Es ist eine der ältesten Debatten, die in der Schweiz geführt wird. Und so alt sie ist, so sehr spaltet sie noch immer die Gemüter von Politik und Volk: die Legalisierung von Cannabis. Heute kifft der Banker genauso wie der Handwerker oder der Student.

Geht es nach Schätzungen des Bundesamts für Statistik, rauchen rund 500'000 Schweizerinnen und Schweizern regelmässig einen Joint. Die Stiftung Sucht Schweiz geht sogar davon aus, dass mehr als ein Viertel der Schweizer Bevölkerung ab 15 Jahren bereits Erfahrungen mit dem Konsum von Cannabisprodukten hatte.

Die globalen Entwicklungen der vergangenen Jahre hat der Diskussion um eine Aufhebung des Cannabis-Verbots in der Schweiz neuen Schub gegeben. Als erstes Land überhaupt legalisierte Uruguay Ende 2013 den Anbau und Verkauf von Marihuana unter staatlicher Kontrolle.

2014 verabschiedete auch der US-Bundesstaat Colorado ein Gesetz, das den Verkauf von Cannabis an Bürgerinnen und Bürger über 21 Jahren offiziell erlaubt. Ein Jahr später folgte Washington D.C. dem Beispiel und legalisierte den Anbau und Konsum der Droge.

Gras aus der Apotheke

Jetzt gibt es auch in der Schweiz gute Nachrichten für Freunde des gepflegten Joints. Ein Pilotprojekt der Berner Stadtregierung schürt neue Hoffnung auf eine Legalisierung von Cannabisprodukten. Ausgewählte Apotheken in der Bundesstadt sollen versuchsweise Marihuana an bis zu 1000 Kifferinnen und Kiffer verkaufen.

Marihuana bald in Berner Apotheken – das sagt der Berner Direktor für Sozial- und Präventivmedizin

Marihuana bald in Berner Apotheken – das sagt der Berner Direktor für Sozial- und Präventivmedizin

Bern - 14.3.16. - In der Stadt Bern sollen Apotheken versuchsweise Cannabis an eine Gruppe  von bis zu 1000 Kiffern verkaufen. Die Stadtregierung hat die Uni Bern mit der Erarbeitung eines entsprechenden Forschungsprojekts beauftragt.

«Schweizweit konsumieren zweimal so viele Menschen Cannabis wie in der Stadt Bern leben, und alle schauen weg», erklärte Gemeinderätin Franziska Teuscher am Montag vor den Medien und fügte an: «Das kann einfach nicht sein. Ich will diesem scheinheiligen Zustand etwas entgegenhalten.»

Mit der Durchführung des Forschungsprojekts beauftragt wurden Wissenschafter des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern. Sie haben bereits mehrere Vorgespräche mit dem Bundesamt für Gesundheit geführt und erarbeiten nun ein Untersuchungskonzept nach den Rahmenbedingungen der Stadtregierung. Diese sehen vor, dass die Studienteilnehmer mindestens 18 Jahre alt sind, regelmässig Cannabis konsumieren und ihren Wohnsitz in der Stadt Bern haben.

«Wir wollen einen Kiffer-Tourismus vermeiden und niemanden zum Konsum animieren», erklärt Matthias Egger die Einschränkungen bei den Studienteilnehmern. Egger ist der Direktor des Instituts und leitet die Untersuchung. Er ist überzeugt, dass das Berner Forschungsprojekt Hand bieten kann, um ein funktionierendes Modell für einen legalen Verkauf von Cannabisprodukten zu schaffen.

Die Haltung der Schweiz zum Thema Cannabis bezeichnet der Medizinprofessor als unglücklich. «Kiffer sind heute in der Gesellschaft absolut integriert», sagt Egger. «Statt ein Glas Wein zu trinken, rauchen viele halt lieber einen Joint.»

Noch wird es mehrere Monate dauern, bis genügend Probanden ausgewählt sind und der Verkauf von Cannabis in Berner Apotheken anlaufen kann. Dann wird Eggers Forschungsteam Messungen auf verschiedenen Ebenen durchführen.

