Gentechnik

Keine Ausnahme für die Genschere

Mit dem Crispr-Verfahren ist es möglich, bereits im Genom der Pflanze vorhandene Resistenzen zu «wecken».

Mit dem Crispr-Verfahren ist es möglich, bereits im Genom der Pflanze vorhandene Resistenzen zu «wecken».

Auch Organismen, deren Genom mit der Crispr-Technologie manipuliert wurden, fallen unter die strenge europäische Gesetz-gebung. Genau wie Genmais.

Ein französisches Gericht hatte gebeten, die Frage zu klären, ob auch Organismen, die mit dem neuen Verfahren Crispr/Cas9 entstanden sind, unter die Gentechnik-Gesetzgebung fallen. Ja, sagte der EU-Gerichtshof gestern in seinem Urteil. In Frankreich hatte man darüber nachgedacht, für das neue Verfahren eine Ausnahme zu machen. Dagegen hatten Umwelt- und Landwirtschaftsverbände geklagt.

Das Verfahren läuft mittlerweile auch unter der Bezeichnung «Genschere» oder «Mutagenese». Es erlaubt präzise Eingriffe an den DNA-Strängen. Ältere Verfahren waren weniger elegant. Meist hatte man versucht, ein fremdes Gen ins Genom einer Pflanze einzuschleusen, um eine bestimmte Wirkung – zum Beispiel eine Resistenz gegen Schädlinge oder Krankheiten – zu erreichen. Dies mit dem Ziel, den Einsatz von Agrochemie zu begrenzen. Das hat der Mensch schon immer versucht durch Züchten und Kreuzen. Etwas anders liegt der Fall, wenn versucht wird, Pflanzen zu entwickeln, die gegen ein bestimmtes Pflanzenschutzmittel widerstandsfähig sind.

Gleiche Wirkung – gleiches Label

«Gentechnisch veränderte Organismen» (GVO) wurden bisher so definiert, dass fremdes Genmaterial in ihr Genom eingebaut worden ist. Bei der Mutagenese wird das Genom manipuliert, ohne dass fremdes Erbgut eingebaut werden muss. Der EU-Gerichtshof stellte sich auf den Stand, alle Organismen, deren Erbgut manipuliert worden sei, fielen unter diese Gesetzgebung. Produkte, die solche Substanzen enthalten, müssen mit «GVO» gekennzeichnet werden.

Das Argument lautet, dass es keine Rolle spiele, ob ein bestimmter Zweck mit der Einführung eines fremden Gens oder mit der Manipulation eines bestehenden Genoms erreicht werde. Gleiche Wirkung, gleiches Recht – daher müsse auch hier das Vorsorgeprinzip gelten.

«Gentechnik ist, wenn das Genom verändert wird.» Das klingt schlüssig. Es gibt trotzdem Unterschiede zwischen den Methoden. Beim sogenannten bt-Mais hat man Gene des Bodenbakteriums Bacillus thuringensis in eine Maissorte eingebaut. Das Bakterium produziert Giftstoffe, welche die Larven bestimmter Insekten abtöten. So hat man verhindert, dass der Mais von den Larven von Schädlingen wie des Maiszünslers befallen wird. Der Mais gibt nun aber nicht das Toxin selbst ab, sondern produziert einen Vorläufer-Stoff, der erst im Darm der Raupe aktiviert wird und dann tödlich wirkt. Dieses Verfahren nennt man «Transgenese».

Mit dem Crispr-Verfahren ist es möglich, bereits im Genom der Pflanze vorhandene Resistenzen zu «wecken». Indem man das Genom so manipuliert, dass ein bestimmtes Gen zu einer bestimmten Zeit exprimiert wird. Das heisst, die Produktion eines bestimmten Enzyms einleitet, mit dem unter Umständen eine Kette von Massnahmen ausgelöst wird, die dann die gewünschte Resistenz erzeugt. Insofern gleicht dieses Verfahren eher der – immer schon praktizierten – Züchtung. Dort probiert man mit der Kreuzung bestimmter Arten, das Merkmal auf die gewünschte Pflanze zu übertragen. Oder man versucht, mit Bestrahlung oder Chemie die gewünschten Mutationen auszulösen.

Auch Crispr nicht ohne Probleme

Auch die «Genschere» hat ihre Tücken und ist nicht ohne Risiken. Das Problem liegt darin, dass sie auf molekularbiologischer Ebene wirkt. Die traditionelle Genetik ging davon aus, dass das «Gen» ein mehr oder weniger genau abgegrenzter Abschnitt auf der DNA-Sequenz ist und für ein bestimmtes Enzym codiert. Dass ein Gen für eine Eigenschaft steht, diese schöne Gleichung gilt schon lange nicht mehr.

Sicher ist nur, dass ein Genom einen bestimmten Organismus hervorbringt. Wie das molekularbiologisch geht, hat man noch nicht ganz verstanden. Eigentlich wird «das Gen» erst im Ableseprozess in der Zelle «ediert». Man spricht vom «intelligenten Genom» oder von «natural genetic engineering», indem das Genom Enzyme produziert, die seine eigene genetische Grundlage wieder manipulieren.

Diese komplexe Interaktivität zu durchschauen, übersteigt noch die Möglichkeiten der Wissenschaft. Aber mit dem Crispr-Verfahren hat man trotzdem einen wichtigen Schritt gemacht. Die bisherigen Verfahren waren «blinder» und zufälliger. Vielleicht könnte man auch sagen, dass das Crispr-Verfahren eher dem Vorgehen der Evolution ähnlich ist. Ein «Gen» im traditionellen Verständnis wird dann bemerkbar, wenn sich eine bestimmte Eigenschaft (ein Fitnesskriterium) in einer Population verbreitet. Dann sieht man «den Unterschied» – und das Gen wird auf molekularbiologischer Ebene sichtbar als «what makes a difference».

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