Umweltschutz

Klimawandel: Er kümmert uns erst, wenn es zu spät ist

Der Lac des Brenets im Neuenburger Jura im September: Der Wasserpegel lag sieben Meter tiefer als üblich.

Der Lac des Brenets im Neuenburger Jura im September: Der Wasserpegel lag sieben Meter tiefer als üblich.

Der Sommer 2018 war ein Hinweis auf den Klimawandel. Die meisten von uns haben ihn dennoch in vollen Zügen genossen. Das ist, wie eine Cremeschnitte zu essen, findet ein Umweltpsychologe.

Noch jetzt, wo morgens manchmal wieder Nebel in den Tälern liegt, schwärmen die Leute vom vergangenen Sommer. Erzählen von der Nacht, als sie die Sofakissen nach draussen trugen und bis drei Uhr morgens unter dem Sternenhimmel lagen. Erzählen von diesem herrlichen Bergsee, in den sie eingetaucht sind, weit oben, dort wo das Wasser sonst eigentlich eisig ist. «Ich fand den Sommer toll», sagte ein Familienvater, «ich bin ein Palmenfan, und die beiden Palmen in unserem Garten gediehen prima.»

Dieser Sommer hat uns glücklich gemacht. Das ist keine Hypothese. Es ist wissenschaftlich belegt, dass uns viel Sonnenlicht psychisch gesund hält. Es soll sogar vor Herzinfarkten und der Bildung von Tumoren schützen. Tageslicht aktiviert erwiesenermassen die Ausschüttung der zufrieden und wach machenden Hormone Serotonin und Cortisol und ermöglicht die Bildung von Vitamin D.

Ausserdem entspannt uns die Wärme. Wer in einem gut klimatisierten Büro arbeitete oder sich in klimatisierten Fahrzeugen fortbewegte, konnte die brütende Hitze umgehen und abends die Wärme geniessen. Wer tagsüber doch draussen war, war es meist in der Freizeit und nicht als Bauer oder Bauarbeiter. In der Freizeit ist schönes Wetter immer gut.

Nicht zuletzt machen soziale Kontakte glücklich. Gelegenheit für solche gab es mehr denn je: Wir waren oft draussen, begegneten uns auch zufällig, ohne Einladung zum aufwendigen Znacht. Kurz gesagt: Wir lebten das gute, mediterrane Leben. Mit einem Glas Wein in der Hand sagte schon mal einer: «Von mir aus kann es in der Schweiz auch weniger Gletscher haben, wenn wir dafür öfter solche Sommer haben.»

Die Dürre ist schon vergessen

Genau, da war noch was. Gletscherschwund. Klimawandel. Aus diesem Grund sind Sommer wie der vergangene keine Seltenheit mehr. Aber auf unsere Stimmung hat das Wissen um den Klimawandel nicht gedrückt. Ein schöner Sommer, auch wenn er zu heiss ist, lässt uns den Klimawandel nicht fürchten. Das weiss auch der Schweizer Umweltpsychologe Florian G. Kaiser von der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg. Er sagt: «Ein Sommertag ist per se ein positives Ereignis. Die negativen Folgen spüren wir nicht.» Die Regale in den Lebensmittelläden blieben ja voll. Selbst wenn manches etwas teurer, weil knapper würde, könnten wir es uns noch leisten.

Die Trockenheit haben die meisten Schweizer nur gesehen, nicht gespürt: Bilder der drei Tonnen tot aus dem warmen Rhein gefischten Äschen zum Beispiel. Oder die braunen Wiesen. Das tat ein bisschen weh, aber wir vergassen es wieder. Der Mensch, glaubt Kaiser, sei einfach so. Spüren wir keine negativen Auswirkungen im Alltag, dann bleiben wir glücklich. Manchmal werden wir sogar zufriedener, wenn wir gleichzeitig hören, wie es anderen weit weg schlechter geht: Die Schadenfreude ist dem Menschen angeboren.

«Ich mag Naturgewalten»

Heinz Gutscher, Sozialpsychologe an der Uni Zürich, sagt: «Wir sind seltsame Konstrukte, dass wir so wirksame Verleugnungsmechanismen in Gang setzen können.» Florian G. Kaiser versucht, den Mechanismus mit einer Cremeschnitte zu erklären. «Die meisten von uns denken, wenn sie eine Cremeschnitte essen, auch nicht gleichzeitig an ihre Herzkranzgefässe. Sie beissen lustvoll rein.» Mit einem schönen Sommer sei das nicht anders. «Die Folgen einer solchen Hitze müssen wir uns extra bewusst machen, genau wie jene von ungesunder Ernährung», sagt der Psychologe. Anders gehe es nicht.

Er ist allerdings pessimistisch, dass wir das je tun werden. «Die Wetterereignisse müssen negativ sein, damit uns der Klimawandel ernsthaft Sorgen macht. Es muss Stürme geben, matschige Winter oder Fluten.» Kennen oder fürchten tun wir solches noch nicht wirklich. In einer Rauchpause sagte diese Woche ein Kollege: «Ich mag Naturgewalten. Das ist spannend.» Da wütete in Florida gerade Hurricane «Michael».

Wenn es dann aber in unseren Breitengraden zu solchen Katastrophen komme, sagt Gutscher, sei es zu spät. «Dann ist das drei Grad oder noch wärmere Klima Realität und für Hunderte oder Tausende von Jahren nicht rückgängig zu machen.» Die Szenarien der Klimaforscher weisen genau darauf hin. Der Sonderbericht des Weltklimarates IPCC, der am Montag erschien, warnte davor, dass die Schreckensszenarien schon bei einer Erwärmung von 1,5 °C eintreten: Zerstörung der Korallen, Eisschmelze in der Arktis, Überflutung von Küsten, weniger Fischfang, Fluten im Inland, Ernteverluste, Konflikte.

