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Kulinarische Tour: Wo London durch den Magen geht

Die britische Hauptstadt ist die am häufigsten besuchte Destination Europas, sie lockt jährlich fast 20 Millionen Reisende an. Wer sich auf eine kulinarische Tour aufmacht, wird überrascht und reichlich belohnt.

Knallkörper ertönen im Zehn-Sekunden-Takt. Rote Laternen wehen im Wind, ein süss-saurer Duft liegt in der Luft. Die verregneten Strassen sind voller Menschen. Von weitem sind Trommelschläge und der Klang von Tschinellen zu hören. Sie werden immer lauter. Sicherheitspersonal treibt die Menge aufs Trottoir. Die Leute drängen auf die Strasse, um einen Blick auf die violetten und roten Löwenfiguren zu erhaschen, die rhythmisch zur Musik durch die Stadt wirbeln.

Der Umzug zur Feier des chinesischen Neujahrs ist in vollem Gang. Fast scheint es, als befinde man sich im Reich der Mitte. Wäre da nicht der typische Londoner Nieselregen, für den das Vereinigte Königreich so bekannt ist wie für die Queen oder für die roten Doppeldeckerbusse.

In der britischen Hauptstadt findet jedes Jahr die grösste chinesische Neujahrsfeier ausserhalb Asiens statt. Viele Touristen, die sich an diesem Sonntag Anfang Februar im Stadtteil West End aufhalten, treffen völlig unerwartet auf die Feierlichkeiten. Passanten zücken Handys, bestaunen die Parade und probieren Dim Sums und sonstige asiatische Leckerbissen an den zahlreichen Essständen in Chinatown. Auch ich bin einer dieser Touristen, mische mich unter die Schaulustigen und lasse mich vom Fest mitreissen. «Happy New Year», erwidere ich immer wieder den vielen fröhlich winkenden und festlich gekleideten Umzugsteilnehmenden. Es ist schön, Neujahr in London nochmals zu feiern.

London hat mich seit meinem ersten Besuch vor zehn Jahren in seinen Bann gezogen. Neben den bekannten Sehenswürdigkeiten machen das Unerwartete und die Flut an Möglichkeiten – sei es kulinarisch oder kulturell – zu etwas Besonderem. Die Stadt überrascht – auch beim 20. Besuch. Wenn man die touristischen Hotspots wie das London Eye, den Buckingham-Palast und das Nobelkaufhaus Harrods gesehen hat, ist man bereit, in ein etwas authentischeres London einzutauchen. Das ist auch mein Vorsatz für diesen Wochenendtrip.

Hier kauft Axl Rose ein

Ich starte unweit der geschäftigen Oxford Street mit den berühmten Markenhäusern und den trendigen Modeketten. Hier liegt die etwas weniger bekannte Carnaby Street. Dort und im Stadtviertel Soho befinden sich verschiedene Läden, die Kleider, Schmuck, Kunsthandwerk und Souvenirs anbieten. In einer Nebenstrasse der Carnaby Street liegt etwa eine Filiale des Schmuck-Herstellers «The Great Frog», der vor allem mit seinem Konzept beeindruckt. In der Vitrine ausgestellt sind Silber- und Goldringe, die Totenköpfe, Schlangen oder den Schädel einer Antilope zeigen. In der Rockszene ist das Geschäft eine bekannte Adresse. An den Wänden hängen Bilder von Bands wie Guns N’ Roses oder Iron Maiden. Die prominenten Rocker bestellen den Schmuck nicht nur, sie lassen sich ab und zu sogar im Laden blicken, verrät uns der Store Manager. Aussergewöhnlich ist neben der illustren Kundschaft auch die Produktionsstätte. Sie befindet sich gleich hinter der Verkaufstheke in einem grossen gedeckten Hinterhof. Dort stellt die Schmiede die Artikel her, die die Kunden eben im Laden in Auftrag gegeben haben.

Fish and Chips einmal anders

Auf dem Bummel durch das Soho-Viertel stossen wir auch auf den Soho Vegan Market in der Rupert Street, der jeden Samstag stattfindet. Der Markt existiert erst seit April 2018. Vegane Pizza mit speziellem Pesto-Dip, eritreische Spezialitäten aus Linsen oder vegane Muffins und Kuchen locken ein breites Publikum an. Am meisten Aufmerksamkeit zieht der Stand von zwei jungen Männern auf sich. Sie interpretieren das britische Nationalgericht neu und verkaufen vegane Fish and Chips. Überraschenderweise sieht das, was nach ein paar Minuten aus der Fritteuse gefischt wird und neben den Chips, dem Erbsenpüree und der Tatar-sauce auf dem Teller landet, dem Original verblüffend ähnlich. Geschmacklich unterscheidet es sich jedoch. Eine Blüte ist kein Fisch, auch wenn die Konsistenz ähnlich anmutet. Nichtsdestotrotz mundet mir die vegane Variante. Meine Begleiterinnen bleiben jedoch skeptisch.

