Frau Bucher, der Priester der Gemeinde Brigels im Kanton Graubünden tritt von seinem Amt zurück, weil er sich in eine Frau verliebt hat. Diese Nachricht hat erneut eine Diskussion um das Zölibat entfacht. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Beatrice Bucher: Meine Meinung ist klar: Das Pflichtzölibat gehört abgeschafft. Es ist ein unbiblisches Gesetz, das vor etwa 900 Jahren von den damaligen Kirchenmännern aus Machtgründen ins Gesetzbuch des Kirchenrechts aufgenommen wurde.

Warum aus Machtgründen? 

Immer wieder in der Kirchengeschichte wurde das Pflichtzölibat in Frage gestellt. Definitiv eingeführt wurde es 1022 von Papst Benedikt VIII. Der Grund war keinesfalls theologisch, sondern ganz pragmatisch. Es sollte zum Beispiel verhindert werden, dass beim Tod eines Geistlichen das Vermögen der Kirche an Familienangehörige übergeht.

Sie selbst wissen, wie es ist, vom Zölibat betroffen zu sein.

Mein Partner war Ordenspriester. Er unterrichtete an der Ordensschule und lebte zeitweise im Kloster in der Ordensgemeinschaft. Wir haben zwölf Jahre lang heimlich eine Beziehung gelebt. Intensiv mit Brief- und Telefonkontakt, zunehmend dann auch mit Treffen. Erst als er aus dem Orden austrat, durften wir etwas mehr als 13 Jahre gemeinsam und öffentlich unseren Alltag leben und teilen. Vor vier Jahren ist er verstorben.

Wie war es, so lange diese Beziehung zu verstecken? 

Es war häufig sehr schwierig und geprägt von vielen Aufs und Abs. Er hatte oft und immer wieder ein schlechtes Gewissen gegenüber seinem Orden. Denn er hatte ja das Gelübde der Ehelosigkeit und Keuschheit abgelegt. Zigmal versuchte er, die Beziehung zu mir aufzulösen, sagte sich, es kann nicht sein, was nicht sein darf. Meistens meldete er sich nach wenigen Tagen aber wieder bei mir.

Er schaffte es nicht, sich von Ihnen zu trennen? 

Er kam immer wieder zu mir zurück. Ständig dieses Hin und Her und das über Jahre. Wir haben unendlich gelitten. Nicht an unserer Liebe, sondern an den absurden Gesetzen der katholischen Kirche.

Was war so schwer für ihn? 

Dass auf der einen Seite diese Gesetze der Kirche waren und er versprochen hatte, diese nicht zu brechen und er auf der anderen Seite mit der Wirklichkeit des Lebens konfrontiert wurde. Man kann die Liebe bekanntlich nicht verordnen. Da rutscht man hinein. Für ihn war das ein langer und beschwerlicher Weg, den er gehen musste, den er gegangen ist.

Wer hat Ihnen während dieser Zeit geholfen? 

Nur sehr wenige wussten über uns Bescheid. Ich konnte mit ein paar Freunden und mit meinen Angehörigen darüber sprechen. Er hingegen konnte sich kaum jemandem anvertrauen. Zuletzt hat er sich während einer dreimonatigen Auszeit mit seinem Innersten auseinandergesetzt. Er entschied sich endgültig für unsere Beziehung und trat er aus dem Orden aus.

Wie reagierte der Orden? 

Das Administrative lief korrekt ab. Doch davon abgesehen hörte er gar nichts vom Orden. Obwohl er über 40 Jahre lang in derselben Ordensgemeinschaft gelebt hatte, herrschte nach seinem Austritt einfach Stillschweigen darüber. Ich kann das bis heute nicht nachvollziehen. Er hingegen wollte nicht darüber sprechen. Aber ich glaube, es hat ihm sehr weh getan.

Sie sind Vorstandsmitglied des «ZöFra», einem Verein, der sich um Frauen kümmert, die vom Zölibat betroffen sind, sprich, die versteckt Beziehungen zu Geistlichen unterhalten oder gar Kinder mit ihnen haben. Wie viele solche Frauen gibt es in der Schweiz? 

Seit der Gründung des Vereins im Jahr 2000 haben sich rund 500 Frauen bei uns gemeldet. Doch diese Zahl lässt nur teilweise einen Rückschluss auf die Realität zu. Denn nur ein kleiner Prozentsatz der Frauen hält es nicht mehr aus und meldet sich schliesslich bei uns.

Gibt es Schätzungen, wie viele Geistliche eine heimliche Beziehung unterhalten?

Auch dazu gibt es keine verlässliche Zahlen. Es ist eine unausgesprochene Wirklichkeit, dass es sehr viele gelebte Liebesbeziehungen gibt. Zu Frauen wie natürlich auch zu Männern.

Der 35-jährige Priester im Kanton Graubünden war sieben Jahre in seiner Gemeinde in Brigels tätig. Was kommt nach seinem Abschied nun auf ihn zu? 

Sein Privatleben hat er mit dem Entschluss, die Beziehung öffentlich leben zu wollen, bereits geregelt. Wie es für ihn nun beruflich weitergeht, wird sich zeigen. Falls er weiterhin im kirchlichen Bereich arbeiten möchte, wäre es sehr wünschenswert, dass ihm dies nach der Befreiung seiner priesterlichen Verpflichtungen möglich sein wird.

Wird das von den verschiedenen Bistümern unterschiedlich gehandhabt? 

Ja, die Bistümer und ihre Bischöfe haben einen gewissen Handlungsspielraum, wie gewisse Tatsachen praktiziert werden. Das Pflichtzölibat kann ein Bistum natürlich nicht in Eigenregie abschaffen. Jedoch kann ein Priester, der sich für eine Partnerschaft entscheidet und die Dispens erhalten hat, als Pastoralassistent, also als Seelsorger, eingesetzt werden.

Inzwischen findet sogar der Papst, dass über eine Lockerung des Zölibats nachgedacht werden muss. Doch konkret passiert ist bisher noch nichts. Wie lange dauert es noch, bis die katholische Kirche den Wandel vollzieht?

Nach den Äusserungen von Papst Franziskus kann dies mittelfristig möglich sein. Noch ist ein grosses Umdenken nötig. Die hohen alten Kirchenmänner müssen sich von ihrer Macht lösen, zudem müssten meines Erachtens gleichzeitig Frauen als Priesterinnen zugelassen werden. Auch die Sexualität darf nicht mehr verteufelt werden. Es gibt Realitäten, dazu gehören beispielsweise auch homosexuelle Priester, welche die katholische Kirche anerkennen muss. Doch bis dahin ist es – so befürchte ich – noch ein weiter Weg.