Fünf Haie schlängeln sich an meinem Körper entlang, als ob die eineinhalb Meter langen Tiere nicht genug von den Berührungen bekämen. Sie holen sich Streicheleinheiten: den rauen Rücken entlang über die harte Finne, an den weichen Kiemen vorbei zum elastischen Bauch.

Die Fischbröckchen, die sie anlockten, sind längst verschlungen, trotzdem suchen die Ammenhaie unsere Nähe. Sollte ich je mit Delfinen schwimmen: Dieses Erlebnis müssen sie erst einmal toppen.

Yellow freut sich mit uns. Der junge Bahamaer ist Teil der Zwei-Mann-Crew, die unsere Gruppe mit dem Speedboot zu den Exumas-Inseln fährt. Die Bahamas umfassen mehr als 700 Inseln, von denen nur 30 bewohnt und 16 touristisch erschlossen sind. Kolumbus betrat hier mit seinen Konquistadoren erstmals Land. Sie nannten die Gewässer um die Inseln Baja Mar (spanisch für flaches Meer), woraus später der Name Bahamas wurde.

Wie herzig ist das denn?

Unser Weg führt uns zu den berühmtesten Bewohnern der Inseln: den schwimmenden Schweinchen. Viele Besucher kommen nur ihretwegen auf die Bahamas. Auch wer sich vorerst über die Anziehungskraft dieser Tiere wundert, ist spätestens beim gemeinsamen Schwimmen mit ihnen hingerissen.

Die rosigen, teilweise sandverschmierten Rüsselchen, die aus dem glasklaren, türkisfarbenen Wasser ragen, die wackelnden Ohren hintendrein, die heftig paddelnden Beine – und das Ringelschwänzchen stets über Wasser. Wie die Schweinchen auf die karibischen Inselgruppen kamen, ist nicht klar. Vermutet wird, dass hier Menschen lebten und sie als Haustiere hielten. Als die Bewohner umsiedelten, blieben die Schweine zurück.

Anders als bei den Haien gibt uns Captain C. J. vor dem Bad mit den Vierbeinern Verhaltenshinweise: Wenn sie zu nahe kommen, gilt es heftig zu spritzen und nicht an die Rüssel zu fassen, denn manche Schweine könnten beissen. Unser Zögern deutet er richtig. «Was denn? Rein ins Wasser mit euch! Schliesslich seid ihr deswegen hergekommen», ruft er und grinst. C. J. kennt seine Klientel und weiss, was sie braucht.

Zum Beispiel etwas zu essen. Er macht nicht nur den besten Conch Salad der Bahamas. Er fischt die Hauptzutat nebenher auch noch selbst aus dem Wasser. Bei der Conch (sprich Konk) handelt es sich um das bahamaische Grundnahrungsmittel. Die grosse Meeresschnecke, deren Geschmack und Konsistenz an frischen Tintenfisch erinnert, ist häufig vertreten auf den Bahamas.

Ausser als Salat gibt es sie auch als Fritters, als Suppe oder sogar als Conchburger. Der Salat wird ähnlich wie das südamerikanische Ceviche roh angerichtet und mit viel Limetten-, manchmal auch Orangensaft, Zwiebeln und Peperoni zubereitet. Er schmeckt erfrischend, wie das gut gekühlte heimische Kalik-Bier (sprich Klick), das Yellow uns dazu serviert.

Bitte anhalten - hier bleiben wir!

C. J. hat für die Zubereitung und den Verzehr der Mahlzeit eine paradiesisch schöne Sandbank angesteuert. Feiner, weisser Sand, umgeben von warmem, türkisfarbenem Wasser – ach, könnten wir hier nicht ein Weilchen länger bleiben? Daraus wird leider nichts. C. J. hat einen genauen Zeitplan. Als wir gegessen haben, ist die Sandbank durch die Flut bereits auf die halbe Grösse geschrumpft. Als wir weiterfahren, ist sie fast ganz von Wasser überspült. Auch das gibt es also auf den Bahamas: Paradiese, die kommen und gehen.

Die Abgeschiedenheit endet in Nassau. Die 240 000 Einwohner der Hauptstadt lassen grossstädtisches Flair vermuten. Tatsächlich strahlt sie die verschlafene Trägheit einer Kleinstadt aus. Die höchsten Bauten sind einige internationale Hotels. Ansonsten: Pittoresker, leicht maroder Kolonialstil mit quietschbunten Häuserfassaden, dazu die Nobelvillen der Prominenz, welche die Inseln gern besucht.

Nassau ist geprägt von den jährlich fünf Millionen überwiegend amerikanischen Touristen, welche die Kreuzfahrtgiganten für einige Shopping-Stunden in die Stadt spülen. Nichts wie weg also, um die wahren Bahamas auf einer der sogenannten Out oder Family Islands zu entdecken. Jede ist unterschiedlich und bietet andere Reiseerlebnisse. Aber eines haben sie gemein: jede Menge Traumstrände.