Das Klischee, dass Grossbritannien eine miserable Küche hat, geistert nach wie vor in den Köpfen herum. Auf London trifft das aber garantiert nicht zu. Die Vielfalt der Kulturen und Bewohner spiegelt sich auch im kulinarischen Angebot wieder. Aufgrund der grossen Auswahl müssen die Restaurants aber nicht nur mit gutem Geschmack überzeugen. Dem asiatischen Restaurant Inamo gelingt das zum Beispiel fabelhaft mit seinen Filialen in den Vierteln Soho, Covent Garden und Camden. Wir lassen uns am ersten Abend von den japanischen, chinesischen, koreanischen und thailändischen Gerichten überzeugen. Mein Kollege und ich sind so begeistert von der Sushi-Rolle aus Avocado in Form eines Drachens, dass wir es fast nicht übers Herz bringen, das Kunstwerk zu zerstören. Doch das eigentliche Highlight ist die Projektion auf den Tischen. Damit lassen sich wie mit einem Tablet via Touchscreen auf dem Tisch die Speisen anschauen und bestellen. Die Gäste können damit auch einen Blick in die Küche werfen, Memory spielen oder sich über die Ausgehmöglichkeiten in der Umgebung erkunden, während sie auf das Essen warten. Es dauert nicht lange und ein Teller Oktopusbällchen steht auf dem Tisch. «Wer hat das bestellt?», will die Tischnachbarin wissen. Alle zucken mit den Achseln. Die Kellnerin entlarvt schliesslich meinen Kollegen. Er hat die Speise aus Versehen angeklickt und bestellt. «Nicht schlimm», sagen der Kollege und ich wie aus einem Mund. Der Teller leert sich in wenigen Minuten.

Wer mehr auf seine Linie achtet und dazu auch noch ein schönes Bild als Erinnerung haben will, sollte die Avo-Bar besuchen, Londons erstes Avocado-Restaurant. Die Schlange am Sonntagmittag vor dem Lokal an der Henrietta Street in Covent Garden zeugt von der Beliebtheit des Restaurants. Wir erhalten Gottseidank einen Tisch. Ich bestelle die Spezialität des Hauses, den Avo-bun Burger. Der Süsskartoffel-Linsen-Taler ist statt zwischen zwei Brötchenhälften zwischen zwei Avocado-Hälften eingeklemmt. Eine Kräuter-Kokossauce und ein Krautsalat runden das Gericht ab. Der Teller gibt ein schönes Bild her. Das wissen auch die Londoner Influencer. Zuhauf werden Fotos vom Essen geschossen. Der Biss in den Avocado-Burger ist dann aber etwas enttäuschend. Dem Gericht fehlt es an Gewürz und Pepp.

Auf die Menge herabblicken

Die heimliche Lieblingsmahlzeit der Briten ist aber nicht der Brunch und auch nicht das Abendessen, sondern der Afternoon Tea. Viele Restaurants und Hotels zelebrieren diese Tradition, die auf Lady Bedford, eine Hofdame von Queen Victoria, zurückgeht. Diese war zwischen Mittag- und Abendessen immer sehr hungrig und so liess sie sich gegen 16 Uhr Tee, Brot und Butter servieren. Mit der Zeit kamen Kuchen, Sandwiches sowie Freunde hinzu. Während wir im Doppeldeckerbus Tee schlürfen und Scones mit Marmelade und Clotted Cream verspeisen, passieren wir die Westminster Bridge und blicken auf die Menge herab.

Damit der Aufenthalt nicht zur reinen Konsumreise verkommt, steht noch der Besuch von «Dennis Severs’ House» an. In der Folgate Street in den Spitalfields im östlichen London befindet sich das unscheinbare Gebäude. Sprechen darf man nicht in dem mit Kerzenlicht beleuchteten Haus. Die ehemals von hugenottischen Einwanderern bewohnte Liegenschaft wurde vom britischen Künstler Dennis Severs in ein «Stillleben-Drama» verwandelt. Düfte, Stimmen und Geräusche, angegessene Gerichte, ungemachte Betten und eine echte schwarze Katze in den üppig ausgestalteten Räumen geben einem das Gefühl, als hätten die einstigen Bewohner das Haus erst vor kurzem verlassen und könnten jede Sekunde wieder erscheinen.

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Autor

Sibylle Egloff

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