Die Welt wird immer städtischer, Megacitys mit mehr als zehn Millionen Einwohnern wachsen ins Unermessliche. Aber auch die mittelgrossen Städte werden immer grösser. «Derzeit ziehen weltweit jede Sekunde zwei Menschen vom Land in die Städte. Im Jahr 2030 werden neun Prozent aller Menschen in 41 Megacitys leben», sagt Oliver Gassmann, Professor am Institut für Technologiemanagement der Universität St. Gallen. Schon im Jahr 2014 lebten 54 Prozent der Bevölkerung in Städten, 2040 werden es bereits 65 Prozent der Weltbevölkerung sein.

Doch Städte sind Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil die Verkehrs- und Energiesysteme sowie auch jene der Wasserversorgung überlastet sind. Bodenversiegelung, Kriminalität, Wohnungsmangel plagen die Stadtbevölkerung. Trotzdem lockt die städtische Vielfalt, das grosse Angebot an Jobs, Kultur und Shopping Millionen in die Zentren. Um den Andrang zu bewältigen, braucht es intelligente Städte, Smart Citys. Damit wird versucht, den negativen Aspekten von Städten mit neuen Denkansätzen und technologischen Konzepten entgegenzuwirken.

Nach Oliver Gassmann werden intelligente Städte international zu einem Wettbewerbsvorteil. Bemerkt hat das zum Beispiel China, das Smart Citys in seinen Urbanisierungsplan aufgenommen hat. An verschiedenen Orten auf der Erde werden solche Projekte aufgegleist. In Berlin baut das Unternehmen Panasonic das Wohnquartier «Future Living Berlin». Microsoft-Gründer Bill Gates erstellt in Arizona auf einer Fläche von zwanzig Quadratkilometern eine Hightech-City mit Hochgeschwindigkeitsnetzen, Datenzentren und autonomen Fahrzeugen. In Saudi-Arabien soll eine 500 Milliarden Dollar teure Mega-City aus dem Wüstensand gestampft werden, in der Passagierdrohnen verkehren und die Häuser aus dem 3D-Drucker stammen.

Diese Städte entstehen auf dem Reissbrett und sind dementsprechend einfacher intelligent zu gestalten. Schwieriger ist das bei bestehenden Städten, insbesondere was die Mobilität betrifft. Eines der Konzepte ist die Elektromobilität, die, wie am Autosalon in Genf zu sehen war, nun von der Autobranche stark angepriesen wird.

Städte sind unvorbereitet

Fragt sich, ob unsere Städte smart genug wären, würden tatsächlich auf einmal 15 Prozent der Autos mit einer Batterie herumfahren. Der Trend zur Elektromobilität sei nicht der Weisheit letzter Schluss, aber eine sinnvolle Entwicklung, sagt Gassmann. «Derzeit sind die meisten Städte noch überhaupt nicht auf diese Revolution vorbereitet.» Nach Gassmann fehlen überall Ladestationen. Deren Ausbau sei aber gleichzeitig eine riskante Investition. «Es ist ein typisches Henne-Ei-Problem: Es muss in die Infrastruktur investiert werden, damit sich die Elektromobilität durchsetzen kann. Gleichzeitig warten die Städteplaner ab, wie sich der Bedarf nach E-Ladestationen entwickelt.» Mutige Entscheidungen mit Zukunftsvisionen seien deshalb gefragt. Bei der Mobilität tut intelligente Steuerung not. In Frankfurt zum Beispiel sind Autofahrer 65 Stunden pro Jahr auf Parkplatzsuche. Da hilft die Umstellung auf Elektromobilität alleine nicht. «Es müssen intelligente Leitsysteme aufgebaut werden, Ladekapazität bereitgestellt werden und eine intelligente Kombination mit dem öffentlichen Verkehr stattfinden», sagt Gassmann. öV-Konzepte, welche den Tür-zu-Tür-Transport umfassen, wie auch Sharing-Konzepte und neue Geschäftsmodelle wie «Drive now» oder «car2go».

Allerdings würde eine zunehmende Elektromobilität die Energiesysteme der Städte arg belasten. Die Niederspannungsnetze müssten stark ausgebaut werden. Mit bis zu sechs Mal höheren Investitionen wird gerechnet. «Ja, eine intelligente Stadt ist nicht kostenlos», sagt Gassmann. Und so wie die Elektromobilität noch keine Smart City macht, gilt das wohl auch für die autonomen Fahrzeuge. Da gibt es die Befürchtung, dass diese nicht weniger, sondern mehr Verkehr erzeugen – weil die selbstfahrenden Autos nicht nur mit, sondern sogar ohne Passagiere herumfahren – zum Beispiel, wenn sie alleine zum Parkplatz fahren.

Autonomes Fahren ersetzt öV

Bei einer Zunahme von autonomen Fahrzeugen werde man zwei Effekte beobachten, sagt Gassmann. Erstens finde eine Verlagerung statt, bei welcher der öV durch autonomes Fahren ersetzt werde, was mehr Fahrten erzeugt. Gegenläufig und damit positiv sei der Effekt, dass autonome Fahrzeuge stärker geteilt werden. «Während ein Auto heute zu 95 Prozent seiner Lebenszeit in der Garage oder auf einem Parkplatz steht, erwarte ich beim autonomen Fahren neue Geschäftsmodelle, welche Mobilität teilbar machen», sagt Gassmann. Selbstfahrende Autos würden dann seltener besessen und effizienter genutzt. Dadurch werde es am Ende weniger Fahrzeuge in den Städten geben, glaubt Gassmann. Das sei eine Bedingung für eine Smart City, die sich nach Gassmann durch mehr Lebensqualität bei weniger Ressourcenverbrauch auszeichnet.

Doch in der Schweiz sehnen sich nicht alle nach Urbanisierung, im Gegenteil: Ihr Traum ist ein Einfamilienhaus, zwei Autos und eine Garageneinfahrt. «In der Schweiz dauert der Traum nach dem Eigenheim im Grünen an, weltweit hingegen nimmt die Verstädterung zu. Konzentration und Verdichtung ist dabei kein Widerspruch zur Individualisierung – die nächste Generation Y und Z realisiert diese Individualisierung nicht mehr über das Auto, sondern über Lebensstile.»

Oliver Gassmann, Jonas Böhm, Maximilian Palmié: «Smart City», Hanser-Verlag, 283 Seiten, 75 Franken.