Winzige Erdbeeren im Sand

Der angeblich schönste Strand lockt uns auf Harbour Island, eine kleine Nebeninsel von Eleuthera (sprich IluƟra). Er wurde zum romantischsten Strand der Welt gekürt und soll mit pinkfarbenem Sand aufwarten. Ein Muss also. Der Pink Sand Beach liegt auf der Atlantikseite der Insel. Dort ist das Wasser von tiefer dunkler Farbe.

Der Strand ist lang, weit, einsam und unglaublich schön – aber pink? Mit viel Fantasie erahnt man einen leichten Roséton. Vielleicht wird er ja bunter, wenn man gräbt? Und tatsächlich, ein paar Zentimeter unter der Oberfläche schimmert der Farbton kräftiger. Zu verdanken ist dies den Foraminiferen, Einzellern in Form mikroskopisch kleiner Erdbeeren. Sie fühlen sich im Übrigen auch an anderen bahamaischen Stränden wohl.

Eleuthera ist das griechische Wort für Freiheit. Die schmale Insel erhielt ihren Namen von englischen Puritanern, den Eleutherian Adventurers, die sich 1648 hier niederliessen. Noch heute kann man die Spuren der ersten Siedler in Governor’s Harbour entdecken. Die 180 Kilometer lange Insel mit drei internationalen Flughäfen zu unterhalten, ist eine logistische Herausforderung vor allem der Hurrikans wegen.

Die Insel ist bekannt für ihre schicken Boutique-Style-Hotels, die zahlungskräftige Besucher anziehen. Doch es lässt sich auch anders nächtigen und weitaus stimmungsvoller: In ehemaligen, adrett eingerichteten Privathäusern, die man mieten kann. Jedes ist umgeben von einem blühenden Garten, der zusammen mit den pastellfarbenen Holzfassaden und den weissen Fensterrahmen den Cornwall-Eindruck komplett macht.

Flüssiger Sonnenschein

Auf Eleuthera und anderen Inseln gab es früher eine nennenswerte Landwirtschaft bestehend aus Vieh- und Geflügelzucht sowie Ananasplantagen. Viele ungenutzte Silos sind Zeugen dieser Zeit. Die meisten Bauernhöfe gerieten nach den Verwüstungen durch Hurrikan «Andrew» im Jahr 1992 in finanzielle Nöte. Auch fehlende Bewässerungsmöglichkeiten und ungeeignete Böden stellten den Ackerbau vor Probleme.

Heute importieren die Bahamas 80 Prozent ihrer Lebensmittel. Im Vergleich zur restlichen Karibik ist das Land relativ wohlhabend – auch wegen der für Banken, Investment- und Treuhandgesellschaften günstigen Steuergesetzgebung. Daher taucht das Land auch auf der schwarzen Liste der Steueroasen auf. Das Bruttoinlandprodukt pro Kopf lag 2016 mit etwa 24 000 US-Dollar auf dem Niveau von Malta. Haupterwerbszweig ist der Tourismus, in dem etwa 60 Prozent der Bahamaer beschäftigt sind.

Frühstück bei Arthur’s Bakery auf Harbour Island: Für 20 Dollar serviert Monica ein typisch bahamaisches Frühstück mit Grits. Das ist eine Art Polenta aus Mais, die man entweder mit Thunfisch oder mit Ahornsirup isst.

Bei Arthur’s trifft sich die ganze Insel: Schulkinder und Hausfrauen, Einheimische und Touristen, Jachtbesitzer und bahamaische Arbeiter. Die Bahamaer sind freundliche Menschen, die kein bisschen touristenmüde sind. Man kommt leicht mit ihnen ins Gespräch. Mir fällt ein, was ein Mann in Nassau uns bei einem leichten Regenschauer zugerufen hat: «It’s just liquid sunshine», nur flüssiger Sonnenschein. Bahamaer sind Künstler darin, auch Unangenehmem eine positive Seite abzugewinnen.

Nach dem Frühstück bietet es sich an, einen benzinbetriebenen Golfcar zu mieten, der sich wie ein Aufsitzrasenmäher fährt, um darauf die nur acht Quadratkilometer grosse Insel zu erkunden. Mit zusätzlichen vier Passagieren ist der Car jedoch überfordert – er macht schlapp. Das stört uns nicht. Am nahen Hafen wird gerade mit lauter Musik und vielen «Bahama Mamas», einem Longdrink mit zweierlei Sorten Rum, gefeiert.

Wir mischen uns unter die Einheimischen, tanzen, plaudern, lachen. Als der Ersatz-Car gebracht wird, breche ich auf zu einer letzten nächtlichen Fahrt unterm bahamaischen Sternenhimmel. Sie könnte gerne ewig dauern. Wer will schon das Paradies freiwillig verlassen?