Dass ich gescheitert bin, weiss ich, als ich meiner Schwester in einer Textnachricht viel Erfolg für den neuen Job wünschen will, sich Whatsapp aber nicht mehr öffnen lässt. Mein Zeitbudget für soziale Medien ist für den heutigen Tag bereits aufgebraucht. Ich nerve mich über die Dutzenden Minuten, die ich heute auf Twitter und Facebook vergeudet habe. Eine einzige davon würde mir jetzt reichen, um die wichtige Nachricht zu schreiben. Doch das System gewährt keine Ausnahme, unterscheidet nicht zwischen sinnlosem Zeitvertreib und wichtiger Nachricht. Soziale Medien ist soziale Medien.

Seit zwei Wochen nutze ich die neue Funktion «Bildschirmzeit» auf meinem iPhone (das neue Betriebssystem iOS12 ist erforderlich), um meinen Smartphone-Konsum zu kontrollieren. Ziel ist es, mich während Alltag und Arbeit weniger vom omnipräsenten digitalen Rauschen ablenken zu lassen. Dafür habe ich für die Nutzung von sozialen Medien und Games ein Limit von 30 Minuten eingerichtet, sowie eine bildschirmfreie Zeit zwischen 23.00 Uhr und 6.30 Uhr festgelegt.

Alle sechs Minuten am Handy

Schon länger gibt es zwar Apps, mit denen sich die Smartphone-Nutzung überwachen lässt. Dass nun aber sowohl Apple als auch Google solche Funktionen in ihre Software integrieren, ist bemerkenswert. Es ist ein Statement der beiden Tech-Riesen, sich um das digitale Wohlbefinden ihrer Nutzer kümmern zu wollen. Eines, das natürlich nicht ganz freiwillig erfolgt. Die negativen Folgen der Technik auf unsere Gesellschaft sind das Technik-Thema des Jahres. Es gibt sogar ein eigenes Wort dafür: den «Techlash». Eine Zusammensetzung aus «Technologie» und «Backlash», ein Rückschlag der Technik-Branche also.

Kinder, die gamesüchtig sind, Teenager die in sozialen Netzwerken gefangen sind und soziale Störungen entwickeln, Manager, die ihre Finger nicht mehr vom Smartphone lassen können und in Burnouts schlittern – all das hat uns die technologische Entwicklung auch gebracht. Und dagegen formiert sich vermehrt Widerstand. Zur Speerspitze der Techlash-Bewegung gehören ausgerechnet ehemalige Mitarbeiter der Tech-Konzerne. Justin Rosenstein etwa, der 2009 für Facebook den Like-Button erfunden, und damit die Anziehungskraft des sozialen Netzwerks um ein Vielfaches vergrössert hat. Oder Tristan Harris und James Williams, die für Google an neuen Technologien getüftelt haben, ehe sie die Non-Profit-Organisation «Time Well Spent» ins Leben riefen, um den gesellschaftlichen Umgang mit Technologie zu thematisieren. Die Designer der digitalen Wunderwerke werden selber zu Warnern.

Darauf reagiert nun Apple mit der Funktion «Bildschirmzeit». Das hat durchaus etwas Widersprüchliches. Die Probleme der Technik sollen mit noch mehr Technik beseitigt werden. Kann das funktionieren?

Nun, der erste Schritt, um ein Problem zu lösen, besteht darin, es zu erkennen. Da kann eine akribische Aufzeichnung des eigenen Smartphone-Konsums helfen. In meinem Fall hat mich weniger beschäftigt, dass ich das Gerät teilweise fast drei Stunden nutze, sondern wie oft ich es in die Hand nehme. An einem Tag waren es 117-mal. Zieht man die bildschirmfreie Zeit in der Nacht ab, bedeutet das, dass ich es alle sechs Minuten entsperre.

Eine Pushmeldung lesen, eine Whatsapp-Nachricht beantworten, schnell den Kalender konsultieren, etwas nachschlagen, die Mails checken, kurz auf Twitter gehen, oder einfach aufs Handy schauen und sehen, dass keine Nachricht eingegangen ist – all das reisst mich immer wieder aufs Neue aus dem Hier und Jetzt. Statt das Smartphone zu kontrollieren, kontrolliert das Smartphone mich. Das kann nicht gesund sein. Das muss sich ändern, sagte ich mir.

Es ist wie mit allen Vorsätzen

Fortan überlegte ich mir, bevor ich zum Handy griff, ob das nun wirklich nötig sei. Dass ich damit Erfolg hatte, zeigte sich in meiner Nutzungsstatistik. Bald lag ich unter 100 Smartphone-Entsperrungen, dann bei 80 – was gemäss einer Studie der durchschnittlichen Nutzung entspricht. Auch mit der Eindämmung meines Social-Media-Konsums war ich vorerst erfolgreich. Ich hielt mich ans Zeitbudget von einer halben Stunde und teilte die mir zur Verfügung stehend Zeit entsprechend ein. Doch es ist wie mit allen guten Vorsätzen: Irgendwann gibt man sie auf. Nicht von einem Tag auf den anderen; das erfolgt schleichend.

Und so kommt der Alarm, dass ich mein Zeitlimit für soziale Medien überschritten habe, just in jenem Moment, in dem ich meiner Schwester über Whatsapp viel Erfolg wünschen will. Ich finde mich in einer überaus paradoxen Situation wieder: Eigentlich soll mir die Funktion «Bildschirmzeit» ja helfen, wieder die Kontrolle über mein Smartphone zurückzugewinnen. Stattdessen hat nun das Gerät abermals die Kontrolle über mich und verbietet mir, meiner Schwester zu schreiben.

Natürlich ist die Limitierung schnell wieder aufgehoben. Dennoch zeigt das Beispiel: Technik kann uns vielleicht unterstützen, um unsere Probleme in den Griff zu bekommen, lösen tut sie diese nicht. Doch auch das Umgekehrte gilt, nämlich dass die Technik allein noch keine Probleme schaffen kann. Es geht immer um den Umgang mit ihr. Wir sind den smarten Gadgets nicht bedingungslos ausgeliefert. Es ist Zeit, die Kontrolle wieder an uns zu reissen!

Ich ignoriere die Limitierung, die mein Handy mir auferlegt hat, und schreibe die Nachricht an meine Schwester. Das lasse ich mir nicht verbieten! Die Apps von Facebook, Instagram und Twitter, mit denen ich heute zu viel Zeit vergeudet habe, entferne ich von der ersten Seite des Startbildschirms und gruppiere sie in einem Ordner weiter hinten. Aus den Augen, aus dem Sinn. Dann stelle ich den Flugmodus ein, lege das Handy weg und geniesse den freien Abend.