoit Lengele.

In anderen Ländern ist man daran, die Indikationen auszuweiten. In Polen wurde die Gesichtstransplantation kürzlich in einer Notfall-OP als Behandlung der ersten Wahl bei einem Unfallopfer ausgeführt, weiss Maria Siemionow und kritisiert: «Es muss die letzte Wahl sein, nachdem alle anderen Verfahren ausgeschöpft sind.» Auch Blinde wurden operiert, die ihr Gesicht nicht erkennen können, was Kontroversen auslöste. Einige Pioniere diskutieren sogar, ob nicht auch Kinder infrage kämen.

Die Operation von 20 Stunden ist noch immer ein experimentelles Verfahren. Die Ärzte waren erstaunt und haben gerade erst gelernt, dass das Gesicht nicht dem Spender gleicht, sondern auf dem Knochen des Empfängers eine neue Form annimmt. Sie haben herausgefunden, dass ein einziges Gefäss auf jeder Gesichtsseite ausreicht, um das neue Gewebe mit Blut zu versorgen. Und dass dieses fremde Gesicht allmählich verfällt und nicht lebenslang hält.

Noch 2013 hatte der Deutsche Marcus Lehnhardt bekundet, dass er und seine Kollegen sich darauf vorbereiteten, hierzulande ein Spendergesicht auf ein Unfallopfer zu übertragen. «Technisch wären wir dazu jetzt in der Lage. Wir haben die Protokolle», sagt er, aber sein Tenor ist viel verhaltener als damals: «Eine Gesichtstransplantation sehe ich bei uns eher kritisch. In Amerika ist der Wille, mit aller Gewalt alles zu machen, was technisch möglich ist, einfach ausgeprägter.» Wenn ein Patient hierzulande etwa an 70 bis 90 Prozent seiner Körperoberfläche, unter anderem im Gesicht, verbrannt wäre, lasse man ihn mitunter sterben.

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