«Wir haben seit einigen Jahren immer mehr Kinder, die immer mehr können», sagt Andrea Lanfranchi, Forschungsleiter an der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik, gegenüber der «Schweiz am Sonntag».

In einigen Kantonen beherrsche heute jedes dritte Kind bereits am ersten Schultag den Stoff, den es erst am Ende der 1. Klasse können sollte. Mehrere Studien, die in den vergangenen Jahren durchgeführt wurden, bestätigen diesen Trend.

Afra Sturm, Professorin für Deutschdidaktik an der Fachhochschule Nordwestschweiz, sieht die Ursache für die jungen Lese- und Schreibkünstler in den Kindergärten. Früher war es den Kindergärtnerinnen verboten, Buchstaben und Zahlen zu erwähnen. Das sollte den Schulen überlassen werden.

Heute ist das anders. Zeigt ein Kind Interesse an Büchern oder an Zahlen, darf es diese Freude nun schon vor der Einschulung ausleben. Doch längst nicht alles geschieht aus Eigeninteresse. Mami und Papi drängen ihren Nachwuchs zunehmend zu Höchstleistungen. «Viele Eltern von kleinen Kindern haben Angst, etwas Wichtiges zu verpassen», sagt der Psychologe und Heilpädagoge Lanfranchi.

Nach Englisch in der Spielgruppe könne man heute tatsächlich Frühchinesisch buchen, aber auch Schach für Kleinkinder oder «Violine ab 3». «Muss man schon als Baby Algebra lernen? Sicher nicht!»

Dieser «Frühförderungswahn» sei schädlich für die Entwicklung der Kinder. Das wohlgemeinte «Projekt Kind» könne die Heranwachsenden überfordern. «Das Gras wächst schliesslich nicht schneller, wenn man daran zieht», sagt Lanfranchi. Gleichzeitig gäbe es Eltern, die ihre Kinder zeitlich und finanziell nicht so unterstützen könnten, wie es nötig wäre.

Diese Entwicklung fordert auch die Lehrerinnen und Lehrer. Wenn das Gefälle innerhalb einer Klasse zu gross wird, droht der einen Gruppe Langeweile, der anderen Frust und Überforderung.

Die Lehrpersonen reagierten mit individualisiertem Unterricht, sagt Lehrerpräsident Beat Zemp zur Zeitung. Doch wenn die Klassen immer grösser würden, sei dies bald nicht mehr ausreichend möglich.

Zemp warnt deshalb vor den geplanten Kürzungen der Bildungsbudgets in den Kantonen. Neben grösseren Klassen spitze sich so auch der Mangel an Sonderpädagogen weiter zu.