Guernsey? Was ist das? Die allermeisten Leute, denen ich von der kleinen Insel im Ärmelkanal erzählte, hatten nie davon gehört. Die wenigen, die schon von der Insel gehört hatten, waren entweder an Reisen interessiert oder aber an Büchern. Es gibt wohl kaum eine zweite so winzige Insel, die so viele Autoren inspiriert hat. Allen voran Victor Hugo, der dort 15 Jahre im Exil lebte und auf den die Gurns besonders stolz sind. Durch die Augen dieser Schriftsteller habe auch ich die Insel kennen gelernt, lange bevor ich den Fuss darauf setzte.

Wie ist die zweitgrösste Kanalinsel, die zwar vor der normannischen Küste liegt, aber direkt dem englischen Königshaus unterstellt ist? Oder, wie es der deutsche Schriftsteller Jan Lucas in seinem Krimi «Cyrus Doyle und der herzlose Tod» ausdrückt: «Sie lag irgendwo im Niemandsland – oder Niemandsmeer – zwischen England und Frankreich, näher an Frankreich, aber enger mit England verbunden und kulturell von beiden beeinflusst. Französische Namen und Bezeichnungen vermischten sich munter mit englischen, und oft waren sich selbst die Einheimischen – die Gurns – nicht über die richtige Aussprache einig.»

Die kleine Hauptstadt St. Peter Port hat viel maritimen Charme.

Die kleine Hauptstadt St. Peter Port hat viel maritimen Charme.

Wenn sie schon so viel über die hübsche kleine Insel geschrieben haben, dann sei diesen Schriftstellern das Wort überlassen. Vor oder während der Reise kann man sich hier von einem Schriftsteller führen lassen – wie in Florenz von Dante oder in Lodon von Charles Dickens.

Anreise unbedingt per Schiff

Um nach Guernsey zu reisen, kann man das Flugzeug nehmen. Doch, wie Mary Ann Shaffer und ihre Nichte Annie Barrows in ihrem Weltbestseller «Deine Juliet», der kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges spielt, eine Einheimische sagen lassen: «Gewiss wäre ein Flug nach Guernsey schneller und bequemer als das Postschiff. Aber wenn Sie nicht unter Seekrankheit leiden, empfehle ich Ihnen das Schiff, das nachmittags von Weymouth abgeht. Es gibt keine schönere Anfahrt nach Guernsey als von der Seeseite – im Licht der untergehenden Sonne, mit goldgeränderten, schwarzen Gewitterwolken über der aus dem Nebel auftauchenden Insel.» Und auch Jan Lucas schwärmt: «Schön und zugleich geheimnisvoll wie das Eiland, das sich mit seinen sanften grünen Hängen und den zerklüfteten felsigen Buchten aus den Fluten des Ärmelkanals reckte.»

Die Guernsey Lily ist die Wappenblume.

Die Guernsey Lily ist die Wappenblume.

Es ist eine romantische Insel, umsäumt von Stränden und malerischen Klippenpfaden. Shaffer und Barrows lassen ihre Juliet sagen: «Das Meer und die Wolken sehen alle fünf Minuten anders aus, und ich fürchte, etwas zu verpassen, wenn ich im Haus bleibe. Als ich heute Morgen aufstand, glitzerte die Sonne auf dem Meer wie tausend Goldmünzen. Und nun scheint es von zitronengelbem Musselin bedeckt zu sein. Schriftsteller sollten weit landeinwärts oder neben der städtischen Müllhalde wohnen, wenn sie je etwas schaffen wollen.»

Fünf Jahre Besatzung

Neben dieser Meeresromantik gibt es vor allem ein Thema, das in nahezu jedem Buch über Guernsey zum Thema wird: der Zweite Weltkrieg. Am 30. Juni 1940 wurde Guernsey von den Deutschen eingenommen. Dabei schienen die Briten vergessen zu haben, den Deutschen zu sagen, dass sie jegliche Besatzung von den Inseln abgezogen hatten und nur noch Zivilisten geblieben waren.

Als die Deutschen die Lastwagen am Hafen der Hauptstadt St. Peter Port sahen, die mit Tomaten beladen zum Markt fuhren, glaubten sie, es seien Armeelastwagen, und warfen Bomben. Viele Menschen kamen ums Leben – auf den gesamten Kanalinseln 40, noch bevor die Deutschen überhaupt gelandet waren. Die Engländer hatten zumindest die Kinder einige Tage zuvor von den Inseln evakuiert. Fünf Jahre mussten die verbliebenen Insulaner unter den Deutschen leben, hatten kaum genug zu Essen und mussten die Plünderungen ertragen. Nirgends ist das so rührend, aber auch deutlich nachzulesen wie in «Deine Juliet», auf Englisch «The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society».

Wehrtürme erinnern an das Morden.

Wehrtürme erinnern an das Morden.

Die Wehranlagen, die Hitler während seiner «Island Madness» bauen liess, sind auf der ganzen Insel anzutreffen. Wer am 9. Mai auf Guernsey weilt, kann die Paraden der verschiedenen Soldatencorps und restaurierten Kriegsfahrzeuge an der Parade des Liberation Day bestaunen. 2020 wird ein besonders grosses Fest stattfinden, es ist der 75. Jahrestag der Befreiung.