Bis dahin bleiben wir Optimisten. «Der Mensch nimmt es generell, wie es kommt und handelt möglichst erst, wenn es wirklich einen selbst trifft», sagt Gutscher.

Start einer globalen Bewegung

Einer, der sich mit der Psychologie des Klimawandels ebenfalls auskennt, sagt: «Ich kann das nicht mehr hören: Der Mensch ist halt so. Das ist zu einfach.» Marcel Hänggi hat Bücher zum Umgang mit dem Klimawandel geschrieben und ist Initiant der Gletscherinitiative. Diese fordert vom Bund, dass er das Klimaabkommen von 2015 in Paris konsequenter umsetzt.

Hänggi findet nicht, dass der Mensch «halt so» sei, sondern dass es darum gehe, wer in der Welt das Sagen habe. «Die Energiekonzerne haben weltweit eine gigantische Macht und üben sie auch auf die Meinungsmacher aus.» Das führe dazu, dass es heisse, der Klimawandel sei zwar schlimm, aber die Massnahmen dagegen seien zu schlimm. «Das ist Angstmacherei. Bei der Energieabstimmung letztes Jahr hiess es beispielsweise, man müsse nach einem Ja kalt duschen.»

Auch die Wortwahl beziehungsweise die Verknüpfung mit Positivem oder Negativem spielt eine Rolle bei der Psychologie des Klimawandels: Im Jahr 2009 befragten US-Forscher Republikaner, ob sie bereit wären, eine Gebühr für die Reduktion von CO2 zu bezahlen. 65 Prozent stimmten dem zu, wenn diese «Carbon Offset» (CO2-Ausgleich) genannt wurde, aber nur 27 Prozent, wenn sie als «Carbon Tax» (CO2-Steuer) bezeichnet wurde.

Wer kein Auto hat, fliegt mehr

Hänggi ist der Überzeugung, dass die Energiewende vor allem mit solchen Massnahmen via Politik erreicht werden kann. «Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen müssen sich ändern. Wir müssen alle weg von Erdöl und Kohle.» Was einer privat an CO2 sparen könne, sei schön und gut, aber die paar Tonnen würden nicht ins Gewicht fallen. Immerhin macht es den Einzelnen glücklich, wenn er endlich so lebt, wie er im Kopf schon lange weiss, dass er sollte.

Und das lähmende Gefühl der Machtlosigkeit ist dann überwunden. Ein solcher Frust, dass sich die Menschheit sowieso gegen die Wand fahre, verleitet uns ironischerweise dazu, nicht nur nichts zu tun, sondern uns noch schädlicher zu verhalten. Das tut auch der Rebound-Effekt, einfach unbewusst: Leute, die kein Auto besitzen, fliegen mehr, weil sie finden, sie hätten ja schon etwas Gutes für die Umwelt getan. Oder man lässt Energiesparlampen länger brennen.

Hänggi ist kein Pessimist. «Man muss den Leuten die Bedrohung durch den Klimawandel nur noch stärker bewusst machen, damit sie handeln.» Dann könnte aus den verstreuten Bewegungen zur Reduktion des CO2-Ausstosses plötzlich eine globale Bewegung werden. «Vielleicht hat die Divestmentbewegung das Zeug dazu», sagt er. Divestment bedeutet der Abzug von Investitionen aus Unternehmen, welche fossile Energie fördern, verarbeiten und verkaufen.

Die Institutionen, Städte oder Unternehmen, die das weltweit tun, wollen damit nicht nur das Klima schützen, sondern fürchten auch, diese Aktien könnten einst wertlos sein, wenn die Welt auf fossile Energieträger verzichtet. In Anlehnung an die 2008 geplatzte Immobilienblase ist von der Kohlenstoffblase die Rede.

Kein Erst-Welt-Problem

Einer hat an einem dieser lauen Sommerabende auch gesagt: «Wir diskutieren nur über Bio, Plastik und CO2, weil wir uns umweltbewusstes Verhalten leisten können. Und weil wir keine anderen Sorgen haben.» Hänggi widerspricht: «Es gibt gerade in Entwicklungsländern starke Umweltbewegungen. Denn dort leben die Menschen, die den Klimawandel schon heute am eigenen Leib erfahren. Beispielsweise in Indien, wo sich der Monsun dramatisch verschiebt, an den einen Orten zu stark und an anderen gar nicht mehr auftritt.»

Dort, wo der Klimawandel nicht primär schöne Sommer bedeutet, sondern Dürre, Stürme und Fluten, hat er messbare Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Leute. Dazu gibt es Studien, eine aus den USA erschien letzte Woche mit dem Fazit: Steigt die durchschnittliche monatliche Temperatur von 25 bis 30°C auf über 30°C an, nehmen psychische Leiden zu.
So richtig kalt lässt das heisse Klima aber auch die Schweizer nicht. In der letzten Umfrage des Sorgenbarometers der Credit Suisse 2017 waren die Umweltfragen erstmals unter den Top-10-Problemen zu finden – an sechster Stelle nach Arbeitslosigkeit, AHV/IV, Gesundheit, Europa und Wirtschaftslage.

Hänggi sagt, er habe diesen Sommer auch genossen. «Wenn die Hitzewelle nicht ein sehr schlechtes Zeichen gewesen wäre, hätte ich ihn noch mehr geniessen können.» Hoffen wir also auf einen kalten, schneereichen Winter. Er würde den Klimawandel nicht ungeschehen machen. Aber wir würden beim Skifahren nicht daran erinnert.

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