Mittels persönlicher Interviews und Fragebogen geben die Teilnehmer darüber Auskunft, wie sie die neue Form des Cannabisbezugs erleben. «Das gibt uns Aufschluss darüber, ob der Konsum zu- oder abnimmt», erklärt Egger. Ebenfalls herausfinden wollen die Forscher, ob durch den straffreien Drogenerwerb eventuell mehr medizinische Probleme auftauchen.

Auch die Polizei spielt beim Forschungsprojekt eine entscheidende Rolle. Ihre Beobachtungen des Schwarzmarkts für Cannabisprodukte leisten während der Untersuchungsdauer einen wichtigen Beitrag. «Hier interessiert uns, ob es durch den legalen Bezug in der Apotheke weniger Dealer gibt und wie sich die Preise auf dem Schwarzmarkt verändern», so der Medizinprofessor. Zu guter Letzt fliessen auch die ausgestellten Bussen wegen Drogenbesitzes in die Ergebnisse mit ein. Die Probanden des Forschungsprojekts sind gegen solche gefeit, sie bekommen einen speziellen Ausweis.

Über Cannabis: Eher falsch oder eher wahr?

Die Wissenschaft weiss noch nicht recht, was THC in unseren Gehirnen wirklich anstellt. Über Wirkungen und Folgen das Kiffen hat, ist deshalb heftig umstritten. Prüfen Sie selbst, ob Sie mit Ihren Annahmen eher falsch oder richtig liegen.

Ist der Konsum von Hanfprodukten gefährlich?

Eher falsch

Eher wahr

Macht der Konsum von Hanfprodukten süchtig?

Eher falsch

Eher wahr

Hat Cannabis schädliche Nebenwirkungen?

Eher wahr

Eher falsch

Kann Cannabis Krebs verursachen?

Eher falsch

Eher wahr

Kann ich beim Kiffen eine tödliche Überdosis erwischen?

Eher falsch

Eher wahr

Ist Cannabis harmlos?

Eher falsch

Eher wahr

Macht Kiffen lustlos und beschädigt die Motivation?

Eher wahr

Eher falsch

Quiz: Über Cannabis - Eher falsch oder eher wahr?

Andere Städte zeigen Interesse

Nicht nur Bern, gleich mehrere Städte – darunter auch Zürich, Genf und Basel – zeigen Interesse am Pilotprojekt für den regulierten Zugang zu Cannabis. In Genf diskutiert man derzeit eine alternative Form des legalen Vertriebs von Marihuana: die sogenannten Cannabis Social Clubs. Das sind Vereine, die den gemeinschaftlichen Anbau einer limitierten Menge Hanf für den persönlichen Bedarf erlauben.

Die aktuellen Entwicklungen freuen auch die Stiftung Sucht Schweiz. «Wir begrüssen das Forschungsprojekt in Bern», erklärt Mediensprecherin Monique Portner-Helfer. «Es wichtig, dass eine Koordination zwischen den Städten und Kantonen stattfindet.» Die gemeinnützige Stiftung ist ebenfalls der Ansicht, dass Bestrebungen, wie sie in Bern unternommen werden, aus gesellschaftlicher Sicht wichtig sind. Insbesondere die Abgabe über Apotheken hält Portner-Helfer für sinnvoll. «Die Substanzen werden professionell kontrolliert. Die Konsumierenden wissen – anders als auf dem Schwarzmarkt – genau, was sie bekommen.»

Sollte Cannabis in der Schweiz eines Tages tatsächlich legalisiert werden, sieht die Mediensprecherin vor allem eine Gefahr: «Es ist wichtig, Regulierungsmodelle zu verfolgen, die eine gute Marktkontrolle ermöglichen.» Ein kommerzieller Vertrieb, wie er heute im US-Bundesstaat Colorado stattfindet, berge die Gefahr einer Lobby-Bildung, die wiederum gegen gesundheitspolitische Anliegen arbeiten würde. Doch so weit sind wir noch nicht. Und Kiffen bleibt verboten – vorerst.