Die bekannte deutsche Schriftstellerin Charlotte Link hat in ihrem Roman «Die Rosenzüchterin» schon im Jahr 2000, vor all den anderen Autoren, die Insel und ihre Kriegsvergangenheit literarisch aufgegriffen. Ihr Buch spielt jedoch in der heutigen Zeit. Die ebenfalls deutsche Guernsey-Reiseleiterin Gaby Betley, die seit vielen Jahren auf der Insel wohnt, pickt sich während ihrer Tour durch die kleine Hauptstadt jene Besucher heraus, die die Rosenzüchterin gelesen haben, führt sie vor ein Restaurant und liest vor: «Le Nautique lag direkt am Hafen von Saint Peter Port, der Hauptstadt der Insel Guernsey, und durch die zwei grossen Fenster des Restaurants» –  Gaby zeigt hinauf – «hatte man einen wunderschönen Blick über die zahllosen Jachten, die dort vor Anker lagen; man hatte sogar den Eindruck, zwischen all den Schiffen zu sitzen und Teil des Lebens und Treibens dort zu sein.»

Es lohnt sich, das Nautique zu besuchen. Das Essen des aus Ulm stammenden Spitzenkochs und Inhabers Günter Botzenhart, der seit 1981 auf der Insel lebt, ist weitherum bekannt. Wie viele Deutsche ist er wegen des Jobs nach Guernsey gekommen und wegen der Liebe geblieben. Mittlerweile hat er fünf Töchter und einen sehr guten Ruf.

Enge Strassen und Bluebells

Neben Meer und Zweitem Weltkrieg gibt es zwei Dinge, die in fast allen Büchern über Guernsey vorkommen: die Strassen und die typischen blauen Glockenblumen, die Bluebells. Punkto Strassen sind Karten sehr zu empfehlen. Da beispielsweise Saint Peter Port am Hang gebaut ist, wodurch jedes Haus Meerblick hat, sind die Strassen von hohen Stützmauern flankiert. Wegen ihnen muss man manchmal weit um einen Park herumgehen, bis man den Eingang findet. Doch: Es lohnt sich, denn die Parks sind wunderschön und die Aussicht aufs Meer atemberaubend.

Die Amerikanerin Elizabeth George hat ebenfalls Bekanntschaft mit den engen Strassen der Insel gemacht, bevor sie 2003 in ihrem Krimi «Wer die Wahrheit sucht» schrieb: «Margaret entdeckte bald, dass es zu den Eigenarten der Inselbewohner gehörte, Strassenschilder zu verstecken – meist hüfthoch in dichtem Efeu. Sie merkte ausserdem, dass man wissen musste, in welche Gemeinde man wollte, wenn man nicht mitten in Saint Peter Port landen wollte, wo alle Strassen hinzuführen schienen.»

Guernsey ist die zweitgrösste Kanalinsel zwischen Frankreich und Grossbritannien.

Guernsey ist die zweitgrösste Kanalinsel zwischen Frankreich und Grossbritannien.

Und zu den Bluebells schreibt die Deutsche Pippa Watson in ihrem Roman «Eine Liebe auf Guernsey»: «Und wenn wir dann weitergehen, landeinwärts, hinein in den Wald der uralten, mit Moos bewachsenen Bäume, würden sie still werden. Denn auf dem Boden würden ihnen Trillionen von blauen Schlüsselblumen entgegenleuchten, die diesem Waldabschnitt seinen Namen gegeben hatten: Bluebell Woods. So zart und zugleich so wild ergoss sich die Flut der blauen Blüten über die Hänge unter dem Blätterdach, dass von Menschen, die diesen Anblick zum ersten Mal genossen, meist nur ein tiefes Seufzen zu hören war. In diesem Augenblick würde sich für jeden Einzelnen von ihnen die Anreise mit dem Flugzeug oder der Fähre bereits gelohnt haben.» Guernsey ist aber auch besonders stolz auf seine Wappenblume, die rote Guernsey Lily, die in den Souvenirshops in allen Mustern zu finden ist. Und für die Pflanzenfreunde: Guernsey hat jede Menge essbare Pflanzen zu bieten – auf einem Spaziergang über die Küstenpfade kann man sich ein ganzes Menü zusammenstellen.

«Kleines edles Volk des Meeres»

Ein schönes Bild der Insel hat auch Sophia Cronberg in ihrem Roman «Die Lilieninsel» gefunden: «Manchmal dachte Lilian, dass die Insel, wie sie sich hier an der Südküste zeigte, einem Haus glich, das von einem sehr nüchternen Mann errichtet worden war. Er setzte mehr auf stabile Mauern und auf klare Formen als auf Schönheit. Doch kaum war das Gebäude bezugsbereit, war seine kluge Hausfrau ans Werk geschritten, hatte begonnen, das Anwesen nicht nur einzurichten, sondern zu schmücken, und das bunte Mobiliar und der verspielte Zierrat liessen vergessen, wie streng und ungemütlich die leeren Räume einst gewirkt hatten.»

Zum Schluss soll jener Mann das Wort haben, auf den die Gurns so stolz sind, dass sie ihm eine Statue im schönsten Garten der Hauptstadt, Candie Gardens, erbaut haben. In goldenen Lettern haben sie graviert, was er in seinem Buch «Die Arbeiter des Meeres» aus dem Jahr 1866 sagt: «Ich widme dieses Buch dem Felsen der Gastfreundschaft und Freiheit, jenem Winkel altnormannischer Erde, wo das kleine edle Volk des Meeres lebt, der rauen und lieben Insel Guernsey, gegenwärtig meine Zufluchtsstätte und wahrscheinlich mein Grab – Victor Hugo.»